Wissenschaftliche Antworten "Der Rassebegriff ist nichts anderes als ein gedankliches Konstrukt des Menschen"

Oh, ein reinrassiger Pudel! Ah, was für eine eine rassige Schönheit! Wer sensibel mit Sprache umgeht, fühlt bei solchen Beschreibungen ein gewisses Unbehagen - zu Recht, denn das, was Rasse beschreibt, ist nichts anderes als Züchtung.

Stellen Sie sich mal Folgendes vor: Sie machen ein Picknick auf einer Wiese. Dann kommt ein wunderschöner Schmetterling angeflattert und jemand ruft: "Welche Rasse ist das denn?" Klingt irgendwie komisch, oder? Anders fühlt es sich an, wenn so ein kleiner süßer Hund an ihnen vorbei spaziert. Da würde die Frage nach der Rasse nicht komisch klingen. Es gibt den Chihuahua, den Mops, den Shiba Inu, Schäferhunde, Dackel, alles Rassehunde und trotzdem alles eine Art: Wolf. Weiter geht es dann bei den Kaninchen. Da wird es noch besser: Blaue Wiener, Deutsche Widder, englische Schecken. Alles Kaninchen, aber unterschiedliche Rassen. Und wie sieht es bei den Pflanzen aus?

Der Begriff Rasse wird in der Botanik nicht verwendet. Es gibt  Hühner-, Hunde-, Katzen- und Schafsrassen, aber keine Getreide-, Gras- oder Baumrassen. In der Botanik wäre der entsprechende Begriff die 'Sorte'.

Dr. Martin Freiberg, Botanischer Garten Leipzig
Ein Mann kniet zwischen den Sklulpturen  zweier großer Schildkröten
Prof. Stefan Richter im Darwineum Bildrechte: Zoo Rostock

So beantwortet der Kustos des botanischen Gartens in Leipzig unsere Frage. Rassen gibt es also nur bei Tieren. Stefan Richter vom Institut für Biowissenschaften an der Rostocker Universität sagt, es gibt keine richtigen Rassen, auch wenn es den Begriff der Haustierrassen gibt. Von einer Rasse spricht man nur, wenn der Mensch die Finger im Spiel hat, sagt Richter. Wenn also eine Art absichtlich entsteht – wie zum Beispiel ein Windhund. Viel zu dünn für die raue Natur, dafür gewinnt er aber jedes Rennen. Satt wird er davon zwar nicht, aber der Mensch findet es toll.

Die meisten Hunderassen, die wir heute kennen, gibt es überhaupt erst seit 150 Jahren oder jünger. Ohne das ständige Eingreifen des Menschen würde es gar keine entsprechenden Hunderassen geben. Hunde sind domestizierte Wölfe. Somit sind die Unterscheidungen, die uns so offensichtlich erschienen, das Ergebnis dieses Züchtungsprozesses.

Prof. Stefan Richter

Evolutionär gesehen wäre so eine rasante Veränderung der Art gar nicht möglich. In der Natur gibt es also keine Rassen und beim Menschen auch nicht, denn der ist ja keine Züchtung. Dafür gibt es Populationen und Arten. Was ist aber eine Population? Dieser Begriff erklärt die räumliche Ausbreitung einer Art, also in dem Fall einer Gruppe von Menschen. Johannes Lemke, der Direktor des Instituts für Humangenetik in Leipzig, sagt:

Porträtbild Mann
Dr. Johannes Lemke Bildrechte: Stephan Labs

Da fällt auf, dass Menschen aus Afrika eine dunklere Hautfarbe haben, Menschen aus Asien bestimmte Gesichtsmerkmale oder Auffälligkeiten; im Vergleich zu Europäern, die ihrerseits Auffälligkeiten haben im Vergleich zu Südamerikanern.

Dr. Johannes Lemke

Der Mensch - angepasst an unterschiedliche Lebensräume

Diese Populationen zu unterscheiden mache Sinn, hat aber mit Rasse gar nichts zu tun, sondern nur mit Lebensraum. Die Art Homo Sapiens passt sich an den Lebensraum an. Das fing übrigens in Afrika an. Der erste Homo Sapiens war ein dunkelhäutiger Afrikaner. Und von da aus breitete er sich aus und passte sich seinem Lebensraum an, wurde hellhäutiger, kleiner, dicker, dünner, bekam helle, rote, braune Haare. Und genetisch? Unterscheidet sich das Genom von Menschen aus Afrika, Europa oder Asien? Unterschiede gibt es immer, sagt Lemke. Europäer untereinander unterschieden sich genetisch sogar deutlich mehr als ein Afrikaner von einem Europäer.

