Wütender Junge zieht sich am eigenen Haar
Bildrechte: imago/Westend61

Langzeitstudie Die größten Rüpel sind dreieinhalb

Eigentlich sind Kinder ganz lieb. Wie kanadische Forscher jetzt in einer Langzeitstudie gezeigt haben, herrscht aber gerade in einkommensschwachen Familien ein höheres Gewaltpotenzial bei den Kids. Erstmals wurde die Einschätzung eines Elternteils mit denen von Lehrern und einer Selbsteinschätzung der Kinder kombiniert.

Wütender Junge zieht sich am eigenen Haar
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Wenn das Kind mal über die Stränge schlägt, fällt der missmutige Elternblick gern auf das "schlechte Umfeld" – vor allem auf die Mitschüler und deren schlechte Erziehung. Mag vorkommen, aber besonders rüpelhaft benehmen sich Kinder dann, wenn sie noch gar keine Klassenkameraden haben: Mit dreieinhalb Jahren.

Das ist das Ergebnis einer umfangreichen Studie aus Kanada. Ziel war es herauszufinden, in welchem Alter sich Kinder besonders aggressiv verhalten. Dazu wurden 2.223 Mädchen und Jungen in ihrem Alter von anderthalb bis 13 Jahren beobachtet. Um das Verhalten zu bewerten wurden in den einzelnen Lebensabschnitten unterschiedliche Wegbegleiter befragt – bis zum achten Lebensjahr (in den meisten Fällen) die Mutter, ab der Schulreife zusätzlich Lehrer und ab dem zehnten Lebensjahr schließlich die Kinder selbst.

Klischee vom Rüpeljungen ist kein Klischee

Alles in allem zeigt sich: Sonderlich schlimm ist es um das Verhalten von Kindern nicht bestellt. Auf einer Aggressions-Skala von 0 bis 6 – wobei 6 das höchste aggressive Verhalten darstellt – bewegen sich die untersuchten Kinder die meiste Zeit ihrer Kindheit unterhalb der 2. Heraus kam auch, dass die körperliche Aggressivität zwischen anderthalb und dreieinhalb Jahren stetig zunimmt, danach aber erheblich zurückgeht. Das Konfliktpotenzial sei zudem nicht überall gleich und würde durch Faktoren wie ein geringes Familieneinkommen oder Alleinerziehung erhöht, heißt es in der Studie. Und auch das Klischee vom Rüpeljungen scheint sich zu bewahrheiten: Mädchen neigen weniger zu körperlich-aggressivem Verhalten – vor allem nach Aussage der befragten Lehrer.

Bei besonders vielen sogenannten "Familien-Risikofaktoren" wie ein geringes Einkommen der Familie, frühe Schwangerschaft der Mutter oder geringes Bildungsniveau der Eltern steigt das Potenzial körperlich-aggressiven Verhaltens bei Jungs auch nach dem Alter von dreieinhalb weiter an und erreicht einen Höhepunkt etwa im Alter von sieben Jahren.

Unterschiedliche Einschätzung von Mädchen und Jungen

Und noch mehr Unterschiede konnten die Forscher zwischen Mädchen und Jungen feststellen: Mädchen, die von ihren Müttern in früher Kindheit als besonders aggressiv eingeschätzt wurden, blieben es offenbar auch später. Jungs hingegen, die nach Aussage ihrer Lehrer und eigener Aussage ein auffälliges Verhalten zeigen, wurden von ihren Müttern in früher Kinderheit nicht so bewertet.

Nach Aussage der Wissenschaftler könnte das damit zusammenhängen, dass Mütter von Jungs aus "Hochrisikofamilien" nicht die verlässlichsten Quellen für die Bewertung des Aggressionsverhaltens der Kinder sind. Ein weiterer Schwachpunkt: Für die Studie wurden nur Kinder aus der kanadischen Provinz Québec untersucht, die mehrheitlich aus weißen Familien kommen. Eine höhere ethnische Diversität und die Befragung des zweiten Elternteils sowie von Erziehern könnte helfen, die Daten der Studie zu verbessern.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | Der kleine Erziehungsratgeber | 01. Januar 2019 | 08:52 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Januar 2019, 13:56 Uhr