Blick in einen Serverraum
Wie sicher unsere Daten in der Cloud gespeichert sind, hängt auch davon ab, wo diese Speicher physisch stehen. (Symbolfoto) Bildrechte: imago/Google

Technologischer Wandel Wie schnell digitales Wissen vergessen wird

Datenträger veralten in rasender Geschwindigkeit, Dokumentenformate und Betriebssysteme lösen einander immer schneller ab. Droht unserem Wissen durch Digitalisierung das große Vergessen?

Blick in einen Serverraum
Wie sicher unsere Daten in der Cloud gespeichert sind, hängt auch davon ab, wo diese Speicher physisch stehen. (Symbolfoto) Bildrechte: imago/Google

Gemessen an 6.000 Jahren Geschichte menschlicher Zivilisationen sind 40 Jahre ein Klacks. Trotzdem kann das Wissen der Babylonier auf alten Tontafeln mitunter leichter abrufbar sein, als Daten, die vor 30 Jahren auf Computern gespeichert wurden. Der Wissenschaft sind dadurch bereits wertvolle Informationen verloren gegangen.

Beispiel Viking-Mission: 1976 landeten zwei NASA-Sonden auf dem Mars, nahmen dort umfangreiche Bodenproben und funkten deren Ergebnisse zur Erde. Dort speicherten Forscher die Daten auf Magnetbändern. Als Wissenschaftler diese Experimente in den 1990ern erneut auswerten wollten, standen sie vor dem Problem, dass niemand mehr die Datenformate auf den Bändern lesen konnte. Die Programmierer waren bereits verstorben.

Langzeitarchivierung in der Deutschen Nationalbibliothek

Doch das ist nicht nur ein Problem der Wissenschaft. Wer als Privatanwender in den 1980er-Jahren einen Heimcomputer gekauft hat, steht heute vor dem Problem, dass die damals erstellten Dokumente oder Programme nicht mehr geöffnet werden können. Kaum jemand besitzt noch Laufwerke, mit denen alte Disketten oder Datasetten gelesen werden können. Kein aktuelles System versteht ohne Hilfsprogramme die alten Dateiformate.

Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt am Main
Die Langzeitarchivierung digitaler Medien ist eine Aufgabe des Frankfurter Standorts der Deutschen Nationalbibliothek. Bildrechte: imago/imagebroker

Was im Heimbereich ein Ärgernis ist, stellt etwa die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) vor Herausforderungen. Die DNB hat inzwischen unter anderem den Auftrag, auch elektronische Publikationen dauerhaft zu sichern und zugänglich zu halten. Dazu gehören etwa im Netz erschienene Fachartikel oder eBooks. Unter dem Stichwort Langzeitarchivierung haben sich die Experten der Bibliothek daher mit verschiedenen Strategien beschäftigt, wie elektronisches Wissen über längere Zeiträume erhalten bleiben kann.

Regelmäßiges umkopieren nötig

Dafür müssen einerseits Inhalte regelmäßig aufwendig umkopiert werden, sagt Tobias Steinke, der in der IT-Abteilung der Bibliothek arbeitet. "Für digitale Daten ist das eigentlich kein großes Problem. Auf unterster Ebene bestehen die Daten nur aus Nullen und Einsen und die sind unabhängig vom Trägermedium. Das größere Problem ist, die Nullen und Einsen müssen interpretiert werden. Dafür braucht es Software, und die ändert sich ständig." Im schlimmsten Fall sind die Daten also noch vorhanden, können aber trotzdem nicht mehr gelesen werden.

Grundsätzlich gibt es da zwei Lösungsstrategien. Erstens kann man die alten Dateiformate in neuere konvertieren. Das ist ein Prozess den man immer wieder machen muss und je mehr Objekte das betrifft, desto aufwendiger ist es. Die zweite Möglichkeit ist die Emulation. Dabei stellt man auf einem neuen System ein altes System nach. Damit kann man beispielsweise die alten Programme von einem C64 auf einem aktuellen PC zeigen. Beide Verfahren, die Emulation und die Migration, sind immer nur Annäherungen und nie perfekt. Da kann sich der Text verändern, die Absätze sind anders und die Farben ändern sich. Aber das ist besser, als wenn man gar nicht mehr auf die Inhalte zugreifen kann.

Tobias Steinke, IT-Abteilung Deutsche Nationalbibliothek

Das gute alte Papier

Heute werben Anbieter von Cloudspeichern wie Google oder Amazon damit, dass die Datenspeicherung bei ihnen sicherer ist, als auf heimischen Festplatten oder USB-Sticks. Doch da gibt es andere Gefahren, warnt Informatikprofessor Andreas Polze von der Universität Potsdam. "Nicht alles was in der Cloud gespeichert ist, ist auch verschlüsselt. In der Regel muss sich der Anwender da selber drum kümmern. Und das führt vielleicht dazu, dass Bilder analysiert werden, ohne dass man das selber möchte. Ich würde da persönlich Vorsicht walten lassen, welche Daten ich in der Cloud platziere."

Dafür haben Anwender mehr Sicherheit, dass ihre Daten technisch nicht verloren gehen. Durch professionelle Backup-Systeme und mehrfache Speicherung seien bei Cloudanbieter abgelegte Dokumente sicherer, als auf heimischen Datenträgern, sagt Polze. Jedenfalls solange ein Angebot nicht plötzlich eingestellt wird. "Es gibt eine Reihe von Anbietern, die frühe Prototypen von ihren Cloudsystemen kostenfrei am Markt etabliert hatten und inzwischen den Dienst eingestellt haben. Da sind auch Große dabei, IBM etwa oder Hewlett Packard."

Wer deshalb sicher gehen will, sollte besonders wertvolle Erinnerungsfotos auch auf einem Datenträger zu Hause ablegen, rät der Forscher. Allerdings sei regelmäßige Pfleger dieser Daten nötig.

Andreas Polze vom Hasso-Plattner-Institut erläutert einen Server.
Andreas Polze vom Hasso-Plattner-Institut. Bildrechte: dpa

Technische Systeme haben eine Zuverlässigkeitskurve, die häufig auch Badewannenkurve genannt wird. Entweder sind sie direkt am Anfang kaputt, oder sie funktionieren eine lange Zeit bis sie irgendwann alt sind und dann ihren Betrieb einstellen. Ein Gerät, das die Anfangszeit überstanden hat wird also zwei bis fünf Jahre durchhalten, maximal zehn. Während dieser Zeit muss man aber regelmäßig überprüfen, ob man noch auf die Daten zugreifen kann. Gegebenenfalls muss man sie umkopieren. Ein zweites Problem betrifft die Schnittstellen: Heute aktuelle Geräte sind in der Regel in zehn Jahren noch verfügbar. Wie es in 20 Jahren aussieht, da würde ich keine Wetten abgeben. Man muss am Ende sich vielleicht auch auf das gute alte Papier besinnen. Große IT-Dienstleister bieten an, Dokumente auf gutem Papier auszudrucken und abzulegen in einem großen Lager. Das würde man aber vielleicht nur für Grundbuch- und Geburtsurkunde machen.

Andreas Polze, Universität Potsdam

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 10. September 2018 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. April 2019, 15:00 Uhr