Saharastaub Radioaktiver Saharastaub – die nächste Wolke ist schon unterwegs

In Frankreich hat eine NGO den Saharastaub untersucht, der im Februar im Juragebirge niederging, und festgestellt: Er ist mit Cäsium-137 belastet, einem Produkt, das bei einer Kernspaltung entsteht. Tatsächlich hat das Land 1960 Atomversuche in der algerischen Wüste gemacht. Ist der Staub also gefährlich?

Vorfrühling in Dresden Die frühlingshaften Temperaturen locken viele Leute trotz Coronaeinschränkungen ins freie, auf die Elbwiesen und den Elberadweg. Die besondere Wetterlage färbt den Himmel früh und abends gelblich, durch eingeströmten Saharastaub.
Die Sonne wirkt weiß vor dem Saharastaub Bildrechte: imago images/Sylvio Dittrich

Am 13. Februar 1960 zündete Frankreich in der algerischen Sahara eine Atombombe. 61 Jahre später weht der Wind Saharastaub nach Frankreich, in dem radioaktives Cäsium-137 nachgewiesen wird. Cäsium-137 ist ein Produkt, das bei einer Kernspaltung entsteht und bei Freisetzung in hohen Konzentrationen Muskelgewebe und Nieren schädigen kann. Die französische Nichtregierungs-Organisation ACRO (L'Association pour le contrôle de la radioactivité dans l'Ouest) hatte den Sahara-Sand der vergangenen Wochen, den der Wind nach Europa wehte, analysiert und auf ihrer Homepage getitelt: "Sahara–Sandwolke – Radioaktive Verschmutzung kommt wie ein Bumerang zurück". Die Sandanalyse von Staubpartikeln, die im Jura-Gebirge niedergegangen waren, hatte der NGO zufolge ergeben: "80.000 Becquerel pro Quadratkilometer an Cäsium-137 sind auf einem großen Gebiet niedergegangen." Ist der Sand also gefährlich?

80.000 Becquerel pro Quadratkilometer – was bedeutet das?

Was bedeutet das nun genau, ist das eigentlich viel oder wenig? Physiker Dr. Thomas Heinrich von der Landesmessstelle für Umweltradioaktivität in Sachsen wertet das im Gespräch mit MDR WISSEN als sehr geringen Cäsium-Niederschlag und verweist auf die Strahlenbelastung nach der Reaktorkatastrophe von 1986 in Tschernobyl: "Die Belastung in Sachsen war danach bei 1.000 Becquerel pro Quadratmeter, in Bayern sogar bei 100.000." Umgerechnet sind die 80.000 Becquerel pro Quadratkilometer in Frankreich also 0,08 Becquerel pro Quadratmeter. Becquerel ist die Einheit, in der die Aktivität angegeben wird. Über die Strahlendosis wiederum, die in Millisievert angegeben wird, macht die französische Veröffentlichung keine Angaben.

Was ist nochmal Millisievert?

Die Maßeinheit gibt die schädigende Strahlenbelastung an. Ist ein Mensch in kurzer Zeit einer hohen Strahlendosis von 500 Millisievert oder mehr ausgesetzt, sind zum Beispiel Haarausfall, Blutarmut oder Verbrennungen der Haut die Folge. Bei mehr als 1.000 Millisievert nehmen Magen-Darm- und Herz-Kreislauf-Organe Schaden. Bei niedrigen Strahlendosen kann die ionisierende Strahlung Krebs verursachen.

Um einen Millisievert-Wert für den Sahara-Sand aus Südfrankreich zu errechnen, müsste man die eingeatmete Dosis beispielsweise von einer Stunde auf die Tage mit Saharastaub-Ereignissen, und diese wiederum auf ein Jahr hochrechnen: Dann könnte man das Ergebnis mit den Strahlenwerten vergleichen, denen wir sonst durchschnittlich im Jahr ausgesetzt sind, durch Einatmen, Nahrungsmittel, natürliche Radioaktivität im Boden und Sonnenstrahlung. In der Regel liegen sie in Deutschland zwischen einem und zwei Millisievert. Für die Menge und Dauer des Saharastaub-Ereignisses in Deutschland läge das wohl unter einem Tausendstel unserer durchschnittlichen Strahlenbelastung, schätzt der Physiker.

Auch Anja Lutz, Pressesprecherin des Bundesamtes für Strahlenschutz, sieht das ähnlich. Sie sagt mit Blick auf die Ergebnisse der französischen Untersuchung auf Anfrage von MDR WISSEN: "Diese Werte haben aus Sicht des Bundesamtes für Strahlenschutz keine Auswirkungen auf Frankreich. Die Werte, die dort gemessen wurden, sind höchstens aus wissenschaftlicher Sicht interessant."

