Abschied von fossilen Energieträgern Experten: Energiewende muss wegen Russlands Krieg deutlich beschleunigt werden

Energieexperten empfehlen: Wenn wir Windkraft und Solarenergie rasch ausbauen und mehr Energie sparen, kann Deutschland schnell auf russisches Gas verzichten und gleichzeitig klimaneutral werden.

Eine Frau dreht einen Heizkörperthermostat
Ein bisschen Frieren ... Deutschland wird im kommenden Winter wohl mit Energieeinsparungen auf den wahrscheinlichen Lieferstopp von russischem Erdgas reagieren müssen. Bildrechte: imago images/Westend61

Putins Krieg in der Ukraine droht immer brutaler zu werden, viele tausend ukrainische Soldaten und Zivilisten könnten sterben. So schrecklich diese Entwicklung ist, in Deutschland könnte der Angriff zu einer Art Katalysator werden, der überfällige Reformen entscheidend beschleunigt – unter anderem bei der Energieversorgung.

Forscher glauben, angesichts der Lage in Osteuropa sei die Frage nicht, ob die Bundesrepublik weiterhin Erdgas aus Russland kaufen solle, sondern nur noch, ob Russland einem europäischen Importstopp durch eine eigene Einstellung der Lieferungen zuvorkomme.

Gazprom hat Gasspeicher in Deutschland leer gelassen

Für die letzten kalten Wochen der aktuellen Wintersaison reichen die in Deutschland vorhandenen Erdgasreserven noch aus, aber im kommenden Winter 2022/2023 könnte es zu spürbaren Engpässen kommen. Denn die deutschen Gasspeicher sind aktuell nur noch zu etwa 20 Prozent gefüllt. Diese Knappheit habe unter anderem der russische Gazprom Konzern direkt zu verantworten, sagt Professor Michael Sterner, Leiter der Forschungsstelle Energienetze und Energiespeicher an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg (OTHR). "Gazprom besitzt rund 20 Prozent der Gasspeicher in Deutschland und hat sie im vergangenen Sommer überhaupt nicht aufgefüllt."

Offenbar habe das russische Unternehmen den geplanten Krieg auf diese Weise schon vorbereitet. Die Bundesregierung müsse hier rasch mit Regulierung reagieren, rät Sterner. "Betreiber von Gasspeichern sollten diese bis zum Beginn einer Heizperiode im Herbst zu 80 bis 90 Prozent auffüllen." Im kommenden Sommer dürfte das allerdings nicht mehr gelingen, angesichts eines sehr wahrscheinlichen Lieferstopps.

Heizung ein Grad kälter einstellen: Zehn Milliarden Kubikmeter Gas einsparen

Das Land muss sich aus Sicht der Wissenschaftler deshalb auf drastische Sparmaßnahmen im kommenden Winter einstellen. "Wenn wir die Heizungen in unseren Häusern um ein Grad kälter einstellen, können wir dadurch rund sechs Prozent unseres Energieverbrauchs einsparen", sagt Martin Pehnt, Fachbereichsleiter Energie am Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu).

Damit fasst er eine Formel zusammen, die bereits Fatih Birol präsentiert hatte. Der Chef der Internationalen Energie Agentur IEA hatte einen Zehn-Punkte-Plan vorgestellt, mit dem Europa die russischen Gaslieferungen innerhalb eines Jahres weitgehend ersetzen könne. Punkt neun der Liste lautet: Privatverbraucher sollten ihre Heiztemperaturen um ein Grad absenken und so für Einsparungen von bis zu zehn Milliarden Kubikmetern Gas sorgen.

Einfamilienhäuser: Zwei Drittel des Gasverbrauchs in Privathaushalten

Das bedeutet aber nicht, dass in kommenden Wintern kollektives Frieren angesagt ist. Wer in die energetische Sanierung seines Hauses investiert, kann sogar bei einer abgeschalteten Heizung entspannt bleiben, sagt Professor Bruno Burger von Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg, der ein Selbstexperiment gemacht hat. "Vor einer Woche habe ich unsere Heizung ausgeschaltet, da waren es 21 Grad im Haus", sagt er. "Bis heute ist die Temperatur nur auf 19 Grad gesunken." Der Grund dafür sind dreifach verglaste Fenster, eine Lüftung mit Wärmerückgewinnung und eine Gebäudedämmung. All diese Maßnahmen hat Burger bereits vor zwölf Jahren ergriffen.

Gerade Einfamilienhausbesitzer könnten in Deutschland extrem zur Einsparung des Gasverbrauchs in privaten Haushalten beitragen, sagt Martin Pehnt vom ifeu. "Zwei Drittel des zum Heizen von Wohnungen genutzten Gases werden in solchen Haushalten verbraucht, da gibt es das größte Einsparpotenzial". Die anderen, hinlänglich bekannten Maßnahmen lauten: Energiehungrige Geräte wie Kühlschränke oder alte Beleuchtungsmittel austauschen und durch effizientere Modelle ersetzen. "Hier braucht es ein ganzes Feuerwerk an Maßnahmen, das wir jetzt schnell zünden müssen."

Zentral: Ausbau von Solar- und Windenergie sowie der Wasserstofferzeugung

Ein entscheidender Flaschenhals seien unter anderem die Handwerksbetriebe. "Viele Heizungsbauer wollen weiter Öl- und Gasheizungen verkaufen, weil sie sich damit auskennen. Wärmepumpen betrachten sie skeptisch, denn die hängen mit der Stromversorgung zusammen", sagt Michael Sterner von der OTH Regensburg. Kunden müssten hier teilweise richtig hartnäckig sein und den Einbau energiesparender Systeme durchsetzen. Gefragt sei aber auch die Politik, die etwa arbeitsrechtliche Hürden für Zuwanderer abbauen könne, um eine Ausbildung von Facharbeitern zu erleichtern.

