Corona Leben, Tod und Sauerteig: Wie die Pandemie gesellschaftliche Werte verändert

Seit fast einem Jahr bestimmt Covid-19 unseren Alltag. Eine US-Studie hat nun anhand von Suchmaschinen-Anfragen untersucht, wie sich unser Verhalten und unsere Werte während der Pandemie verändert haben.

Drei Frauen mit Mundschutz stehen beieinander, eine Frau hält die Hand einer anderen Frau.
Wie verändert Corona unsere Denkweise? Die Forscher haben in den USA nachgeschaut. Die Ergebnisse sind auch für uns interessant. Bildrechte: IMAGO / ZUMA Wire

Die Pandemie hat uns nun schon seit fast einem Jahr fest im Griff. Das Virus bedroht nicht nur unsere Gesundheit, sondern wirkt sich auf alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens aus. Über unserem Alltag, über unserer Existenz schwebt eine ständige Bedrohung. Für die einen mehr, für andere weniger. Was macht das mit uns Menschen? Was macht das mit unserem Verhalten und unseren gesellschaftlichen Werten?

Wandel im Mindset

Genau das wollten Forschende der University of California in Los Angeles (UCLA) und des Harvard College herausfinden. Ihre Theorie: Wenn Menschen plötzlich einer Bedrohung ausgesetzt sind und nur noch einen begrenzten Zugang zu materiellen Ressourcen haben, meldet sich bei ihnen ein evolutionärer Instinkt, der einen psychologischen Wandel in der Denkweise und im Verhalten bewirkt. Die Menschen würden sich dann ihrer eigenen Sterblichkeit bewusster werden, sich stärker mit kollektiven Werten identifizieren, weniger nach Reichtum streben und sich stärker mit Aktivitäten beschäftigen, die ihren Lebensunterhalt sichern. So wie es in früheren Gesellschaften in kleineren und ländlicheren Umgebungen der Fall war und zum Teil auch immer noch ist.

Für ihre Studie untersuchten die Wissenschaftler_Innen die Google-Suchanfragen, die in den ersten zehn Wochen gestellt wurden, nachdem Donald Trump am 13. März 2020 den nationalen Notstand wegen Covid-19 ausgerufen hatte. Darüber hinaus betrachteten sie über eine halbe Milliarde an Begriffen und Phrasen, die in dieser Zeit auf Twitter, in Blogs und Internetforen gepostet wurden.

Zurück zu kollektiven Werten

Die Ergebnisse dieser Auswertung deuten daraufhin, dass die Pandemie in der amerikanischen Gesellschaft tatsächlich ein Wiederaufleben alter und gemeinschaftsorientierter Werte bewirkt. Laut Patricia Greenfield, Professorin an der UCLA und Hauptautorin der Studie, scheinen die Menschen mehr darüber nachzudenken, andere zu unterstützen. Das schließt sie daraus, dass auf Twitter die Nutzung des Wortes "Hilfe" um 37 Prozent und die des Wortes "Teilen" um 24 Prozent gestiegen war.

Nun scheint es natürlich sehr weit hergeholt zu sein, von Suchmaschinien-Anfragen auf die psychologischen Veränderungen einer Gesellschaft zu schließen. Dessen sind sich auch die Autor_Innen der Studie bewusst. Aber sie machen deutlich, dass hier der Ansatz für eine weiterführende Forschung liegt, denn Sprache gewährt uns, laut Greenfield, Einblicke in Werte, das Verhalten und die Sorgen der Menschen.

Der Tod wird real

Sorgen schienen sich die Menschen vor allem zunehmend um ihre eigene Sterblichkeit zu machen. Der Tod schien sich von etwas Tabuhaftem hin zu etwas Realem und Unvermeidbarem gewandelt zu haben, so Mitautor Noah F.G. Evers vom Harvard College. Denn nachdem die Todesrate aufgrund von Covid-19 anstieg, stiegen auch die Suchanfragen für Worte wie "Überleben" (47 Prozent) und "Friedhof" (41 Prozent) an. Das Wort "Todesangst" brachte es sogar auf einen Anstieg um 115 Prozent nachdem der Notstand erklärt wurde. Die Autor_Innen sahen darin ihre erste These bestätigt. Aber dabei sollte es nicht bleiben.

Die Studie brachte nicht nur die Ängste und Sorgen der Gesellschaft ans Licht, sondern machte auch, wie die Autoren_Innen vermutet hatten, eine Rückbesinnung auf alte und vor allem grundlegende Interessen in Bezug auf Nahrungsmittelproduktion, Bekleidung und Unterkunft deutlich. Die Googlesuche nach "Gemüseanbau" legte um satte 344 Prozent zu. Die absolute Topanfrage unter allen untersuchten Begriffen war allerdings die nach "Sauerteig". Bei Google erhöhte sich die Suche nach diesem Wort um 384 Prozent und bei den Twitter-Erwähnungen sogar um ganze 460 Prozent.

