Artenforschung Wie lassen sich neue Arten entdecken?

Schätzungsweise ein bis zehn Prozent aller Arten auf der Erde sind klassifiziert. Der weitaus größere Teil ist unbeschrieben. Doch wo stecken diese vielen unentdeckten Arten? Und lässt sich überall gleich gut Neues finden? Biologen und Arten-Kennerinnen teilen ihr Wissen und verraten, wie wahrscheinlich sich heute eine neue Art finden lässt.

Blaugruene Mosaikjungfer (Aeshna cyanea), gefangene Libelle wird vorsichtig zwischen zwei Fingern gehalten und mit der Lupe untersucht
Entomologen erkennen an der Farbmusterung, um was für eine Art es sich handelt. Herrscht ein Zweifel bleiben mikroskopische und genetische Analysen. Bildrechte: IMAGO / blickwinkel

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Die Illustration zeigt eine junge Frau mit dunklen Haaren, einer Halskette und einem gelben Shirt.
Bildrechte: MDR/Jessica Brautzsch
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Noch viele Arten sind unentdeckt

Wer schon einmal durch einen Park gegangen ist und dabei versucht hat, drei Schmetterlinge beim Namen zu nennen, weiß: Arten bestimmen ist keine leichte Sache. Beim aktuellen Insekten-Sommer auf der Suche nach Sechsbeinern findet man zumindest mit ein paar Datenbanken und Onlinehilfen Unterstützung. Noch herausfordernder ist es, eine seltene oder gar neue Art zu entdecken. Deshalb behelfen sich Forschende mitunter mit Berechnungen, die Hinweise darauf geben, wo sie überhaupt mit der Suche anfangen sollen. An der Universität von Ohio in den USA werteten Wissenschaftler kürzlich zum Beispiel mithilfe eines Supercomputers und künstlicher Intelligenz genetische Daten von 4.310 Säugetierarten aus, um herauszufinden, wo es bislang noch unbekannte Arten für die Wissenschaft zu entdecken geben könnte. Ihr Fazit: Es gibt mehr da draußen zu erfassen, als wir für möglich halten. Und trotz des Verlustes an Artenvielfalt, der Krise der Biodiversität, werden jeden Tag schätzungsweise 50 neue Arten entdeckt.

Insgesamt sind erst ein bis zehn Prozent aller Arten auf der Erde überhaupt klassifiziert. Deshalb fragten sich die Forschenden: Wo und bei welchen Tieren lohnt es sich nachzusuchen? Ihre Berechnungen zeigten: hunderte Spezies allein bei den Säugetieren sind noch nicht beschrieben. Das meiste Potential bieten kleine und unscheinbare Tiere wie Fledermäuse und Nager. Und: Orte mit abwechslungsreichen klimatischen Bedingungen und viel Niederschlag wie der tropische Regenwald. Solche Bedingungen findet man in Deutschland nicht unbedingt vor der Haustür.

Doch auch in unseren Breiten sehen Biologinnen und Biologen noch Möglichkeiten zur Entdeckung neuer Arten. Mithilfe von DNA-Analysen konnte ein Wissenschaftler-Team aus Schweden, Deutschland und Kanada unter den sogenannten Zweiflüglern (Fliegen und Mücken) noch Arten ausfindig machen. Dazu wählten sie eine Gruppe mit hoher Vielfalt, die Zweiflügler, fingen 48.000 Tiere mithilfe von Fallen im Süden Deutschlands und untersuchten deren DNA. Ihre Analyse ergab: Zwischen 1.800 und 2.200 neuer Arten innerhalb dieser Art gibt es noch zu entdecken.

Schätzungen zu unentdeckten Arten weltweit

Geben diese Rechnungen Einblick ins Potential unentdeckter Arten weltweit? Nicht wirklich. Sie sind zu spezifisch. Die Schätzungen dazu klaffen weit auseinander, erklärt Günter Matzke-Hajek, Biologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Rote-Liste-Zentrum. "Je nach Hochrechnung oder je nach Schätzung und Methodik schwankt die Zahl zwischen zehn, 50 oder 100 Millionen Arten."