Zentral komme es aber auf die Umstellung der Stromerzeugung durch den Ausbau von Windkraft- und Solaranlagen an. "Solarzellen haben in ein bis zwei Jahren die Energiekosten für ihre Herstellung wieder drin, das gleiche gilt für Windräder". Beide Erzeugungsarten seien inzwischen so günstig, dass die Energieerzeugung damit wirtschaftlicher sei als mit Biogas oder Holzheizungen.

Erneuerbar erzeugter Strom lasse sich auch für die Herstellung von Wasserstoff nutzen und der wiederum sei extrem wichtig, um die Chemie- und Stahlindustrie von Kohle, Gas und Öl zu entkoppeln. "Am schwierigsten wird Erdgas in der Industrie zu ersetzen sein, wo es für Hochtemperaturprozesse gebraucht wird", sagt Sterner. Auch hier könne langfristig synthetisch erzeugtes Gas weiterhelfen.

Autofreie Sonntage wären psychologisch sinnvoll

Auch psychologisch brauche es neue Maßnahmen, glauben die Wissenschaftler. So könnten etwa autofreie Sonntage das Bewusstsein dafür schärfen, dass Energie gespart werden müsse. "Die Maßnahmen, die wir gegen Corona durchgesetzt haben, waren viel drastischer. Mal abgesehen von Notfällen sind am Sonntag viele Autofahrten leicht verzichtbar", glaubt Sterner. Auch ein Tempolimit auf den Autobahnen koste kaum etwas, könne aber große Einsparungen beim Verbrauch bringen.

Wir müssen die Prioritäten richtig setzen und Anreize geben.

Professor Michael Sterner, Leiter der Forschungsstelle Energienetze und Energiespeicher, Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg

Die Umstellung der Stromerzeugung müsse ganz oben auf die Agenda, so Sterner weiter, "der Ausbau von Wind- und Solarenergie sind essenziell für Europa. Dafür brauchen wir jetzt die richtigen Rechtsgrundlagen und wir müssen positive Beispiele kommunizieren, wie Windparks, die Bürger selbst betreiben und von denen sie deshalb direkt profitieren."

Martin Pehnt vom Ifeu glaubt, dass die gesetzlichen Regeln und Fördermöglichkeiten bei der Modernisierung von Gebäuden deutlich vereinfacht werden müssen. "Solaranlagen auf jedes Dach. Wir brauchen dieses Jahr ein Reformpaket zu Ostern, ein Sommerpaket, ein Herbstpaket und so weiter."

Stopp des Gaseinkaufs unumgänglich bei weiterer Verschärfung des Krieges

Bruno Burger glaubt, dass drei Grad weniger in der eigenen Wohnung aushaltbar seien im Vergleich zur Angst um das eigene Leben im Kriegsgebiet. "Entwickelt sich der Krieg so, wie russische Truppen bereits gegen Aleppo in Syrien vorgegangen sind, dann wird er viel dramatischer. Dann bleibt uns keine andere Wahl, als den Kauf von Öl und Gas aus Russland komplett einzustellen."

22 Kommentare

AlexLeipzig vor 15 Wochen

Nun habe ich drei Antworten, die entweder ins Absurde und Irreale übersteigert sind oder die Sinnlosigkeit des eigenen Handelns ausdrücken.
Ich sehe das anders, aber ich erlebe mich auch selbstbestimmt. Vielleicht ist das ja der Unterschied...

Shantuma vor 15 Wochen

Ich kann Ihnen durchaus zustimmen.
Krisen bieten zwar Chancen, aber man muss sich einen Wandel auch leisten können.
Und hier kommen Probleme auf.
Wir befinden uns momentan am Anfang einer Teufelsspirale.
Erste Stahlerzeuger stellen ihren Betrieb ein, d.h. Beschäftige gehen dort verloren.
Da die deutsche Industrie gerne auf deutschen Stahl setzt werden auch andere Betriebe mit höheren Preisen und/oder schlechterer Versorgung zu kämpfen haben. Daraus folgt mehr Arbeitslose, weniger Steuern.
Dadurch werden auch weitere Produkte teurer. Transport wird teurer und somit auch viele Dienstleistungen.
Je teurer etwas wird umso geringer wird die Nachfrage danach. Je geringer die Nachfrage umso weniger muss produziert wird, umso weniger Menschen brauchst du.

Es ist im Prinzip die gleiche Argumentation wie viele Experten zum Thema Wirtschaft vorbringen, nur dreht sich die Wirtschaft anders herum, ins Negative.

Peter meint dies sei super ... spricht halt für Peter.

Shantuma vor 15 Wochen

Naja, hier muss man genau auf die Formulierung des "Experten" achten.

Der "Experte" sprich von den Energiekosten und nicht den Fertigungskosten.
D.h. man müsste nun genau erfahren was der "Experte" unter den Energiekosten versteht.

Ihre Aussage von den 10 Jahren stimmt dennoch. Da Sie die Gesamtkosten betrachten.
Ist halt ein Trick von "Experten" sich eben entsprechend schwammig auszudrücken und ein Fehler von Journalisten darauf nicht zu reagieren.