Segelboote auf der Goitzsche bei Bitterfeld.
Bildrechte: MDR / Gerald Perschke

Umweltforschung in Flüssen, Bächen und Seen Pestizide in Gewässern: Weniger Mengen aber stärkere Gifte

Die Wasser-Qualität vieler Flüsse und Bäche ist miserabel. Nur sieben Prozent der Gewässer erreichen laut Daten des Umweltbundesamts ein gut oder sehr gut. Ein Grund dafür: Pestizide aus der Landwirtschaft. Eine Pilotstudie soll nun herausbekommen, wie hoch die Belastungen durch die Pflanzenschutzmittel wirklich sind.

von Johannes Schiller

Segelboote auf der Goitzsche bei Bitterfeld.
Bildrechte: MDR / Gerald Perschke

Zulassung oder nicht – bei Pestiziden entscheiden das bislang Labor-Tests. Zum Beispiel mit Wasserflöhen im Reagenzglas. Ein sehr kleiner Ausschnitt der Realität, gerade für die oft komplexe Wirkweise von Pestiziden, sagt Jörn Wogram vom Umweltbundesamt Dessau (UBA).

Das heißt ein großer Teil der Wirkungen bleibt unentdeckt. Deswegen wäre es dringend nötig, dass man im Freiland, im Zusammenhang mit der tatsächlichen Anwendung viel gründlicher schaut, welche Auswirkungen haben die Mittel wirklich, welche Konzentration treten zum Beispiel in Gewässern auf? Sind die wirklich nicht höher als in den Zulassungsverfahren zugesagt?

Jörn Wogram, UBA Dessau

Genau nach solchen Daten suchen Mitarbeiter seiner Behörde und Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung Leipzig (UFZ). In den vergangen Monaten haben sie bundesweit die Wasserqualität kleiner Flüsse und Bäche analysiert. Und anders als bisher dabei genau überlegt, wann besonders viel Pestizide in den Flüssen landen könnten. Matthias Liess, Ökotoxikologe am Umweltforschungs-Zentrum, denkt an ein typisches Sommer-Gewitter.

Dann werden die Pestizide mit abgeschwemmt und es gibt kurzfristig ganz hohe Spitzenkonzentrationen in den Gewässern. Und die sind natürlich auch schädlich für Organismen, wenn da so eine Welle mit runter kommt. Das ist eben das Besondere an dem Projekt, das haben wir mit den automatischen Probenehmern aufgenommen.

Matthias Liess, UFZ

Diese "automatischen Probennehmer" ähneln von außen einem Stromkasten. Innen aber stecken Computer und aufwändige Mess-Apparaturen. Bei Regen ziehen sie eine Probe aus dem Fluss und analysieren sie. Erste Daten legt Torsten Reemtsma vom Umweltforschungs-Zentrum nun vor.

Wenn wir uns nur auf die Konzentration beziehen, kann man ganz grob sagen, dass diese Konzentrationen an Pestiziden bei Regen um den Faktor zehn steigen, im Vergleich zu Trockenzeiten ohne Regen.

Torsten Reemtsma. UFZ

In dutzenden Fällen liegen die Konzentrationen außerdem über den Werten, die Behörden noch als unbedenklich einstufen. Auch das offenbar eine Folge der realitätsnahen Messung. Der Auftrag, ein neues Mess-Verfahren zu entwickeln, geht zurück auf den Nationalen Aktionsplan Pflanzenschutz, den die Bundesregierung vor fünf Jahren auf den Weg gebracht hat. Der Plan soll unter anderem das Risiko durch Pflanzenschutzmittel bis 2023 senken. Für Matthias Liess ein weiter Weg. Denn die reinen Pestizid-Mengen auf den Äckern nehmen zwar ab, doch dafür werden die eingesetzten Stoffe gefährlicher.

Der Anteil der giftigen Stoffe wird höher. Und das bedeutet, dass bei der gleichen Menge von Pestiziden dann eine höhere Menge an Giften in die Umwelt hineingegeben wird. Das heißt: Die Aussage, die man häufig hört, es gibt keine Zunahme von Pestizid-Anwendung, die stimmt so nicht.

Matthias Liess, UFZ

Umso wichtiger sind Mess-Methoden, wie sie die Wissenschaftler jetzt entwickelt haben. Die das Risiko nicht nur im Labor abschätzen, sondern direkt in Flüssen und Bächen.

Zum Nachlesen:

Hintergründe zum 2013 beschlossenen Nationalen Aktionsplan Pflanzenschutz

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 24. Januar 2018 | 06:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. September 2018, 09:55 Uhr