Wenn man wirklich biologisch etwas unterscheiden wollen würde, dann könnte ich mir noch allenfalls vorstellen, dass man beim Menschen zwischen dem normalen Homo Sapiens unterscheidet und dem Neandertaler und dem Denisova Menschen.

Dr. Johannes Lemke

Allerdings gibt es die letzten beiden nicht mehr - wir haben sie wahrscheinlich genetisch integriert - und der Homo Sapiens ist der einzige dieser Gattung, der auf der Erde noch übriggeblieben ist.

Aber Rassen gibt es beim Menschen nicht und ich glaube auch, dass in der Biologie und in der Zoologie dieser Begriff nicht mehr verwendet wird. Ich glaube, das ist am ehesten noch in der Zuchttierhaltung verbreitet.

Dr. Johannes Lemke

Der Begriff "Rasse" im Zusammenhang mit Menschen impliziert seine Züchtung

Junge Frau mit Hund
Bildrechte: imago/photothek

Das Wort Rasse beim Menschen zu nutzen, ist also schlicht und einfach falsch. Wer den Begriff in Bezug auf Menschen benutzt, geht rein theoretisch davon aus, selbst wenn er es gar nicht denkt, dass der Mensch gezüchtet wurde. Und weil das falsch ist, schütteln Biologen, Genetiker, Evolutionsforscher einfach nur den Kopf. So wie Uwe Hoßfeld vom Institut für Zoologie und Evolutionsforschung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Der Rassebegriff ist nichts anderes als ein gedankliches Konstrukt des Menschen und entbehrt jeder Realität, weshalb wir den Rassebegriff grundsätzlich ablehnen und uns dafür einsetzen, diesen Begriff nicht mehr im Zusammenhang mit Wissenschaft zu benutzen.

Dr. Uwe Hoßfeld

Selbst im Zusammenhang mit Haustieren kann man auf den Begriff verzichten, indem man einfach von Züchtungen spricht.

Mädchen mit Hund
Bildrechte: imago images / fStop Images

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15 Kommentare

Bernd1951 vor 4 Wochen

@mdr-Team
Es ist mir noch etwas eingefallen, um meine Bedenken zu veranschaulichen:
Ist das so gemeint ?
Ein (beliebiger) Europäer und ein (beliebiger) Europäer unterscheiden sich genetisch deutlich mehr als ein (beliebiger) Europäer und ein (beliebiger) Afrikaner.
Wenn "Ja", dann:
Ein beliebiger bedeutet ich "ziehe" aus der Menge der Europäer einen beliebigen heraus. Vergleiche ich dann auf eine solche Art 2 beliebig "gezogene" Europäer miteinander, dann könnten es mit einer verschwindend geringen Wahrscheinlichkeit auch zwei eineiige Zwillinge sein. Und dann ist der genetische Unterschied zwischen beiden wahrscheinlich sehr gering.

Bernd1951 vor 5 Wochen

@mdr-Team
Ich habe schon lange überlegt, aber mir fällt keine Formulierung ein, die diesen Sachverhalt einfach darstellen könnte. Ich habe auch keine Idee mehr, wie ich auf eine andere Weise meine Bedenken gegenüber dem Inhalt dieses Satzes veranschaulichen könnte.
Vielen Dank für die Mühe, die Sie sich gegeben haben.

MDR-Team vor 5 Wochen

@Bernd1951, es tut uns sehr leid, dass Sie den Eindruck haben, wir würden Sie für einen Anhänger der Rassentheorie halten. Seien Sie versichert: Das ist nicht der Fall :).
In der Tat können wir aber nicht nachvollziehen, was an der Formulierung unwissenschaftlich ist. Von der Einteilung der Menschen nach Rassentheorie ausgehend, unterscheiden sich Europäer untereinander genetisch deutlich mehr als ein Afrikaner von einem Europäer. Und damit sind beliebige Menschen gemeint, wie Sie bereits richtig interpretiert hatten. Die Aussage ist also absolut korrekt. Wie würden Sie den betreffenden Satz denn anders formulieren?