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Sicher zur Schule. Am besten gemeinsam. Schon Schulanfänger können links und rechts klar unterscheiden und sich ausreichend lange konzentrieren, um nicht einfach auf die Straße zu laufen. Bildrechte: IMAGO / Wavebreak Media Ltd

Sicherer SchulwegSchulanfang: Wenn das Elterntaxi zur Gefahr wird

Stand: 26. August 2022, 10:04 Uhr

Aus Sorge ums Kind werden Eltern vor der Schule oft selbst zur größten Gefahr: Wenn sie den Weg und die Sicht für Fußgänger mit ihren Autos versperren. Wann und wie lange brauchen Schulkinder wirklich ein Elterntaxi? Und ab wann können sie sich selbst sicher im Straßenverkehr bewegen?

In den USA geht nur jedes zehnte Kind im Alter von sechs bis zwölf Jahren zu Fuß zur Schule oder nutzt das Fahrrad bzw. einen Roller. Mehr als die Hälfte der Kinder wird von den Eltern mit dem Auto gebracht, alle übrigen kommen mit dem Bus. Das ergab eine aktuelle Studie des C.S. Mott Children’s Hospital der University of Michigan. Die Folge: zugeparkte Rettungs- und Fußwege und kaum noch freie Sicht auf die Straße für die jüngsten Verkehrsteilnehmer. Mütter und Väter fordern zum einen Strafen für Verkehrssünder im Umfeld der Schule, zum anderen sollen Schulleitung und Kommunen mit Absperrkegeln, Barrieren und Mitarbeitern für Sicherheitszonen sorgen.

Mehr Selbständigkeit, weniger Verkehrschaos

Auch bei uns sehen viele Eltern Gründe, ihre Kinder lieber mit dem Auto zur Schule zu fahren: Ungünstige und unsichere Schulwege, schlechte Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln und natürlich die Sorge, es könne etwas passieren. Das bestätigte eine Studie des Deutschen Kinderhilfswerks, des ökologischen Verkehrsclubs Deutschland (VCD) sowie des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). Dabei erhöht das Chaos vor den Schulen beim Holen und Bringen das Unfallrisiko. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, wurden Mütter und Väter befragt, unter welchen Umständen sie ihre Kinder zu Fuß zur Schule schicken würden. Mehr als drei Viertel der Befragten wünschten sich mehr Möglichkeiten, die Straße sicher zu überqueren und eine intensivere Verkehrserziehung.

Tempo 30 und Sperrung für Elterntaxis

89 Prozent der Befragten forderten Tempo 30 nicht nur direkt vor der Schule, sondern in allen Straßen rundherum. Drei Viertel sprachen sich dafür aus, dass Eltern nicht mehr vor der Schule halten dürfen. Dafür schlugen sie eine Straßensperrung zu Schulbeginn und Schulende vor sowie separate Elternhaltestellen. Soviel zu den Rahmenbedingungen, die für einen sicheren Schulweg denkbar sind. Aber was müssen Kinder eigentlich wissen und können, um sicher anzukommen?

Verkehrssicherheit ist auch eine Frage der Entwicklung

Verkehrsregeln kennen, ist eine Sache. Sich wirklich sicher im Straßenverkehr zu bewegen, eine andere. Erst nach und nach entwickeln Kinder die Fähigkeiten, die sie dafür brauchen. Im Vorschulalter lernen sie einfache Regeln, wie die Straße nur an Ampeln und auf Zebrastreifen zu überqueren und nicht zwischen parkenden Autos auf die Fahrbahn zu laufen. Zunehmend können sie auch zuordnen, aus welcher Richtung ein Geräusch und damit ein Fahrzeug kommt. Doch sobald auf der anderen Straßenseite ein Freund winkt oder der Ball auf die Straße rollt, ist all das vergessen. Der Reiz ist dann größer als das Wissen um die Gefahr. Noch bis etwa zum 7. Lebensjahr denken Kinder egozentristisch. Sie schließen also von sich auf andere, was fatale Folgen haben kann. So denken sie, dass ein Autofahrer sie sieht, wenn sie ihn gesehen haben.

Was Schulanfänger schon können

Mit Schulanfängern kann man nach und nach die Verkehrsregeln festigen und ihnen damit helfen, sie selbstständiger anzuwenden, ob als Fußgänger, Radfahrer oder im öffentlichen Nahverkehr. Sie können in der Regel links und rechts klar unterscheiden und sich ausreichend lange konzentrieren, um nicht einfach auf die Straße zu laufen, wenn sie etwas sehen, was für sie wichtig ist. Außerdem können sich Kinder in diesem Alter zunehmend in andere, also auch in andere Verkehrsteilnehmer hineinversetzen. Das hilft ihnen, sich im Verkehr vorausschauend zu verhalten und Gefahren besser abzuschätzen. Allerdings haben sie allein aufgrund ihrer Körpergröße noch nicht ausreichend Überblick, vor allem an dicht befahrenen und beparkten Straßen.

Zum Ende der Grundschulzeit können Kinder auch spontan auf Änderungen auf ihrem vertrauten Weg reagieren. Ist eine Baustelle im Weg oder eine Ampel kaputt, finden sie eine Alternative. Außerdem sind sie in der Lage, im Verkehr mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. So können sie die Balance auf dem Fahrrad halten, zugleich Handzeichen geben und sich orientieren. Nun sind Motorik und Koordination den realen Anforderungen an den Straßenverkehr gewachsen. Abstände und Geschwindigkeiten können Kinder jetzt halbwegs einschätzen. Das räumliche Hören ist fertig ausgebildet. Allerdings nehmen sie pro Sekunde nur ein bis drei Verkehrsobjekte wahr, Erwachsene hingegen doppelt so viele.

Erst mit 13 sind Kinder im Verkehr fast so fit wie Erwachsene

Theoretisch können Kinder mit der Pubertät abstrahieren und logisch denken, ihr Wissen auf unbekannte Situationen übertragen und Gefahren relativ gut abschätzen. Allerdings torpedieren nun andere Dinge die Verkehrssicherheit: Der Gruppendruck, starke Emotionen, Ablenkung durch Smartphones und Kopfhörer, die cooler sind als der Fahrradhelm. Die Regeln kennen sie, aber die Aufmerksamkeit und die Selbsteinschätzung. schwinden nun vorübergehend wieder.

Verkehrserziehung ist nichts ohne Praxis

Soweit die Theorie, soweit die Kenntnis davon, was Kinder in welchem Alter aus Sicht ihrer körperlichen und kognitiven Entwicklung können. Doch Experten sind sich einig, dass es wichtig ist, all das im Alltag immer wieder gemeinsam mit den Eltern auszuprobieren, zu üben und zu festigen. Dazu bietet der tägliche Schulweg eine gute Gelegenheit, wenn man ihn eben nicht mit dem Auto zurücklegt. Außerdem helfen der Fussmarsch, das Radeln oder Rollern zum Unterricht, die Orientierung im Raum zu schulen und bietet einen Ausgleich zum Sitzen.

krm

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krm

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