Neue Regeln für Zertifizierung? Palmöl: Nachhaltigkeit reicht nicht

Wenn im Supermarkt die Wahl auf zertifizierte Palmöl-Produkte fällt, ist das Einkaufsgewissen beruhigt. Nachhaltiges Palmöl ist auch das tatsächlich geringere Übel. Aber eben nur das, wie eine neue Studie zeigt. Neue Kriterien müssen ran, sagen Forschende.

Auf Teller vier Scheiben fluffiges Brot mit Mehrkorn-Anschein, auf einer Scheibe Nuss-Nugat-Creme, Messer mit Nuss-Nugat-Creme an Spitze.
Palmöl mit Zucker ist ein allseits beliebter Brotaufstrich. Bildrechte: imago/Addictive Stock

Wenn die Nuss-Nugat-Creme großzügig auf dem Wochenendbrötchen verteilt wird, dann wird mitunter auch das schlechte Gewissen großzügig auf dem Teigstück verteilt. Abhilfe schaffen da vier Buchstaben: RSPO. Wer die auf dem Verpackungsetikett findet, darf am Sonntagmorgen ein bisschen beherzter zubeißen. Zumindest bisher.

Denn die Standards, die mit dem weltweitem RSPO-Zertifikat für nachhaltiges Palmöl verknüpft sind, reichen offenbar hinten und vorn nicht, um das zu tun, wofür sie eingeführt wurden: Einen Beitrag zum Schutz der Artenvielfalt zu leisten, schließlich ist die Biodiversitätskrise neben der Klimakrise die zweite große Krise unserer Zeit – und eng mit ihr verknüpft.

Wald-artige Plantage mit hohen Ölpalmen – typische Palmen mit Wedel und grün-braunem Stamm. Blick in Plantagen-Wald.
Sieht aus wie Märchenwald. Ist aber Palmölplantage. Bildrechte: imago/Ardea

Vorab: Eine Nuss-Nugat-Creme mit RSPO-Siegel ist auf jeden Fall besser als eine ohne. Die Zertifizierung stellt sicher, dass Palmöl-Unternehmen keinen Regenwald für Plantagen abholzen oder sie in Torfgebiete ausweiten dürfen. Eine gute Sache. Mit Lücken, wie eine Forschungsarbeit an der Uni York zeigt, an der u.a. auch das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung beteiligt war.

🌴📃 Ölpalme und RSPO Das Palmöl aus der Ölpalme – nicht zu verwechseln mit Kokosöl aus der Kokospalme – ist ein äußerst attraktives Pflanzenöl. Der Ertrag ist deutlich höher als bei vielen anderen Pflanzenölen, wie etwa Rapsöl. Außerdem sichert es den Lebensunterhalt von Millionen von Menschen. Es geht also weniger ums Meiden von Palmöl als um einen verantwortungsvollen Anbau. Dafür sorgt eigentlich der 2004 gegründete Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO). Mitglieder dieses runden Tischs sind Umweltschutzverbände und andere NGOs sowie Unternehmen, die mit Palmöl zu tun haben.

Die Studie zeigt, dass die Unterzeichnung der RSPO-Richtlinien zwar Regenwälder schützt. Plantagen dafür aber – einhergehend mit Rodungen – in tropische Gras- und Trockenwälder wie den Llanos in Kolumbien, die Beni-Savanne im Norden Boliviens und die Savannen in Guinea und dem Kongo verlegt werden. Um zwei Betroffene beim Namen zu nennen: das Riesenschuppentier im Kongo oder Hellmich's Rocket Frosch (Hyloxalus vergeli) in Kolumbien können so ihren Lebensraum verlieren.

Tier mit großem, runden Körper, langem, dünn zulaufenden Schwanz und dünn zulaufendem Kopf. Bedeckt mit größeren Schuppen.
Dieses zauberhafte Tierchen – das Riesenschuppentier – soll seinen Lebensraum nicht für Süß- und Fettspeisen hergeben müssen. Bildrechte: imago/Nature Picture Library

Die Forschenden haben errechnet, dass insgesamt ein Drittel der Wirbeltiere betroffen sein könnten, die auf der Roten Liste bedrohter Arten stehen. Für die Studie kartierte das Forschungsteam die Gebiete rund um den Globus, die durch neue Ölpalmenplantagen gefährdet sind. Sie ermittelten 167 Millionen Hektar, die potenziell für den Anbau von Ölpalmen geeignet sind und dennoch der RSPO-Definition für nachhaltiges Palmöl (RSPO) von "Null-Abholzung" entsprechen.

Die Biologin Jane Hill, Mitverfasserin der Studie, warnt: "Unsere Studie zeigt, wie die derzeitigen Nachhaltigkeitsverpflichtungen die unbeabsichtigte Folge haben könnten, dass Gebiete mit bemerkenswerter biologischer Vielfalt durch die Ausweitung der Ölpalmenwirtschaft gefährdet werden." Erstautorin Susannah Fleiss: "Obwohl wir herausgefunden haben, dass die Ölpalmenerträge in Gebieten, die derzeit von Grasland und Trockenwald bedeckt sind, geringer sind als in tropischen Regenwäldern, wären diese Standorte immer noch attraktiv für die Ausweitung des Ölpalmenanbaus."

Weniger fruchtbar, trotzdem attraktiv genug

Insbesondere dann, wenn man sie zusätzlich bewässere. Das wäre dann aber gleich der nächste ökologische Knackpunkt. Zudem lebe eine große Anzahl von Menschen in tropischen Gras- und Trockenwaldgebieten, wo sie oft eine entscheidende Rolle bei ökologischen Prozessen wie dem Abbrennen und Beweiden spielen würden. Die Ausweitung des Ölpalmenanbaus in diesen Gebieten könne zu einer Reihe von Problemen für die lokale Bevölkerung führen.

Und jetzt? Das RSPO-Label kippen? Keine gute Idee, sagen die Forschenden. Das Regelwerk, das für bedrohte Regenwälder aufgestellt wurde, müsse hingegen dringend erweitert und an die neuen bedrohten Naturräume angepasst werden.

Weiter mit Siegel oder weiter ohne Siegel?

Verbrauchende? Die tun gut daran, natürlich trotzdem zu RSPO-Ware zu greifen, als zu solcher, die gar kein Siegel trägt. Oder generell ihren Palmöl-Konsum ein bisschen zu reduzieren. Und was ist mit Nutella und Nusspli, den beiden Nugat-Lieblingen der Republik? Die Hersteller wedeln inzwischen kräftig mit ihren RSPO-Zertifikaten und werben für einen Sonntagmorgen ganz ohne Gewissensbisse. Den Marktführer sollte man aber vielleicht aus anderen Gründen meiden.

Was die neuen Erkenntnisse aus Oxford betrifft, müssen Verbrauchende einfach auf Nachbesserung hoffen. Vielleicht passiert das schneller als gedacht. Beim palmölhungrigen Tausendsassa Unilever (Knorr, Langnese) liegen die Ergebnisse vermutlich schon auf dem Tisch. Der Multikonzern hat wundersamerweise die Studie finanziert und betreibt auch selbst Palmölplantagen.

flo

Links/Studien

Die Studie erschien am 28. November 2022 im Fachjournal Nature Ecology & Evolution.

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