Als die Menschen gezwungen waren, zuhause zu bleiben, entwickelte sich Brotbacken zu einem Trend, der an vergangene Zeiten erinnerte. Für Greenfield macht dieser Trend deutlich, dass das Überlebensmotiv eine zentrale Bedeutung dabei hat, wie sich Werte und das Verhalten der Gesellschaft während der Pandemie verändern. Schließlich zählt Brot zu einem der wichtigsten Grundnahrungsmittel, das das Überleben sichern kann. Es ist also von Vorteil für uns, wenn wir wissen, wie sich so ein Sauerteig herstellen lässt.

Vergleich mit ursprünglicheren Gesellschaften

Die psychologischen Veränderungen und die Veränderungen, die sie im Verhalten der heutigen amerikanischen Gesellschaft während der Pandemie beobachtete, erinnerten Patricia Greenfield stark an die Bewohner eines isolierten Maya-Dorfes in Chiapas, Mexiko, dass sie seit 1969 untersucht.

Diese früheren Untersuchungen ließen sie darauf schließen, dass sich die Werte und das Verhalten einer Gesellschaft verändern, wenn sich bestimmte soziodemografische Variablen, also etwa der Zugang zu Ressourcen oder die Lebenserwartung, verändern. Denn in der Theorie hängen der soziale Wandel, die kulturelle und menschliche Entwicklung von genau solchen Variablen ab.

Als sie ihre Arbeit damals begann, war die Lebenserwartung der Menschen in diesem mexikanischen Dorf sehr niedrig. Schätzungsweise 35 Prozent der Kinder starben noch vor ihrem vierten Lebensjahr und der Zugang zu grundlegenden Ressourcen wie Nahrungsmitteln war sehr begrenzt.

Der Tod war Teil des Lebens. Die Menschen trafen sich jede Woche auf dem Friedhof, legten Essen und Getränke auf die Gräber und schauten nacheinander.

Prof. Patricia Greenfield, UCLA

Greenfield vermutet, dass sich die amerikanische Gesellschaft mit dem stärker in den Fokus rückenden Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit und dem Bedürfnis, sich gegenseitig zu helfen, in genau diese Richtung bewegt. Für sie ist es allerdings bemerkenswert, wie schnell sich diese Veränderung in den USA während der Pandemie durchgesetzt hat.

Wie lange hält der Trend an?

Wie nachhaltig diese Entwicklung ist, ist schwer zu sagen. Greenfield geht allerdings davon aus, dass sich der Trend wieder umkehren wird, sobald die Gefahr von Covid-19 zurückgeht und sich die Menschen gesundheitlich und finanziell wieder sicherer fühlen. Doch sie glaubt auch, dass es möglich ist, dass diese Veränderungen für die heutigen Teenager und die Menschen in ihren 20ern eine langanhaltendere Bedeutung haben, da ihre Werte während dieser Lebensspanne nachhaltig geprägt werden. Für Greenfield sind zwei Szenarien denkbar:

Es könnte bedeuten, dass unsere heutige Jugend in der Zukunft ein Land kreiert, das mehr aufs Teilen und Helfen eingestellt ist. Oder es bedeutet einfach nur, dass ein Sauerteigbrot zu backen für immer einen besonderen Platz in ihrem Herzen haben wird.

Prof. Patricia Greenfield, UCLA

JeS

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3 Kommentare

Ritter Runkel vor 16 Wochen

Vom „flatten the curve“-Prinzip und Gesundheitssystem nicht überlasten, zu Lockdowns ohne Ende und Ziel: Totalversagen der Regierung und unserer unkritischen Medien befeuert von in Panik getriebenen, unmündigen, staatsgläubigen Mitbürgern, die immer noch die Apokalypse heraufziehen sehen, wenn man uns nicht alle einsperrt.
Spätestens nächstes Jahr dann die (wirtschaftliche) Abrechnung und ein Marsch durchs Tal der Tränen.

Ritter Runkel vor 16 Wochen

Ich kenne eine Menge Leute, die sich an die Regeln halten und auch viel Verständnis für die Maßnahmen aufgebracht haben. Aber man kann schon von Stimmung kippen reden, egal wie die jeweiligen Ansichten sind. Leider wird immer mehr ersichtlich, dass die Leute, mit denen ich rede, nicht mehr die Kraft aufbringen oder von mir aus auch die Geduld, um noch weitere Wochen im Lockdown zu verharren. Es war zwar klar, dass diese Pandemie nicht von heute auf morgen beendet sein wird, aber es geht schon gewaltig an die Substanz, wenn man immer nur noch neue Einschränkungen vor die Füße geworfen bekommt, aber es einfach keine Erleichterungen gibt. Man kann den Menschen nicht immer nur Horrorszenarien und Negatives ausmalen, es muss auch irgendwann mal was Positives passieren. Die Unvernunft einiger Leute rührt aber auch daher, dass das Krisenmanagement unserer Regierung nicht gerade das Beste ist, von der Kommunikation ganz zu schweigen.

Atheist vor 16 Wochen

„ZURÜCK ZU KOLLEKTIVEN WERTEN“
Na klar, wieder ein Systemwechsel zum Kollektiv, ich hatte genug davon, brauch und will ich nicht mehr!