Strahlung–Messung in Deutschland

In Deutschland wurde der Sand aus der Sahara nicht untersucht. Hier messen 1.800 sogenannte Orts-Dosis-Mess-Sonden, die im ganzen Land verteilt sind, kontinuierlich die natürlichen radioaktiven Stoffe. Detektiert eine solche Messstelle über längere Zeit – einen Tag oder mehr – "radiologische Ereignisse" oder starke Änderungen, erhalten die jeweils zuständigen Messknoten-Stellen in Berlin, Bonn, Freiburg, Neuherberg bei München, Rendsburg und Salzgitter Meldung. Dann wird geprüft: Ist die Meldung plausibel, die Sonde intakt oder nicht. Auf einer Karte kann man hier die aktuellen Werte für die eigene Region anschauen. Kurzzeitige Erhöhungen treten beispielsweise auf, wenn zum Beispiel Radon, ein natürliches radioaktives Edelgas, durch Niederschläge aus der Atmosphäre gewaschen und am Boden abgelagert wird.

Der Saharasand und die Luftqualität

Dazu muss man erst mal wissen: Sahara-Staubpartikel sind zwischen einem bis zehn Mikrometer groß. Was heißt das?

Frau im T–Shirt vor einem Gebäude
Dr. Ulla Wandinger vom Leibniz-Institut für Troposphärenforschung Leipzig Bildrechte: Kristin Kielon/MDR

Zum Vergleich: Partikel aus Industrie und Verkehr sind eher kleiner, erklärt Dr. Ulla Wandinger, die am Institut für Troposphärenforschung in Leipzig arbeitet, nämlich zwischen 0,05 bis 0,5 Mikrometer, also zehn- bis hundertmal kleiner. Das wiederum sind die, die viel tiefer in die Lunge eindringen und auch in den Blutkreislauf gelangen können. Dafür ist im Umkehrschluss der Saharastaub also zu groß, auch wenn er in den Messstationen dennoch eine Rolle spielt, sagt Dr. Wandinger.

Das Staub-Ereignis in der letzten Februarwoche hat ihr zufolge erheblich zu hohen Werten an den Stationen des Luftmessnetzes beigetragen: "Während die PM10-Werte normalerweise bei zehn bis zwanzig Mikrogramm pro Kubikmeter liegen, wurden zwischen 23. und 25. Februar im Mittel um die 50 bis 100 Mikrogramm pro Kubikmeter gemessen, in Spitzenzeiten auch um die 200 Mikrogramm pro Kubikmeter." Das ist also nur scheinbar paradox: "Die hohen PM–Werte bei Staubereignissen bedeuten daher also nicht unbedingt schlechte Luftqualität im Sinne des Gesundheitsschutzes", sagt Dr. Wandinger.

Die nächste Wolke ist schon unterwegs

Übrigens ist die nächste Wolke Saharasand schon im Anmarsch, das muss aber nicht zwingend "dicke Luft" bedeuten. Das passiert nur, so Wandiger, wenn die Staubschichten aus der Sahara tatsächlich bei uns bis auf den Boden reichen. "Normalerweise wird Saharastaub eher in Höhen von zwei bis acht Kilometer über uns hinweg transportiert und gelangt dann oft nur durch Niederschlag auf den Boden." Und dann kommt es zu Phänomenen wie dem "Blutschnee" oder "Blutregen", oder zu reduzierter Sichtweite und scheinbar vernebelter Landschaft.

lfw

5 Kommentare

Eulenspiegel vor 20 Wochen

Ja das ist unser kleines Raumschiff Erde.Es geht halt nichts verloren. Jeder Müll der irgendwo hinterlassen wird taucht irgendwann bei uns wieder auf. Da war Tschernobyl, die Folgen der Atomversuche in Algerien und in Fukushima ist ja sehr viel von diesem Müll ins Meer gelangt. Ich bin mal gespannt wie lange es dauert biss man diesen Müll zumindest in Spuren an unseren Küsten nachweisen kann. Und die Folgen der eigenen Atomkraftnutzung sollte man auch nicht vergessen. So kommt eines zum anderen. Und dann wundern sich die Leute das immer mehr an Krebs sterben.

W.Merseburger vor 20 Wochen

Das mit dem Saharastaub ist sicher keine Erfindung. Ich habe Ende April 1999 bei einem Maltaurlaub diesen rotbraunen Staub doch in deutlich sichtbaren Mengen (Parkbänke) kennengelernt. Was mich eigentlich bewegt ist, da haben Franzosen ca. 1960 in der Sahara Atombomben gezündet. Über die Schäden des damals ausgestrahlten Cäsium-137 für die Menschen in Nordafrika und auch Südeuropa ist "sicherlich gar nichts" bekannt. Die sogenannte westliche Welt hat eben auch ihre Schattenseiten.

Saxe vor 20 Wochen

Autsch.