Eine junge Frau liegt mit offenen Augen im Bett.
Bildrechte: IMAGO

Gesundheitsreport 2017 Wir schlafen immer schlechter

Immer mehr Menschen in Deutschland leiden unter Schlaflosigkeit, besonders bei Berufstätigen ist die Anzahl erschreckend angestiegen. Das ergab eine Studie der DAK-Gesundheit, die in Berlin veröffentlicht wurde. Woran liegt es, dass wir nicht einschlafen können? Sind wir möglicherweise selbst schuld an der Misere? Und können wir sie so vielleicht auch wieder selbst in den Griff bekommen?

Eine junge Frau liegt mit offenen Augen im Bett.
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Die Zahlen des DAK-Gesundheitsreports sprechen für sich: Es gibt immer mehr Menschen, die schlecht einschlafen und durchschlafen. Seit 2010 ist die Anzahl der Betroffenen immens gestiegen, um genau 66 Prozent allein bei den 35- bis 65-jährigen Berufstätigen. Hochgerechnet auf die gesamte Bevölkerung sind das etwa 34 Millionen Menschen. Nur wenige Betroffene nehmen das Problem selbst ernst und lassen sich ärztlich behandeln oder gar krank schreiben. Für die Unternehmen bedeutet das: Viele ihrer Mitarbeiter sind bei der Arbeit müde, laut Studie 43 Prozent aller Arbeitnehmer. Weitere 31 Prozent sind regelmäßig erschöpft.

Diese massiven Schlafstörungen sollten uns wachrütteln.

Andreas Storm, Vorstandsvorsitzender DAK-Gesundheit
Andreas Storm
Andreas Storm Bildrechte: DAK-Gesundheit/MDR

Viele Menschen kümmerten sich nachts um volle Akkus bei ihren Smartphones, aber sie selbst könnten ihre eigenen Batterien nicht mehr aufladen, so Andreas Storm. Die Beschwerden müssten ernst genommen werden, da chronisch schlechter Schlaf der Gesundheit ernsthaft schaden könne. Ein erhöhtes Risiko für Depressionen und Angststörungen sei die Folge. Möglicherweise besteht hier sogar ein Zusammenhang mit dem starken Anstieg der Krankmeldungen bei den psychischen Erkrankungen in den letzten Jahren.

Ärzte suchen meist nach psychischen Ursachen

70 Prozent der Ärzte prüfen zuerst mögliche psychische Ursachen für die Schlafbeschwerden. Jeder dritte Patient bekommt eine Psychotherapie, jeder zweite Medikamente. Auch hier ist ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen: Im Vergleich zu 2010 nehmen heute fast doppelt so viele der 35- bis 65-jährigen Arbeitnehmer Schlafmittel, meist ohne ärztliche Kontrolle.

Jeder Zweite kauft Schlafmittel ohne Rezept

Prof. Fietze
Prof. Ingo Fietze Bildrechte: Illing & Vossbeck Fotografie

In Apotheken und Drogerien sind viele Medikament frei verfügbar. Jeder zweite Betroffene greift danach, weil er darin eine schnelle Lösung für das Problem sieht. 43 Prozent der Patienten bekommen ein Rezept vom Arzt, doch nicht alle fühlen sich ausreichend über die Folgen informiert, wenn sie die Schlafmittel über längere Zeit einnehmen. Erschreckend: Knapp jeder Vierte konsumiert sie länger als drei Jahre. Ein hoher Preis für guten Schlaf, erklärt Prof. Ingo Fietze, Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums an der Berliner Charité.

Heute werden noch immer zu viele Mittel mit Abhängigkeitspotenzial über zu lange Zeiträume eingenommen. Wichtig ist, die Behandlung mit Schlafmitteln geschulten Ärzten zu überlassen.

