Altsteinzeit-Menschen Ritzungen auf Mammut-Rippe geben Archäologen Rätsel auf

Mögen Sie Rätsel? Na dann versuchen wir es mal: Was bedeuten drei Reihen mit Einkerbungen auf einer Mammut-Rippe? Ist es vielleicht eine eiszeitliche Strichliste? Wie viele Tiere man erlegt, Menschen getroffen oder Monde vergangen sind? Auf der Suche nach der Antwort sind Archäologen der Universität Tübingen und des Urgeschichtlichen Museums Blaubeuren. Dort ist die rätselhafte Mammut-Rippe gerade als "Fund des Jahres“ ausgestellt.

Ein uralter Tierknochen mit von Menschen gemachten Einkerbungen darauf.
Rätselhafte Striche: Warum haben die Frühmenschen diese gut erkennbaren, sauberen Einschnitte auf den Mammutknochen platziert? Bildrechte: Universität Tübingen/Hilde Jensen

Sie ist etwa so lang wie ein Unterarm, fünf Zentimeter breit und unglaublich alt: In der UNESCO-Weltkulturerbe-Höhle "Hohle Fels" auf der Schwäbischen Alb - einer Wohnhöhle der Altsteinzeit - haben Archäologen die Mammut-Rippe gefunden. Ein seltener Fund, denn während der Eiszeit haben die Menschen die Knochen oft als Ersatz für das knappe Brennholz oder als Werkzeuge benutzt. Nicht so diese Rippe, erklärt Johannes Wiedmann, Archäologe am Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren.

Auf der Schmalseite der Rippe sind ziemlich tiefe Kerben, einmal 90 und einmal 83. Und auf einer Breitseite gibt’s nochmal ganz feine Sachen. Dort sind nochmal 13 solche Markierungen. Allerdings sind die dann länger, während die anderen relativ kurz sind.

Johannes Wiedmann, Urgeschichtliches Museum

Die Rippe muss von Menschenhand bearbeitet worden sein. Alle Markierungen sind gut erkennbare, saubere Einschnitte. Sie wurden mit Sicherheit gezielt platziert, sind sich die Archäologen sicher. Weil sie sich in Länge und Tiefe unterscheiden, seien sie wahrscheinlich nicht in einem Zug eingeritzt worden. Das Fundstück lässt die Forscher Rätseln: Welche Funktion hatte der Knochen wohl?

Wir haben aus der Zeit, aus der dieses Objekt herstammt, also grob so 30.000 Jahre vor heute, schon etliche Knochen mit Kerbungen drauf, allerdings nie so in der Art wie bei dieser Rippe. Das ist schon eine Besonderheit.

Johannes Wiedmann, Urgeschichtliches Museum

Der erste Gedanke war ein Kalender, ergänzt Wiedmann. Doch das sei angesichts der Zahlenreihen sehr unwahrscheinlich. Aber könnte es nicht einfach steinzeitliche Kunst sein? Diese Vermutung schließt Nicholas Conard aus. Er ist der Direktor des Museums und Archäologie-Professor an der Eberhard Karls Universität Tübingen.

Wenn es um Schönheit ginge, hätten sie hier Schönheit produziert. Aber hier geht es um einen Informationsträger, wo Information festgehalten wurden und unsere Aufgabe ist es eigentlich, diese Information zu entziffern und da tun wir uns momentan schwer.

Nicholas Conard, Universität Tübingen

Das Muster der Ritzmarken spreche dafür, dass die Steinzeitmenschen damit etwas gezählt haben könnten. Aber was könnte das gewesen sein? Ging es um Jagdbeute, Menschen, Tage oder Mondzyklen? Oder sind das vielleicht die Spielstände eines altsteinzeitlichen Spiels? Die Forscher können bisher nur spekulieren.

Was mir dazu noch eingefallen ist, ist natürlich das berühmte Kerbholz: Kerbhölzer hatte man früher in den Wirtschaften und auf dem Kerbholz ist immer ne Kerbe gemacht worden, wenn man etwas getrunken hat oder so, dass zum Schluss klar war, wie viel man zahlen muss.

Johannes Wiedmann

Klingt nach einer interessanten Theorie – bis auf die Tatsache, dass es vor mehr als 30.000 Jahren weder Kneipen noch Geld gab. Die Forscher hoffen nun, dass jemand eine Idee hat, wofür die Zahlen der Markierungen stehen könnten. Auf der Facebookseite des Urgeschichtlichen Museums Blaubeuren kann man ihnen die eigene Theorie schicken. Und die plausibelsten wollen die Wissenschaftler dann tatsächlich etwas genauer unter die Lupe nehmen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 28. Juli 2018 | 06:20 Uhr