Biologe Günter Matzke-Hajek im  Portrait.
Biologe Günter Matzke-Hajek koordiniert für das Rote-Liste-Zentrum Artensuchen und erforscht Biodiversität. Bildrechte: MDR/Günter Matzke-Hajek

Das liegt daran, dass solche Schätzungen kompliziert umzusetzen sind. Er vergleicht es mit einem Fußballstadion im Dunklen, in dem blind und ohne zu Hören geschätzt werden soll, wie viele Besucher anwesend sind. "Nehmen wir an, es geht ein Scheinwerfer an. Dann sehen Sie in einem kleinen Ausschnitt zehn Leute stehen. Sie können von dieser Teilfläche hochrechnen. Ob aber in dem anderen dunklen Bereich im gleichen Zahlenverhältnis Menschen stehen, das wissen sie nicht." Deshalb sind solche Hochrechnungen nur bedingt aussagekräftig.

Tierarten mit Entdeckungs-Potential

Welche Artengruppen wahrscheinlicher sind, lässt sich schon eher sagen. "Unentdeckte Arten, das sind nicht die spektakulären Arten, die man sich als Laie vorstellt. Es werden bei uns eigentlich keine neuen Säugetiere oder Vögel mehr entdeckt." Auch bei den Wirbeltieren gibt es keine großen Überraschungen mehr. In den letzten 20 Jahren wurden in Deutschland gerade mal fünf neue Fischarten entdeckt. Und auch das sind keine neuen Arten in dem Sinne, sondern solche, die mit nahe verwandten Arten verwechselt worden sind.

Erst im Nachhinein bekamen sie den Status einer eigenständigen Art. Wo also hinschauen, wenn Arten gefragt sind? Wer unter die Entdecker gehen möchte, lenkt sein Augenmerk am besten dorthin, wo im Tierreich die größte Vielfalt herrscht: In den Boden oder zu den Insekten. Denn sie sind unfassbar vielfältig, während andere Artengruppen weniger divers sind und daher schon recht gut erschlossen sind. Und es lässt sich ohne Labor-Analysen und Mikroskopie arbeiten.

Kartierungen führen mitunter zu Entdeckungen

In Leipzig werden schützenswerte Insekten im Naturschutzgebiet um die Rohrbacher Teiche bei Leipzig erfasst. Helene Otto sucht dort für die Untere Naturschutzbehörde und das Institut für Biologie der Universität Leipzig nach Schmetterlingen und Faltern. Sie kennt den heimischen Bestand mittlerweile relativ gut und weiß bei den meisten Krabblern schnell, um welche Art es sich handelt.

Eine Frau mit braunen kurzen Haaren steht auf einer grünen Wiese.
Helene Otto erfasst Insekten an den Rohrbacher Teichen bei Leipzig. Auf ihren Streifzügen hat sie immer eine Kamera dabei. Bildrechte: MDR

Dass bei einer Kartierung etwas Neues gefunden wird, hält auch die Insektenkennerin für ziemlich unwahrscheinlich. "Um eine neue Art zu finden, braucht es richtig viel Glück. Das Entscheidende ist, dass man einen Wissensschatz erwirbt und richtig einordnen kann, wenn man etwas Außergewöhnliches findet."

Kommt ihr so etwas Außergewöhnliches unter die Finger, fotografiert sie das Insekt, notiert sich sorgfältig Ort und Datum des Fundes und schaut in Insekten-Portalen, ob es Hinweise gibt, um welche Art es sich handelt. Die Daten, die sie bei einer Kartierung sammelt, trägt sie in eine Datenbank, leitet einen Auszug an die Naturschutzbehörde weiter und unterstützt so Wissenschaft und Forschung darin, den Zustand der Artenvielfalt und Biodiversität einzuschätzen.

Galerie: Insekten und ihre Überlebensstrategien

Sommer heißt Insektenzeit. An den Rohrbacher Teichen bei Leipzig krabbelt, summt und brummt es in den Monaten Juli und August mehr, als zu jeder anderen Zeit im Jahr. Nicht nur Schmetterlinge sind unterwegs ...

