Tag der Pflege Wer wird uns im Alter pflegen?

Über vier Millionen Menschen in Deutschland sind auf Pflege angewiesen – Tendenz steigend. Wir leben in einer alternden Gesellschaft, der Bedarf an Pflegeeinrichtungen und Pflegekräften wächst stetig. Und doch beschäftigen sich viele von uns erst mit dem Thema Pflege, wenn es zu spät ist, wenn ihre Angehörigen oder gar sie selbst pflegebedürftig geworden sind. Doch was gehört zu einer sinnvollen Vorsorge? Was macht gute Pflege aus? Und wie kann sie heute und zukünftig sichergestellt werden?

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Pflege ist ein Thema, dass auf viele von uns irgendwann einmal zukommt. Laut Johannes Gräske, Professor für Pflegewissenschaft an der Alice Salomon Hochschule Berlin, sind zwei Drittel der Menschen irgendwann auf Pflege angewiesen. Was dabei aber gern außer Acht gelassen wird: Pflege ist nicht nur eine Frage des Alters.

Pflegewissenschaftler Johannes Gräske im Portrait.
Johannes Gräske, Professor für Pflegewissenschaft an der Alice Salomon Hochschule Berlin Bildrechte: MDR/Johannes Gräske

"Die Wahrscheinlichkeit ist gering, aber auch als junger Mensch können Sie von Pflegebedürftigkeit getroffen werden", so Gräske. "Es gibt auch junge Menschen, die einen Herzinfarkt oder Schlaganfall kriegen, die einen Unfall haben und dann auf einmal pflegebedürftig sind."

Das Thema Pflege wird gern verdrängt

Es ist also durchaus sinnvoll, sich mit dem Thema Pflege frühzeitig auseinanderzusetzen und beispielsweise mit einer Vorsorgevollmacht oder Patientenverfügung selbständig festzulegen, ob und wie man in bestimmten Situationen behandelt werden möchte. Doch viele von uns verdrängen das Thema, wollen nur ungern darüber sprechen oder gar sinnvoll vorsorgen.

Die Frage, wie will ich denn im Alter versorgt werden, wenn ich das alleine nicht mehr tun kann, die stellen sich viele einfach nicht.

Johannes Gräske, Professor für Pflegewissenschaft an der ASH Berlin

Meist beschäftigen wir uns erst damit, wenn es zu spät ist, wenn unsere Angehörigen oder gar wir selbst pflegebedürftig geworden sind. Dann aber die individuell passende Pflege zu finden, kann schwierig werden: Weil das eigene Zuhause oft nicht dafür ausgestattet ist, weil zu wenige bezahlbare Pflegeplätze existieren und weil wir schon jetzt einen Pflegekräftemangel in Deutschland haben.

Deutschland altert immer mehr

Pflegewissenschaftlerin Andrea Kuhlmann im Portrait.
Andrea Kuhlmann, Professorin für Pflegewissenschaft an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum Bildrechte: MDR/Andrea Kuhlmann

Die Menschen in Deutschland werden immer älter. Im Jahr 2030 werden 29 Prozent der Bevölkerung 65 Jahre und älter sein. "Was erstmal überhaupt nichts Schlechtes ist, sondern eher sehr erfreulich, dass unsere Lebenserwartung steigt", betont Andrea Kuhlmann, Professorin für Pflegewissenschaft an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum. "Denn ein Großteil der Menschen altert tatsächlich gesund und hat damit noch einen Gewinn an aktiver Lebenszeit."

Zugleich steigt mit zunehmendem Alter aber auch das Risiko für chronische Krankheiten und Mehrfacherkrankungen. "Insofern haben wir eben auch eine Zunahme an Menschen mit Pflegebedarf", stellt Kuhlmann fest. Über vier Millionen Menschen in Deutschland sind auf Pflege angewiesen – Tendenz steigend.

Mit der steigenden Zahl an Pflegebedürftigen wächst auch der Bedarf an Pflegeeinrichtungen, Pflegediensten und vor allem Pflegekräften. Das Problem: schon jetzt fehlen in Deutschland bis zu 100.00 Pflegekräfte. Es ist sogar von Pflegenotstand die Rede. Wer also sichert heute und zukünftig unsere Pflege?

Angehörige – der größte Pflegedienst der Nation

Ohne das soziale und ehrenamtliche Engagement vieler Familien-Angehöriger würde unser ganzes Pflegesystem wohl nicht funktionieren, da ist sich Pflegewissenschaftlerin Andrea Kuhlmann sicher.

Angehörige sind der größte Pflegedienst der Nation. Also da wird wirklich sehr, sehr viel geleistet.

Andrea Kuhlmann, Professorin für Pflegewissenschaft an der EvH RWL Bochum

Doch die Situation wird schwieriger: "Vielfach entwickeln sich Familiensituationen auch anders, dass gar keine Personen in der Verwandtschaft vorhanden sind, die das übernehmen können oder aber auch weiter entfernt wohnen, sodass diese häuslichen Pflegearrangements brüchiger werden oder auch gar nicht zustande kommen", so Kuhlmann.

Die Frage der Pflege betrifft uns also doppelt: Kann und will ich der Pflegedienst meiner Eltern und Großeltern sein? Und wer wird mich selbst einmal pflegen?

Selbstbestimmt leben, selbständig wohnen

Der Wunsch vieler Menschen ist es, auch im Falle einer Pflegebedürftigkeit, so lange wie möglich selbständig und selbstbestimmt in der eigenen Häuslichkeit wohnen und leben zu können. Doch wie muss ein pflegegerechtes Zuhause beschaffen und ausgestattet sein?

