Covid-19 Querdenken-Großdemonstrationen höchstwahrscheinlich Superspreader-Events

Die Großdemonstrationen der sogenannten Querdenker im November haben höchstwahrscheinlich zur zweiten Coronawelle beigetragen. Eine neue Statistik analysiert den Anstieg der Inzidenz nach den Demos.

Die sogenannte Querdenken Bewegung demonstriert gegen die Corona-Maßnahmen im Leipziger Stadt-Zentrum, 2020.
Mehrere zehntausend Menschen nahmen an der Querdenken-Demonstration Anfang November in Leipzig teil, viele von Ihnen trugen keine Masken und hielten Abstände nicht ein. Damit haben sie offenbar kräftig zur zweiten Corona-Welle beigetragen, zeigt eine neue Studie. Bildrechte: IMAGO / Steffen Junghans

Zehntausende Menschen demonstrierten Anfang November zunächst in Leipzig und wenig später auch in Berlin gegen die Corona-Maßnahmen. Dabei hielten sich viele Teilnehmer nicht an die Hygiene- und Abstandsregeln, das dokumentieren Aufnahmen von den Veranstaltungen. Viele Demonstranten waren gemeinsam in Bussen angereist. Welchen Einfluss hatten diese Großevents und das Ignorieren von Vorsichtsmaßnahmen auf die Verbreitung des Virus?

Anteil der Coronaskeptiker wird geschätzt

Forscher des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim (ZEW) sowie der Berliner Humboldt-Universität (HU) wollen das in einem neuen Diskussionspapier abschätzen. Weil es keine direkten Daten dazu gibt, wie hoch der Anteil von sogenannten Corona-Skeptikern an der Gesamtbevölkerung eines Ortes ist, zogen die Wissenschaftler verschiedene Hinweiswerte für ihre Analyse heran. Bei dem Beitrag handelt es sich um ein Diskussionspapier des ZEW, es ist also nicht durch den Review-Prozess einer wissenschaftlichen Zeitschrift gegangen. Die Annahmen der Forscher klingen dennoch plausibel.

So gehen die Autoren davon aus, dass Corona-Skeptiker eher die Alternative für Deutschland (AfD) wählen, da sich diese Partei häufig kritisch zu den Maßnahmen äußert. Außerdem nehmen die Forscher an, dass die Impfskepsis hoch ist bei Corona-Skeptikern. Gebiete mit hohen Zustimmungswerten zur AfD und niedrige Raten bei der Masernimpfung von Kindern seien wahrscheinlich auch Heimat vieler Corona-Skeptiker, schlussfolgern die Autoren. Deutlichster Hinweis auf viele Corona-Skeptiker sei aber das Angebot von Busfahrten zu den Corona-Demonstrationen. Die Forscher erhoben dazu Busangebote eines Netzwerks von Reiseanbietern, die Teilnehmer aus ganz Deutschland zu den Demonstrationen fuhren. Dann verglichen sie, wie sich die Inzidenzen in diesen Gebieten nach den Demos entwickelten, gegenüber Gebieten ohne diese Busangebote.

Maskenverweigerer beeinflussen Gesundheit aller

Die statistische Berechnung habe dann gezeigt: Landkreise mit einer Busverbindung zu Querdenken-Demos entwickelten danach höhere Zahlen von Neuinfektionen mit Sars-CoV-2 als Landkreise ohne solche Busse. Bis zum 23. Dezember sei die sogenannte 7-Tages-Inzidenz in den Gebieten mit vielen Querdenkern um bis zu 35,9 Prozent höher gewesen, als in den anderen Gebieten.

Die Forscher schätzen auf Basis der von ihnen erhobenen Daten, dass allein bis Weihnachten zwischen 16.000 und 21.000 Infektionen hätten verhindert werden können, wenn die Großdemos abgesagt worden wären. Das individuelle Verhalten von Menschen, die sich weigern, Masken zu tragen oder Abstand zu halten, könne offenbar großen Einfluss auf die öffentliche Gesundheit nehmen, schlussfolgern die Wissenschaftler. "Eine mobile Minderheit, die sich nicht an geltende Hygieneregeln hält, kann so ein erhebliches Risiko für andere Personen darstellen", sagt Martin Lange, Co-Autor der Studie.