Raupe Braunwurzmönch
Für diese Raupe des Braunwurzmönchs (Nachtfalter) heißt es noch: Futtern, bevor die Verpuppung beginnt. Bevor sie zum Falter wird, verbringt das Tier bis zu zwei Jahre im Kokon. Auch andere Schmetterlinge und Falter bereiten sich lange vor, um einen Sommer zu fliegen. Bildrechte: MDR
Raupe Braunwurzmönch
Für diese Raupe des Braunwurzmönchs (Nachtfalter) heißt es noch: Futtern, bevor die Verpuppung beginnt. Bevor sie zum Falter wird, verbringt das Tier bis zu zwei Jahre im Kokon. Auch andere Schmetterlinge und Falter bereiten sich lange vor, um einen Sommer zu fliegen. Bildrechte: MDR
Grünaderweißling
So auch der Grünaderweißling, der als Puppe überwintert. Bei Schmetterlingen sind die Flügel nach dem Schlüpfen übrigens noch schlaff und unbeweglich. Damit sie sich aufrichten, werden sie durchblutet. Bildrechte: MDR
Schachbrett
Wenige wissen: Schmetterlinge wie das Schachbrett tragen ein Schuppenkleid. Wer einen Flügel unters Mikroskop legt, erkennt dachziegelförmig aufeinander gelegte Härchen, die Schuppen. So erklärt sich der wissenschaftliche Name Lepidoptera. "Lepís" für Schuppe, "Pterá" für Flügel - aus dem Griechischen. Bildrechte: MDR
Gewöhnlicher Bläuling
Dieser Schmetterling gehört zu den Bläulingen. Weil viele Arten auf der Oberseite blaue Flügel haben, wurde die Familie so benannt. Allerdings gibt es auch Bläulinge, die keine blauen Flügel haben wie dieser hier. Die "Augen" auf den Flügeln dienen der Irritation von Fressfeinden. Bildrechte: MDR
Kaisermantel
Dieser Kaisermantel ist auf Partnersuche. Die Striche auf den orange leuchtenden Vorderflügeln sind "Duftschuppen". Mit ihnen locken die Männchen die Weibchen an. Bildrechte: MDR
Sägebock
Käfer sind die artenreichste Ordnung der Insekten. Das ist ein Sägekäfer. Den Namen bekam er aufgrund seiner wie Sägen aussehenden Fühler. So versucht er seine Gegner einzuschüchtern. Ein bisschen funktioniert's. Bildrechte: MDR
Wespenspinne
Die Wespenspinne spannt ihr Netz zwischen Gräsern und wartet bis andere Insekten hineingeraten. Ihre Beute: vor allem springende Insekten wie Heuschrecken. Bildrechte: MDR
Große Königslibelle
Die Königslibelle ist ein außergewöhnlich guter Flieger. Sie kann seitlich und rückwärts fliegen. Die männlichen Tiere vertreiben andere Arten und sichern so ihr Überleben. Gott sei Dank, mag jener sagen, an dem sie im Sommer schon vorbeiflog. Bildrechte: MDR
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Ohne diese Erfassungen können Biologen gefährdete Arten viel schwieriger ausmachen, erklärt Günter Matzke-Hajek. Nur wer regelmäßig über einen langen Zeitraum zählt, bekommt einen Eindruck von der Entwicklung von Arten. Solche Suchen zahlen sich denn auch manchmal aus. Helene Otto entdeckte durch Zufall nämlich eine in Sachsen bisher unbekannte Art. Bevor sie ihr vor die Füße sprang, war die europäische Gottesanbeterin in Sachsen noch nicht gesehen worden. So gesehen ist es mit viel Ausdauer und Glück also doch nicht ganz unwahrscheinlich eine neue Art zu finden, oder wie bei der Gottesanbeterin zumindest eine, die in Mitteldeutschland neu ist.

Wer hofft, einen seltenen Fund zu machen und das Zählen selbst ausprobieren möchte, kann bei der Aktion "Insektensommer" des Naturschutzbundes noch bis zum 14. August 2022 mitmachen. Infomaterial und Aktionen dazu findet sich auf der Webseite des NABU. Zählungen werden noch bis zum 21. August angenommen.

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