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Bildrechte: MDR/Kristin Kielon

Provenienzforschung

Die Geheimnisse exotischer Museumsstücke

von Kristin Kielon

Stand: 09. August 2017, 15:56 Uhr

Viele Kostbarkeiten in unseren Museen stammen möglicherweise von sogenannten indigenen, also eingeborenen Völkern auf der ganzen Welt. Oft ist aber die genaue Herkunft unklar, genauso wie die Geschichten dahinter. Zum heutigen Tag der indigenen Völker haben wir nachgefragt, wieviel die Museen in Mitteldeutschland eigentlich über solche Exponate wissen. Und ob diese zurecht bei uns sind oder möglicherweise zurückgegeben werden müssen.

Die Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen in Halle zum Beispiel beherbergt einige Schätze aus aller Welt, darunter viele völkerkundliche, also ethnologische. Sie sind vor allem durch die weltweiten Netzwerke der missionierenden protestantischen Pietisten hierher gekommen. Ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts waren sie überall auf der Welt unterwegs, um ihre Lehre zu verbreiten, sagt Holger Zaunstöck. Er ist Historiker und leitet die Stabsstelle Forschung in den Franckeschen Stiftungen.

Schriftensammlung in der Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen in Halle Bildrechte: Franckesche Stiftungen zu Halle

Für solche Objekte gab es im 18. Jahrhundert und auch schon vorher einen eigenen Markt. Wir haben auch einige angekaufte Exponate, soweit wir das wissen. Aber die meisten der hier versammelten ehemals insgesamt knapp 5.000 Objekte stammen tatsächlich aus diesen Unterstützer- und Interessennetzwerken der Pietisten in Halle.

Holger Zaunstöck, Leiter der Stabsstelle Forschung, Franckeschen Stiftungen

Warum reisten die Pietisten um die Welt?Der Pietismus ist nach der Reformation die größte gesellschaftliche Reformbewegung der Frühen Neuzeit. In Halle fand sie ihr Zentrum in den "Franckeschen Stiftungen", einer 1698 gegründeten Schulstadt. Hier wurden Kinder und Jugendliche unterrichtet und zur Selbstverantwortung nach christlichen Maßstäben erzogen. Neu war, dass nun der Einzelne im Mittelpunkt stand und entsprechend individuell gefördert werden sollte. Pietistische Missionare reisten um die ganze Welt, um die neue Idee zu verbreiten - mit Erfolg! August Hermann Franke, geistiger Vater der Bewegung, brachte so eine Reihe von Neuerungen im Bildungs,- Gemein- und Sozialwesen auf den Weg, die noch heute weltweit spürbar sind.

Wie und mit welcher Geschichte kamen die Exponate nach Halle?

Über einige Exponate ist mehr bekannt, über andere weniger. Die Hintergründe sind unterschiedlich detailliert belegt. Immer wieder sind deshalb Wissenschaftler zu Gast, um in den Archiven der Stiftungen zu forschen. Denn oft sind mehrere Wege denkbar, wie etwas nach Halle kam. Manchmal sorgt auch einfach der Zufall für ein neues Teil in diesem Puzzle-Spiel. Zaunstöck weiß: Die Forschung gleicht manchmal einer detektivischen Suche, man muss permanent die Augen offen halten: In Archivalien, in anderen Sammlungen und in der Literatur, so Zaunstöck. Doch die Mühe lohnt sich allein wegen der Geschichten, die sich dann offenbaren können - zum Beispiel die eines kulturell besonders wertvollen indischen Klappaltars.

Der ist also gekauft worden durch einen halleschen Missionar in Südindien von einem dortigen Brahmanen (Angehöriger der obersten Kaste des Hinduismus, a.d.R.). Der Missionar hat dieses Objekt beschrieben: Wie es aussieht und wie es in Indien im frühen 18. Jahrhundert benutzt worden ist. Also kurz gesagt: Der Brahmane – wie viele andere auch – ist damit von Dorf zu Dorf gezogen, hat göttliche Geschichten erzählt und danach um eine Spende gebeten.

Prof. Holger Zaunstöck

Und seinen Altar hat er auch ohne Schwierigkeiten an einen Christen weiter verkauft. Geschichten wie diese sind es, die auch Mike Jessat begeistern. Der Direktor des Museums Mauritianum in Altenburg beherbergt ebenfalls ethnologische Exponate – unter anderem aus Japan, Südamerika und Afrika. Und auch zwei Schilde der australischen Ureinwohner finden sich in einer Vitrine des Museums.