Die Palette an Anforderungen und Möglichkeiten ist groß:

  • Beleuchtungssysteme mit Bewegungsmeldern und eine Video-Klingelanlage im Eingangsbereich, um zu sehen, wer kommt und ob ich diese Person auch ins Haus lassen möchte

  • Ebenerdige Zugänge ohne Stolperfallen und breite Gänge auch für Rollstühle

  • Handläufe zum Abstützen, Treppenlifts und Aufzüge, um auch höher gelegene Etagen zu erreichen

  • Bodengleiche Dusche, höhenverstellbare Waschtische, rollstuhlgerechte Toiletten im Bad

  • Automatisierte Schließsysteme für Fenster und Türen

Und die Nutzung neuer Technologien: Etwa Informationssysteme, die im Badezimmer-Spiegel integriert sind und mir das Wetter anzeigen. Oder Assistenzsysteme wie eine Art digitales schwarzes Brett, die mir Termine und Verabredungen anzeigen, die mir Dienstleistungen für den Haushalt und den Wocheneinkauf anbieten oder mich darüber informieren, ob meine Pflegekraft heute pünktlich kommt.

Pflegewissenschaftlerin Andrea Kuhlmann beschäftigt sich in einem aktuellen Forschungsprojekt mit der Frage, wie neue Technologien den Alltag von pflegebedürftige Menschen und die Arbeit ambulanter Pflegedienste unterstützen können und wie sich die digitalen Assistenzsysteme sinnvoll integrieren lassen.

Paro, Pepper & Co – sind Pflegeroboter die Lösung?

Roboter werden in den kommenden Jahren unsere Gesellschaft nachhaltig verändern, da ist sich Pflegewissenschaftler Johannes Gräske sicher. Doch welchen Stellenwert werden sie bei der Verbesserung des Lebens im Alter oder beim Einsatz in der Pflege haben?

Bis ein Roboter tatsächlich ein echter Pflegeroboter wird, das wird noch viele Jahre dauern. Da sind wir noch nicht so weit.

Johannes Gräske, Professor für Pflegewissenschaft an der ASH Berlin

Roboter in der Pflege sind bei uns in Deutschland noch ziemlich am Anfang, andere Länder wie Japan oder die USA sind da schon einen Schritt weiter. Doch können sich pflegebedürftige Menschen das überhaupt vorstellen, sich von einem Roboter pflegen zu lassen? Und was müsste er überhaupt können, damit sie sich mit ihm wohl fühlen?

In einem aktuellen Forschungsprojekt untersuchen Gräske und sein Team, ob sozial-assistive Roboter ältere Menschen in ihrer Häuslichkeit und Selbständigkeit unterstützen können. Dabei lernen die Bewohnerinnen und Bewohner in betreuten Senioren-Wohnanlagen den humanoiden Roboter Myon kennen und erzählen dann den Forschenden von ihren Bedürfnissen und Erwartungen.

Pflege braucht den Menschen

Natürlich können Roboter stupide Aufgaben des Pflegealltags, wie das Schieben von Wäsche- und Essenswägen, übernehmen oder die Pflegekräfte bei körperlich schweren Arbeiten, etwa Patienten zu heben und zu wenden, unterstützen. Und ebenso können sie die Unterhaltung und soziale Interaktion von beispielsweise Menschen mit Demenz fördern, doch den Menschen selbst ersetzen können sie nicht.

Ich glaube, dass es Pflege niemals ohne Menschen geben wird.

Johannes Gräske, Professor für Pflegewissenschaft an der ASH Berlin

Auch für Pflegefachkraft Willy Stefanowsky vom Pflegedienstleister Buurtzorg sind Roboter in der Pflege nicht vorstellbar – viel zu unpersönlich. "Ein wichtiger Teil von Pflege ist Berührung. Wenn man alt ist und allein, dann sind selbst die kleinen Berührungen beim Anziehen von Kompressionsstrümpfen wichtig. Und das von einem Roboter machen zu lassen, das finde ich unmenschlich."

Was macht gute Pflege aus?

Pflege bedeutet eben mehr als bloße Leistungen am Patienten abzuarbeiten. Da geht es um Vertrauen und Nähe, Einfühlungsvermögen, Berührungen – ganz basale menschliche Bedürfnisse, die eben am besten andere Menschen stillen können. Und dafür braucht es Zeit.

"Der Patient steht im Mittelpunkt. Nicht ich als Pflegefachkraft lege fest, was der Mensch an Pflege braucht, sondern der Patient legt das idealerweise fest", beschreibt Pflegefachkraft Stefanowsky den Kernbestandteil guter Pflege. "Und der Patient legt fest, wie lange ich dafür brauche. Wenn er oder sie noch nicht zufrieden ist, dann muss er die Chance haben, mir das zu sagen. Und dann muss ich die Chance haben, ihm das zu geben."

Auch das System braucht Pflege

Doch Zeit ist in diesem Berufsfeld Mangelware. Die Pflegekräfte leiden zusehends unter verschärften Arbeitsbedingungen, unter Stress und hoher Belastung. Laut einer Studie der der Alice Salomon Hochschule Berlin denken seit der Corona-Pandemie 40 Prozent der Pflegenden mindestens monatlich daran, den Pflegeberuf zu verlassen und rund 30 Prozent überlegen den Arbeitsplatz zu wechseln.

Wir müssen uns als Gesellschaft also auch um die Pflegekräfte selbst kümmern. Schon jetzt fehlen in Deutschland bis zu 100.00 Pflegekräfte. Und wir können uns nicht allein auf die rund 300.000 osteuropäischen Pflegerinnen verlassen, die unser System aktuell mit am Laufen halten. Die Pflegekräfte brauchen mehr Zeit, bessere Arbeitsbedingungen, mehr Anerkennung, natürlich auch eine bessere Entlohnung. Denn nur ein gesundes Pflegesystem ermöglicht uns auch gute Pflege.

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