Eischollen auf dem Meer vor Spitzbergen
Bildrechte: imago/blickwinkel

Kosten der Klimawandels Arktische Erwärmung kostet bis zu 70 Billionen Dollar mehr

Auftauende Permafrostböden und abnehmende Eisflächen beschleunigen die Erwärmung der Nordpolarregion. Britische Forscher haben errechnet, dass die wirtschaftlichen Folgen davon zig Billionen US-Dollar kosten werden.

Eischollen auf dem Meer vor Spitzbergen
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Nirgendwo vollzieht sich der Klimawandel rascher als an den Polen. Vor allem in der Nordpolarregion steigen die Temperaturen mit wachsender Geschwindigkeit. Die Folge: Die arktische Eisfläche wird von Winter zu Winter kleiner. Weil dunkles Wasser weniger Licht zurück ins All reflektiert als helles Eis, steigt die Temperatur des Meeres weiter.

Zudem tauen bislang permanent gefrorene Böden entlang des Polarkreises auf und entlassen bislang darin gebundene Treibhausgase in die Atmosphäre. Beide Effekte sind bereits seit einiger Zeit bekannt, könnten aber deutlich stärkere Folgen für Klima und Weltwirtschaft haben, als bislang angenommen.

Ein internationales Forscherteam aus England, den USA und Deutschland berichtet im Fachjournal "Nature Communications", dass die wirtschaftlichen Kosten bis zu 70 Billionen US-Dollar höher ausfallen könnten, verglichen mit bisherigen Berechnungen. Grundlage dieser Schätzung ist eine Erwärmung des Weltklimas bis 2100 um etwa 3 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau. Dieses Szenario tritt ein, wenn die Regierungen ihre bisher zugesagten Reduktionen von Klimagasen einhalten.

Kosten übersteigen Gewinne zehnfach

Bei bisherigen Klimapolitikstudien sei der Austritt in Permafrostböden gebundener Klimagase nicht berücksichtigt worden, auch sei von einer gleich groß bleibenden Eisfläche ausgegangen worden, schreiben die Forscher. "Wenn sich das Klima stärker erwärmt, als im Paris-Abkommen festgelegt wurde, dann werden die von Eis und Schnee bedeckten Flächen im Frühling und Sommer kleiner und auf nördlichere Regionen beschränkt sein", sagt Erstautor Dmitry Yumashev von der Universität Lancaster.

Der Beitrag aus Permafrostböden entweichender Klimagase sei noch stärker und wachse bei steigender Erwärmung überproportional stark an, so Yumashev. Bei niedrigen oder mittleren Szenarien für die Entwicklung der Klimaemissionen trügen beide Effekte, zurückgehendes Eis und auftauender Permafrost, deutlich zu einer extra Erwärmung bei.

Diese zusätzliche Erwärmung würde höhere Kosten verursachen als bisher angenommen. Viele menschliche Systeme wie Wirtschaft und Lebensräume müssen an das veränderte Klima angepasst werden. Ökosysteme und damit auch Landwirtschaft verändern sich stark. Die Gesundheit der Menschen leidet unter der Hitze und steigende Meeresspiegel bedrohen die Küstenregionen. Die geschätzten 70 Billionen Dollar an zusätzlichen Kosten übersteigen dabei um das Zehnfache die möglichen Gewinne, die entstehen, wenn durch Eisfreiheit neue Schifffahrtsrouten frei werden oder in arktischen Gewässern nach Bodenschätzen geschürft werden kann.

Eisschwund beschleunigt sich

Bisherige Kostenschätzungen gehen von rund 600 Billionen US-Dollar aus, wenn sich das Klima um 1,5 oder 2 Grad erwärmt. Wachsen die Emissionen wie bisher ungebremst weiter, könnte diese Summe sogar auf zwei Billiarden US-Dollar steigen. Gemessen daran seien 70 Billionen Dollar zwar nur eine vergleichsweise kleine Summe, trotzdem stellten sie einen Anreiz für die Politiker dar, "die ehrgeizigeren Maßnahmen zu ergreifen, mit der die Erderwärmung unter zwei Grad gehalten werden kann", so Dmitry Yumashev.

Erst vergangene Woche hatten Forscher in den Proceedings der nationalen Wissenschaftsakademie der USA (PNAS) eine Studie veröffentlich, wonach Grönland seit den 1980er-Jahren mit wachsender Geschwindigkeit seinen Eisschild verliert. War dieses noch in den 1970ern um etwa 47 Gigatonnen pro Jahr gewachsen, verlor die Insel in den 1980ern etwa 50 Gigatonnen Eis pro Jahr. Diese Zahl hat sich seitdem fast versechsfacht. Inzwischen beträgt der Verlust etwa 290 Gigatonnen pro Jahr. Allein das bereits geschmolzene Grönlandeis hat die Meeresspiegel um geschätzte 13,7 Millimeter steigen lassen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 18. April 2019 | 05:49 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. April 2019, 13:48 Uhr