Symbol für das Sternzeichen Löwe vor einem Mond, neben einem Löwen
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Psychologie Warum lesen wir so gern Horoskope?

Die Sterne bestimmen oder beeinflussen unser Leben - das glauben viele Menschen. Bis zu 25 Prozent der Deutschen sind der Meinung, dass ihr Sternzeichen Einfluss auf ihr Leben und ihren Charakter hat. Aber auch die anderen 75 Prozent lesen zumindest gelegentlich einmal ein Horoskop. Und die Horoskopschreiber wissen, wie sie uns bekommen. Mit dem Barnum-Effekt.

von Claudia Pupo Almaguer

Symbol für das Sternzeichen Löwe vor einem Mond, neben einem Löwen
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"Sie werden 2018 viel Erfolg, aber auch Anstrengung im Beruf haben. Anfangs starten Sie noch richtig durch. Nach einer kleinen Durststrecke im Februar/März gibt Ihnen der Frühling wieder richtig Schwung. Im Sommer und Herbst dann glänzen Sie mit Ihrem Können. Im Winter müssen Sie aufpassen, dass Sie sich nicht überfordern, vor allem zur Adventszeit. Alles in allem wird es aber ein sehr erfolgreiches Jahr!"

So oder ähnlich steht es jetzt in vielen Zeitschriften oder auf Internetseiten. Immer, wenn der Jahreswechsel ansteht, haben Horoskope Hochkonjunktur - und das egal, ob wir daran glauben oder nicht. Was dahintersteckt, weiß Annegret Wolf, Diplom-Psychologin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Sie sagt, es sei eines der klassischsten Phänome der Psychologie, genannt der Barnum-Effekt.

Es ist für jeden was dabei

Der Barnum-Effekt besagt, dass Menschen die Neigung haben, sehr vage oder allgemeingültige Formulierungen zu interpretieren. Und zwar so, dass sie für den Einzelnen eine persönliche Bedeutung bekommen und auf den individuellen Fall und die jeweilige Persönlichkeit zutreffen. Das funktioniere vor allem dann, wenn der Text sehr positiv und schmeichelnd formuliert ist.

Horoskope sind - wenn man es mal böse ausdrücken will - eine Art kollektive, gesellschaftliche Selbsttäuschung, indem man sie persönlich für sich validiert.

Annegret Wolf

Der Effekt ist nach Phineas Taylor Barnum benannt, einem Zirkusbesitzer und Trickbetrüger aus den USA des 19. Jahrhunderts. In seinem Wanderzirkus hat er alle mögliche Kuriositäten angeboten, um jeden Menschen zufriedenzustellen - "a little something for everybody". Der Barnum-Effekt ist schon lange bekannt. Bereits in den 1940er-Jahren ließ der Psychologe Bertram Forer seine Studenten einen ausführlichen Persönlichkeitstest ausfüllen. Anschließend legte er ihnen die Auswertung vor:

Annegret Wolf Psychologin Martin-Luther-Universität Halle
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Und tatsächlich bewerteten die Studenten das Ausmaß der Akkuratheit, wie sehr das auf sie zutreffe, mit 4,2 von 5 möglichen Punkten. Der Clou daran war aber, dass er allen Studenten den gleichen standardisierten Text vorgelegt hat - der auch noch aus Zeitschriftenhoroskopen zusammengebastelt war.

Annegret Wolf

Wir suchen danach, was in unser Bild passt

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, sagt Annegret Wolf. Im Laufe seines Lebens hat er sich Vorstellungen und Erwartungen zugelegt und sucht nun nach Bestätigung. Deswegen heißt der Effekt beim Horoskope-Lesen auch "Verifikationsphänomen". Horoskope sind laut Wolf oft so formuliert, dass sie gar nicht widerlegbar sind - wie die Bauernregeln. Dann sieht der Mensch sich wieder in seinen Annahmen und Erwartungen unterstützt. Noch ein Trick bei Horoskopen: Sie sprechen Themen an, die für uns alle wichtig sind; Gesundheit, Liebe, soziale Beziehungen wie Familie und das liebe Geld. Dabei werden laut Wolf die Horoskope den Lesern angepasst. Zum Beispiel bei Frauenzeitschriften sind es Komplimente, damit sich Frauen gut angesprochen fühlen. Da sind dann Themen wie Wellness, Luxus und "Gönn dir mal was" präsent.

Man hört auch ganz oft: "Sie strotzen vor Energie, brauchen aber auch mal eine ruhige Minute für sich." Das sind zwei Extreme, da kann sich jeder Mensch einordnen. Dabei ignoriert das Gehirn die Sachen, die nicht hineinpassen und sucht ganz aktiv nach etwas, das zutrifft.

Annegret Wolf

Ist es irgendwie schlimm, Horoskope zu lesen?

Sternzeichen
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Nein, sagt Psychologin Wolf. Zum einen hätten Horoskope - ähnlich wie Magiershows, Kartenlegen und Wahrsagen - einen großen Unterhaltungswert.

Außerdem können Horoskope der Orientierung dienen. Man kann sich an etwas halten, mit etwas konform sein. Und sie können auch geradewegs positiv sein - wenn sie nämlich Anlass geben, irgendetwas zu ändern oder mal etwas zu wagen.

Es kann positiv sein, wenn zum Beispiel ängstliche Personen animiert werden, auch mal aus dem Haus zu gehen. "Heute können Sie jemand ganz Tolles treffen" kann da helfen. Wenn dann das positive Ereignis eintritt, wird das auf einen selbst attribuiert und kann das Selbstwertgefühl steigern - wie eine Art selbsterfüllende Prophezeiung.

Annegret Wolf

Es gibt aber auch eine Schattenseite. Wenn sich Menschen zu streng an Horoskopen halten, kann das zum Problem werden. Das eigene Sternzeichen kann dann als Ausrede oder Entschuldigung dienen. Damit einher geht laut Wolf eine Art Kontrollverlust, weil man dann alles von externen Umständen und dem Schicksal abhängig mache. Was das im Extremfall für Konsequenzen haben kann, zeigt eine Studie über Japan. Dort war im Jahr 1966 eine außergerwöhnlich hohe Abtreibungsrate festgestellt worden - aber nur bei weiblichen Föten. Der Grund laut Studie: In dem Jahr herrschte laut Tierkreiszeichen-Kalender ein ungünstiges Sternzeichen für Mädchen. So weit muss es natürlich nicht kommen, nur weil man mal ein Horoskop liest und sich darüber freut. Aber es ist und bleibt eine Tatsache: Astrologie und damit der Einfluss der Sterne hat nichts mit Wissenschaft zu tun.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Radio | 01. Januar 2018 | 06:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Januar 2018, 16:07 Uhr