Mike Jessat, Direktor des Museum Mauritianum Altenburg Bildrechte: Kristin Kielon/MDR

Dort wissen wir, dass sie Anfang des 19. Jahrhunderts hierhergekommen sind, möglicherweise über zwei Missionare. Damals gab‘s ne Aktiengesellschaft, die die Naturforschende Gesellschaft extra zur Finanzierung auflegte, damit dort gesammelt wird: vor allem Vögel, aber auch ethnografische Objekte. Aber die Frage ist: Sind das wirklich Objekte von diesen zwei Missionaren oder gehören sie eigentlich woanders hin und wir wissen gar nicht, wo sie genau herkommen?

Mike Jessat, Direktor des Museums Mauritianum Altenburg

Die Altenburger können sich keine eigene Forschungsabteilung leisten, kooperieren aber mit Universitäten. Deshalb haben sie auch eine Studentin nach Australien geschickt, um die Herkunft der Exponate der Missionare Teichelmann und Schürmann zu beleuchten. Möglich gemacht hat das ein Zufall.

Ein Wissenschaftler aus Adelaide strandete in Altenburg auf dem Bahnhof. Er ging dann halt in die Stadt und ins Mauritianum. Da sah er die Teichelmann-Objekte und rief seinen Professor an. Und dann kamen die her mit Termin und wir haben uns erstmal ausgetauscht.

Mike Jessat

Das Ergebnis: Aufzeichnungen der Missionare aus Altenburg sorgten dafür, dass eine vergessene Aborigine-Sprache heute wieder gesprochen wird. Dieses uraustralische Kulturgut war also hier in Deutschland bewahrt worden. Sogar Vertreter der Aborigines selbst kamen in das kleine Museum. Dabei ging es auch um die Frage, ob die Exponate eigentlich nach Australien gehörten.

Wir haben hier nur Alltagsgegenstände. Das wird nicht als so gravierend gesehen, wie wenn ein ganzes Volk ausgerottet wurde und deren Kulturgegenstände abtransportiert wurden. Ist das nachweislich der Fall, ist für mich persönlich klar: Sobald diese Gegenstände dort auch in Sicherheit sind, dann sollten sie auch dort sein.

Mike Jessat, Museologe

Über diese Stücke im Mauritianium Altenburg ist nur bekannt, dass sie aus Afrika stammen. Woher genau und welche Geschichte sich dahinter verbirgt, ist noch unklar. Bildrechte: Kristin Kielon/MDR

Doch in der bürgerlichen Sammlung in Altenburg gibt es laut Jessat keine solchen kritischen Exponate. Trotzdem sind Kollegen aus dem Ausland manchmal froh über hier Erhaltenes: Die Australier zum Beispiel haben sich besonders über eine einfache Schüssel gefreut, die es dort nicht mehr gibt. Sie war nämlich ganz einfach ein Wegwerfgegenstand, sozusagen das Plastikbesteck der Aborigines. Provenienzforschung lohnt sich also - für die Museen und auch für die Angehörigen der indigenen Völker, aus denen die Gegenstände stammen.

Was sind indigene Völker?Nach einer international geltenden Definition sind das Nachkommen einer Bevölkerung, die vor der Eroberung, Kolonisierung oder der Gründung eines Staates durch andere Völker ursprünglich in einem räumlichen Gebiet lebten und die sich bis heute als ein eigenständiges "Volk“ verstehen. Sie haben bis heute eigene soziale, wirtschaftliche oder politische Einrichtungen und kulturelle Traditionen beibehalten. Ihre Angehörigen werden oft diskriminiert, deshalb macht u.a. der internationale Tag der indigenen Völker auf dieses Problem aufmerksam. Darüber hinaus setzt sich die UNO für den Schutz und die Stärkung ihrer Rechte ein. Dazu gehört auch, dass die Herkunft und die Geschichte von Kulturgütern dieser Ureinwohner und ihrer Nachfahren offengelegt werden.

Über dieses Thema berichtet MDR Kulturim Radio | 09.08.2017 | 13:40 Uhr

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Tag der indigenen VölkerWo kommen die Schätze in unseren Museen her?