Mann und Frau an einem FKK-Strand
Bildrechte: imago/Harald Lange

FKK Freikörperkultur: Warum baden wir so gerne nackt?

09. Juni 2025, 11:00 Uhr

Warum ist FKK gerade in Ostdeutschland so verbreitet? Eine Spurensuche durch Geschichte, Politik und Kultur – vom Lebensreformideal bis zur Alltagsgewohnheit.

Als ich vor zehn Jahren zum ersten Mal nach Deutschland kam, gab es vieles, das mich erstaunte: die Anzahl der Fahrräder, sonntags geschlossene Läden, Zwiebelmett (dieses gastronomische Wunder habe ich bis heute nicht verstanden), die Pünktlichkeit der Deutschen Bahn und der sächsische Dialekt. All das erklärte ich mir mit kulturellen Unterschieden.

Aber es gab ein Ding, das vom Grad der Verblüffung und Empörung fast alle Grenzen überschritt. Als ich am Strand war und eine Bekannte von meinen Gasteltern plötzlich splitterfasernackt zur Ostsee rannte, wurde mir klar, dass ich die deutsche Kultur noch lange nicht vollständig verstehen werde. Das war meine erste Begegnung mit der Freikörperkultur.

Diorama eines FKK-Strandes im DDR-Museum in Berlin
Bildrechte: imago/Steinach

Später habe ich erkannt, dass es sich dabei sogar um eine Bewegung handelt. Aber warum ist die Freikörperkultur gerade in Deutschland – und zwar in Ostdeutschland – so weit verbreitet? Das wollte ich herausfinden.

Vegetarismus, Industrialisierung und Nacktsein

Erstaunlicherweise ist die Gewohnheit, nackt zu sein, eine städtische Entwicklung. Die Voraussetzung dafür war die industrielle Revolution. Städte wuchsen dramatisch, was das Ende des gewohnten Lebensstils bedeutete – weniger frische Luft und gesundes Essen. Manche Menschen konnten das kaum ertragen. So begann die Lebensreform – eine Bewegung, die Industrialisierung kritisierte und nach dem Naturzustand strebte.

Für die einen bedeutete es Vegetarismus und Tierschutz, für die anderen Naturheilkunde und Nacktsein. "Es konnte sein, dass einige Gruppen sich entschieden haben, nur noch Fallobst zu essen, weil das von der Natur gegeben ist und man kein verarbeitetes Nahrungsmittel aufnehmen wollte", erklärt Maren Möhring Professorin für Vergleichende Kultur- und Gesellschaftsgeschichte an der Universität Leipzig.

Mahren Moehring,  Professorin für Vergleichende Kultur- und Gesellschaftsgeschichte an der Universität Leipzig.
Bildrechte: Mahren Moehring

Oder man hat sich entschieden, sich nackt auszuziehen und den Körper der Sonne, der Luft und so weiter auszusetzen, um ihn zu regenerieren.

Prof. Dr. Maren Möhring, Kultur-und Gesellschafthistorikerin , Universität Leipzig

Dass es in Deutschland ein sehr großes Interesse an Natürlichkeit gibt, zeigt sich nicht nur in der FKK-Bewegung, sondern auch im Alltag. Schon in der Frauenbewegung der 60er- und 70er-Jahre – und heute wieder – entschieden sich viele bewusst dafür, zum Beispiel auf das Rasieren zu verzichten. "Die Vorstellung: Ich lasse meinen Körper so, wie er natürlicherweise ist – das ist in Deutschland sehr ausgeprägt", sagt Möhring.

Protestantisch? Get naked!

Neben der Industrialisierung spielte auch die Religion eine bedeutende Rolle.

Wir finden keine Freikörperkulturbewegung in katholischen Ländern, sondern in Deutschland oder in Skandinavien, also protestantischen Ländern.

Prof. Dr. Maren Möhring

"Und ich glaube, das hängt schon auch damit zusammen, dass der Protestantismus, ermöglicht hat zu sagen, nicht der Körper ist sündig, sondern meine Gedanken, wenn ich den Körper betrachte", so Maren Möhring weiter. Im Katholizismus oder auch in anderen Religionen habe sich die Vorstellung, dass der Körper als solcher sündig sei, stärker gehalten.