Demonstrationen nicht zwangsläufig Superspreading-Events

Um die Plausibilität ihrer Aussagen zu stützen, prüften die Forscher, ob es andere Erklärungen für ihre Beobachtung geben kann. Dazu betrachteten sie das Infektionsgeschehen vor den Demonstrationen, verglichen die Daten mit den Bushaltestellen eines großen deutschen Fernbusunternehmens und bezogen die Bevölkerungsdichte in die Berechnung ein. Diese Faktoren hätten allerdings nicht das beobachtete Ergebnis erklären können. Auch die Nähe zu Nachbarländern mit hohen Coronazahlen sei nicht erklärend für die Unterschiede zwischen verschiedenen Gebieten in Deutschland. Die Stopps der Busanbieter hingegen hätten sich als signifikant erwiesen.

Große Veranstaltungen müssten in der Pandemie allerdings nicht automatisch zu Superspreading-Events werden, schreiben die Autoren. Studien aus den USA zeigten, Demonstrationen von Black Lives Matter hätten kaum zur Verbreitung des Coronavirus beigetragen. Dort hielten sich die meisten Teilnehmer an Abstandsgebote und trugen Masken, zudem fanden die Demonstrationen vor allem im Sommer statt.

(ens)

Quelle

Lange, Monscheuer: Spreading the Disease: Protest in Times of Pandemics, ZEW Discussion-Papers

72 Kommentare

MDR-Team vor 2 Wochen

2/2
Herr Wiesendanger gibt dies auch offen zu: "Ja, die Studien kommen nicht alle aus peer-reviewten Papern. Und das ist auch keine Weltneuheit. Im Prinzip hätte das jeder Journalist so herausfinden können."
Seine Ergebnisse stehen zudem im Widerspruch zur Weltgesundheitsorganisation (WHO): Die WHO hatte zuletzt ein Forscherteam nach China geschickt, um mehr über den Ursprung des Coronavirus herauszufinden. Ein Laborunfall wurde dabei als "extrem unwahrscheinlich" eingestuft. Und dennoch wird die These weiterverfolgt. Einen schlüssigen Beweis für den Ursprung des Virus konnte bisher keiner liefern. Und auch darüber wird mindestens von unserer Seite aus, neutral berichtet.
https://www.zdf.de/nachrichten/politik/corona-labortheorie-universitaet-hamburg-100.html
Aber nun kehren Sie bitte zum Thema unseres Artikels zurück. Themenfremde Diskussionen verstoßen gegen unsere Kommentarrichtlinien und werden von uns nicht weiter freigeschaltet.

MDR-Team vor 2 Wochen

1/2
Hallo Herr Schneider,
leider können wir Ihre Kritik nicht nachvollziehen. Zwar können wir nicht für alle Medien, auch nicht für alle Öffentlich-Rechtlichen sprechen, doch einen unterschiedlichen Umgang mit beiden Papieren können wir nicht feststellen. Wir berichten hier neutral über eine Studie , die den Zusammenhang zwischen Querdenken-Demonstrationen und dem Infektionsgeschehen herausgearbeitet hat. Aus wissenschaftlicher Sicht ist uns keine Kritik bekannt, die die Glaubwürdigkeit der Studie anzweifelt. Auch Sie konnten in Ihrer Argumentation nicht schlüssig belegen, warum die Studie nicht glaubwürdig sein sollte.
Bei dem Papier von Herrn Wiesendanger von der Uni Hamburg sieht das allerdings anders aus. Experten kritisieren offensichtliche inhaltliche Mängel und teilweise fragwürdige Quellen. Wissenschaftlichen Qualitätsstandards seien nicht eingehalten worden und Hr. Wiesendanger besitzt keinerlei Erfahrung auf dem Gebiet der Virologie, heißt es.

Walter Schneider vor 2 Wochen

Ein englischsprachiges fünfzigseitiges Thesenpapier zweier deutscher Ökonomiedoktoren zum angenommenen besonderen Zusammenhang zwischen Querdenkerdemonstationen und der Ausbreitung von Corona namens "Speading the Disease" wird seit nunmehr über einer Woche insbesondere in öffentlich-rechtlichen Medien als tendenziell glaubwürdig dargestellt.

Ein deutschsprachiges hundertseitiges Thesenpapier eines deutschen Physikprofessors zum angenommenen besonderen Zusammenhang eines Virenforschungslabors in Wuhan und der Entstehung von Corona namens "Studie zum Ursprung der Coronavirus-Pandemie" wird seit heute insbesondere in öffentlich-rechtlichen Medien als tendenziell unglaubwürdig dargestellt.

Wie erklärt sich dieser merkliche Unterschied eigentlich? Warum werden diese beiden kontroversen Thesenpapiere medial nicht gleichermaßen zustimmend, kritisch oder eben neutral behandelt?