Neurowissenschaften Darum sind Tagträume sinnvoll

Viele Menschen glauben, Träumer verpassen etwas im Leben. Stimmt nicht ganz, sagen Leipziger Forscher. Sie meinen, gedanklich abschweifen kann unter bestimmten Bedingungen helfen, Probleme zu lösen.

"Verträum nicht dein Leben“ lautet ein wohlgemeinter elterlicher Ratschlag an kleine Traumtänzer. Allerdings kann die Fähigkeit am Tage zu träumen, tatsächlich nützlich sein. Forscher am Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) haben Menschen untersucht, die bewusst ab und an ihre Gedanken abschweifen lassen. Dabei stellten sie fest, dass diese Menschen im Bereich der Stirn stärker ausgeprägte Hirnregionen hatten.

Zudem waren bei ihnen beim Träumen auch solche Areale aktiv, die die Gedanken lenken und kontrollieren, also für die Konzentration zuständig sind. "Unser Gehirn scheint hier kaum einen Unterschied darin zu machen, ob unsere Aufmerksamkeit nach außen auf unsere Umgebung oder nach innen auf unsere Gedanken gerichtet ist", sagt Johannes Golchert, Doktorand und Erstautor der neuen Studie, die im Fachjournal "Neuroimage" erschienen ist.

Generell unterscheidet Golchert dabei zwischen Nachdenken auf der einen und Träumen auf der anderen Seite. Ein Schachspieler etwa konzentriert sich auf das Spielbrett vor ihm und denkt über die Aufgabe nach, wie er seinen Gegner schlagen kann. Jemand der einem Tagtraum nachhängt wiederum lässt seine Gedanken von seiner aktuellen Situation hinfortschweifen und stellt sich dabei etwas vor, das nichts mit der gegenwärtigen Aufgabe zu tun hat.

Diese Fähigkeit ihre Gedanken auf Reisen zu schicken können die Träumenden nutzen, um sich zum Beispiel auf schwierige Situationen in der Zukunft vorzubereiten. "Ich kann viele Sachen mental erstmal durchspielen und simulieren. Steht nächste Woche ein Gespräch mit meinem Chef an, kann ich überlegen: Wie würde das, was ich sage, bei ihm ankommen?", erklärt Golchert. Wer Träume also bewusst lenkt, kann sie nutzen um alltägliche Probleme besser zu lösen.

Unangenehm werden Tagträume nach Ansicht des Wissenschaftlers erst, wenn sie ungewollt auftreten.

Man kann das an sich selbst beobachten, zum Beispiel, wenn man sich in einem Gespräch befindet. Auf einmal kommt einem ein Gedanke und man kann nicht mehr richtig zuhören. Dann verpasst man das Gespräch. Oder beim Lesen: Man fängt an, nur noch mit dem Auge die Zeilen zu überfliegen. Irgendwann kommt man am Ende der Seite an und weiß gar nicht mehr so richtig, was hat man eigentlich gelesen.

Richtig gefährlich werden Tagträume beim Autofahren. Da haben Golchert und seine Kollegen festgestellt: Im dichten Verkehr erhöhten Fahrer, die leicht mit den Gedanken abschweifen, oft mehr oder weniger bewusst ihre Geschwindigkeit. Außerdem zeigten sie langsamere Reaktionszeiten.

Positiv dagegen den die Träume dagegen als Mittel, um langweilige Situationen zu überbrücken, indem sich die Träumer aus dem Hier und Jetzt wegdenken. "Menschen, die häufig über die Zukunft und über Positives nachdenken, haben sich danach besser gefühlt", sagt Golchert. Klar sei auch: "Gedankenabschweifen ist auch mit Kreativität verbunden."

Über dieses Thema berichtete MDR SPUTNIK im Radio SPUTNIK Tagesupdate | 13.04.2017 | 18:35 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 19. April 2017, 09:46 Uhr