Instrument der Nazi-Ideologie und des proletarischen Kampfs

Lustiger Wegweiser im sächsischen Dialekt, naggsch und textil, als FKK-Badestrand und Textilbadestrand, am Badesee in Grillenburg.
Bildrechte: IMAGO/Hanke

Vor dem Ersten Weltkrieg war die Freikörperkultur (FKK) eine Randerscheinung: kleine Gruppen von Enthusiasten trafen sich, um Sport zu treiben oder in der Sonne zu liegen. Doch nach dem Krieg änderte sich das. "Der große Erfolg der FKK-Bewegung in Deutschland lag auch daran, dass sie es geschafft hat, sich an die Sportbewegung anzuschließen", erklärt die Historikerin Möhring. Da Deutschland aufgrund seiner Kriegsschuld keine Armee mehr besitzen durfte, gewannen Sport und Gymnastik an Bedeutung – als Mittel zur "Erhaltung der Wehrkraft".

In den 1920er-Jahren entwickelten sich innerhalb der Bewegung unterschiedliche politische Strömungen: Die proletarische FKK verband das Nacktsein mit sozialistischen Idealen. Wenn man nackt ist, dann spielt Kleidung als Statussymbol keine Rolle mehr. Da turnten zum Beispiel auch Mädchen und Jungen zusammen, weil gesagt wurde, Männer und Frauen sollten gleichberechtigt sein und ihren Körper beide ertüchtigen.

Ganz anders sah das die völkische FKK, die auf rassenhygienische und eugenische Ideen setzte, Juden ausschloss und sich hin zum Nationalsozialismus entwickelte. Ein besonders deutliches Beispiel für die Ideologie der völkischen Freikörperkultur war die sogenannte "nackte Gattenwahl". Dahinter stand die Vorstellung, dass sich potenzielle Ehepartner bereits vor der Hochzeit nackt sehen sollten – um nicht "die Katze im Sack zu kaufen" und um beurteilen zu können, ob der andere körperlich gesund oder, in der Nazi-Terminologie, "deformiert" sei.

Auf diese Weise sollte eine vermeintlich erbbiologisch sinnvolle Partnerwahl ermöglicht werden – ein zutiefst problematisches, eugenisches und rassenhygienisches Konzept.

Kultur-und Gesellschafthistorikerin Prof. Dr. Maren Möhring, Universität Leipzig

Ob das dann wirklich so stattgefunden habe, sei allerdings schwer zu sagen, so Möhring weiter. "Aber jedenfalls in den Schriften der Völkischen FKK nimmt diese nackte Gattenwahl einen wichtigen Raum ein."

Ist FKK ein rein ostdeutsches Phänomen?

Obwohl die FKK vor dem Zweiten Weltkrieg sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland verbreitet war, änderte sich das nach 1945. In Westdeutschland wurde FKK vor allem organisiert in Vereinen praktiziert. Es gab klar abgegrenzte FKK-Strände – etwa auf Sylt – und das Nacktbaden fand unter bestimmten Regeln und in bestimmten Räumen statt. Ab den 1970er-Jahren nahm das Interesse an Vereinsstrukturen aber stark ab. Viele Menschen gingen einfach "oben ohne" oder nackt an den Strand, ohne sich an die formalen Strukturen der FKK-Vereine zu binden.

Außenseiter, Spitzenreiter bei Umfrage an einem FKK-Strand 3 min
Bildrechte: DRA

In Ostdeutschland hingegen entwickelte sich Freikörperkultur zunehmend als Alltagspraxis, unabhängig von Vereinen. In der DDR war eine freie Vereinsorganisation ohnehin nicht möglich. Stattdessen wurde FKK zum spontanen, selbstverständlichen Teil des Lebens – mit Freunden oder der Familie, an Seen, Stränden oder im Urlaub an der Ostsee. Genau diese Veralltäglichung machte den Unterschied. "Ich verbinde damit keine Lebensanschauung – ich bade einfach nackt", beschreibt Historikerin Maren Möhring diese Haltung. 