Prof. Ingo Fietze, Charité Berlin

Risiken: Erreichbarkeit und Schichtarbeit

Wer häufig an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit arbeitet, steigert sein Risiko, die schwere Schlafstörung Insomnie zu entwickeln. Auch starker Termin- und Leistungsdruck, Überstunden und Nachtschichten wirken sich negativ auf den Schlaf aus, genauso wie ständige Erreichbarkeit nach Feierabend. Körper und Seele finden dann einfach nicht zur Ruhe.

Arbeit am Bildschirm und Fernsehen putscht auf

Was wir selbst in der Hand haben, ist, wie wir unseren Abend gestalten. Die Zeit vor dem Schlafengehen ist wichtig, um sich auf die Nachtruhe einzustimmen. 83 Prozent der Erwerbstätigen schauen vor dem Einschlafen Filme und Serien, 68 Prozent erledigen abends noch private Angelegenheiten an Laptop oder Smartphone. Etwa jeder Achte kümmert sich noch um dienstliche Dinge wie E-Mails oder die Planung des nächsten Arbeitstages. Für Schlafexperte Fietze symptomatisch für unseren Umgang mit dem Schlaf.

Diese Ergebnisse zeigen eindrucksvoll, wie unsere Gesellschaft das Thema Schlaf in eine Nebenrolle drängt.

Prof. Ingo Fietze, Charité Berlin

Fluch und Segen der neuen Technologien

Was uns einerseits am Einschlafen hindert, kann uns andererseits dabei helfen. So gibt es Apps und Fitnesstracker mit Schlafanalyse oder Lichtwecker, die hilfreich sind. Aber nur 15 Prozent der Betroffenen nutzen sie überhaupt. Wer mit diesen Dingen von vornherein auf Kriegsfuß steht, dem bleibt immer noch die Möglichkeit, ein Schlaftagebuch zu führen. Doch auch das nutzen nur ein Prozent der Patienten.

Was ist eine Schlafanalysen-App? Die App zeichnet unser Schlafverhalten auf, indem wir das Handy über Nacht in Kopfnähe platzieren. Die so gesammelten Daten zeigen uns, wie wir schlafen. Wie viele Leicht- und Tiefschlafphasen wir durchmachen und wie lange sie dauern. Die aufgezeichneten Daten werden mit dem abgeglichen, was in Schlaflabors erforscht wurde: Wie ein gesunder und erholsamer Schlaf verlaufen soll. Das gibt uns die Möglichkeit, unser eigenes Schlafverhalten zu optimieren. Zum Beispiel dadurch, dass er wir zu anderen Zeiten zu Bett geht oder uns insgesamt mehr Zeit zum Schlafen nehmen. Diese Apps gibt es von unterschiedlichen Anbietern für alle gängigen Betriebssysteme. Viele sind kostenfrei, gegen Aufpreis sind weitere Zusatzfunktionen verfügbar. Alle werben damit, in Zusammenarbeit mit Medizinern und Testpersonen entwickelt worden zu sein.

Schlaf-Beratung per Hotline und vor Ort

Die neue "DAK Hotline Gesunder Schlaf“ ist rund um die Uhr erreichbar. Unter der Rufnummer 040/325 325 805 geben Mediziner individuelle Hinweise und Tipps rund um die Themen Schlafen, Schlafstörungen und auch um den Umgang mit Schlafmitteln. Wer persönliche Hilfe sucht, findet sie auch in Kliniken vor Ort.

Wir müssen lernen, dass Schlaf für unser Leben ein entscheidender Faktor ist, um ausgeglichener, leistungsfähiger und gesünder zu sein.

Andreas Storm, Vorstandsvorsitzender der DAK-Gesundheit

Sich mit dem Thema auseinander zu setzen, ist vielleicht ein Anfang. Im Internet bieten verschiedenen Krankenkasse umfangreiche Informationen an, etwa die AOK, die Techniker oder die DAK-Gesundheit.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL im Radio | 15.03.2017 | 16.13 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. September 2017, 13:47 Uhr