Heutiger Zustand

Ein Hinweisschild mit der Aufschrift „FKK-Strand. Filmen und Fotografieren verboten!“ steht am FKK-Strand auf der Düne der Hochseeinsel Helgoland.
Bildrechte: picture alliance/dpa | Marcus Brandt

Für Mitglieder des DFK-Verbands bedeutet Freikörperkultur mehr als nur nackt zu sein. Es geht vor allem um das gemeinsame Nacktsein – in der Gruppe, beim Sport, in der Freizeit, beim Baden oder am Strand, erklärt die Vizepräsidentin für Öffentlichkeitsarbeit des FKK-Verbands Manuela Fernandez. "Es geht nicht darum, sich nackt zu zeigen oder andere nackt zu sehen. Niemand ist nackt, um angeschaut zu werden – man ist einfach nackt, weil es sich gut anfühlt: unter freiem Himmel, ohne nasse Badekleidung, beim Sport, Spazieren oder Wandern. Radfahren nackt finde ich persönlich nicht so toll – aber auch dafür gibt es Fans."

Der Deutsche Verband für Freikörperkultur zählt etwa 35.000 organisierte Mitglieder. Im Jahr 2010 waren es fast 40.000. Die Zahl fiel bis 2018 auf gut 32.000 und seitdem geht es bergauf.

Insgesamt waren laut einer YouGov-Umfrage 25 Prozent der Deutschen schon einmal nackt am Strand, wobei der Anteil in Ostdeutschland mit 36 Prozent deutlich höher ist als in Westdeutschland (23 Prozent). 

Obwohl die Maueröffnung schon so lange her ist, gibt es da große Unterschiede zwischen Ost und West. Es gibt nämlich ganz viele Vereine im alten Westen, aber im Osten gibt es nur einen Landesverband. Man kann eigentlich sagen, Ostdeutschland ist fast komplett unorganisiert.

Vizepräsidentin für Öffentlichkeitsarbeit Manuela Fernandez, Deutscher Verband für FreiKörperKultur

Auch die Bewegung “Oben ohne” trägt zu dem Wiederbeleben von FKK bei, obwohl sie eigentlich andere Ziele verfolgt – die Desexualisierung der weiblichen Brüste und Gleichberechtigung von männlichen und weiblichen Körpern. 

Manuela Fernandez, Vizepresidentin für Offentlichkeit des Deutschen Verbandes für FreiKörperKultur.
Bildrechte: Manuela Fernandez

Wenn Menschen ausprobieren, nur mit Bikinihose ins Schwimmbad zu gehen, merken sie vielleicht, wie angenehm das ist – und landen irgendwann an einem FKK-Strand.

Manuela Fernandez

Dort würden sie dann sehen, dass für andere Nacktbaden völlig normal sei, ergänzt Fernandez. "Und jeder darf so schwimmen, wie er mag, auch mit einer Badehose. Ich hoffe, dass so auch mehr – und gerne auch jüngere – Leute dazukommen."

Ein Blick von außen

In meiner Kultur ist es nicht üblich, sogar verboten, nackt zu sein. Nacktheit gilt als etwas sehr Intimes. Wer sich nackt zeigt, macht sich lächerlich oder gilt schnell als pervers. Aber hier sehe ich, dass die Menschen ganz anders damit umgehen. Nacktheit wird als Ausdruck von Freiheit verstanden – als ein Weg, zusammen zu sein, Verbundenheit zu spüren oder einfach die Sonne im natürlichen Zustand zu genießen. Was denkt ihr darüber? Wart ihr schon einmal nackt am Strand?

Über die Autorin:

Olga Chaban stammt aus Russland und ist über das Nachwuchs-Talente-Programm MDR fresh zu Mitteldeustchen Rundfunk gekommen.

0 Kommentare

Weitere Artikel

Böttchers Welt - Notizen aus der Provinz 1 min
Bildrechte: MDR JUMP / Thomas Böttcher/ Mario Orsos
1 min

Böttchers Welt – Notizen aus der Provinz Die Nackten gehen uns aus

Die Nackten gehen uns aus

Immer weniger machen FKK.

MDR JUMP Do 05.06.2025 05:40Uhr 01:28 min

Audio herunterladen [MP3 | 1,3 MB | 128 kbit/s] Audio herunterladen [MP4 | 2 MB | AAC | 187,5 kbit/s] https://www.mdrjump.de/podcasts/boettchers-tagebuch/die-nackten-gehen-uns-aus-100.html

Rechte: MDR JUMP

Audio

Mehr aus dem Bereich Psychologie und Sozialwissenschaften