sMon-Projekt Verborgene Datenschätze

In Deutschland schlummert ein großer Schatz in den Archiven von Fachgesellschaften: Über Jahrzehnte gesammelte Biodiversitätsdaten. Wie diese Daten sinnvoll genutzt und ausgewertet werden können, untersucht ein Forscherteam im Rahmen des Mon-Projekts. Initiiert wurde es vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung.

Eine Heuschrecke kurz vor'm Absprung.
Bildrechte: Katrin Koch

Es gibt sie für Vögel, Pflanzen und sogar speziell für Heuschrecken: Fachgesellschaften. In Deutschland haben sie, vor allem im naturhistorischen Bereich, eine lange Tradition. Gesellschaften, die sich von wissenschaftlicher Seite und aus reinem Privatinteresse intensiv mit bestimmten Tieren oder Pflanzen beschäftigen. Selten sind sie direkt an ein Museen gebunden, häufig organisieren sie sich selbst. Das Besondere: Sie sammeln oftmals über Jahrzehnte Informationen über ihr Spezialgebiet, zählen akribisch Tier- und Pflanzenarten.

Citizen Science der anderen Art

Zeitenreihendaten, wie sie die Fachgesellschaften oft erheben, sind für die Wissenschaft von großer Bedeutung. Lassen sich mit ihrer Hilfe doch Aussagen und Prognosen über das Insektensterben oder das Vorkommen von Vogelarten treffen. Das Problem: Ein Großteil dieser Biodiversitätsdaten schlummert ungenutzt in den Archiven der Fachgesellschaften. Das auf zwei Jahre ausgelegte Syntheseprojekt sMon soll einen Weg finden, wie diese Daten von der Wissenschaft genutzt werden können.

Ziel ist dabei Datensätze verschiedener Fachgesellschaften aus mehreren Bundesländern zusammenzuführen, um letztendlich Trends über die Artenvielfalt zu erhalten. Und das über den Zeitraum der letzten 30 Jahre. Koordiniert wird dieses Vorhaben von David Eichenberg. Er muss die umfangreichen, aber oft auch von der Qualität sehr unterschiedlichen Daten der Fachgesellschaften zusammenbringen und Messfehler kontrollieren.

Ganz viel Statistik

Porträtaufnahme eines jungen Wissenschaftlers mit kurzen braunen Haaren, Brille und Nasenpiercing vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung.
David Eichenberg koordiniert das sMon-Projekt. Bildrechte: MDR/Marie-Kristin Landes

Einer dieser Fehler sei beispielsweise, dass bei der Zählung an einem bestimmten Ort eine Tier- oder Pflanzenart fehlt. "Die Abwesenheit einer Art, weil man sie nicht findet, heißt nicht zwangsweise, dass die Art nicht da ist,“ so Eichenberg. Mit diesem Problem müssen Forscher jedoch umgehen können, um trotz allem Trends herausfinden zu können. Die Lösung lautet: hierachisch-biasische Modelle. „Klingt recht kompliziert, ist es auch. Läuft darauf hinaus, dass man zwei Modelle miteinander verschneidet“, erklärt der junge Wissenschaftler. Das eine Modell würde dabei die Wahrscheinlichkeit berechnen, dass an einem bestimmten Ort eine Art nicht vorhanden ist. Das Ergebnis würde dann wiederum in ein zweites Modell übertragen werden, das den Trend berechnet. "Dafür braucht man aber auch einen Supercomputer."

Für Heuschrecken und Libellen hat Eichenberg auf diese Weise bereits Daten von Fachgesellschaften ausgewertet, wenn auch noch nicht deutschlandweit. So würden beispielsweise in Sachsen-Anhalt 19 von 60 Heuschreckenarten einen Rückgang zeigen. Ähnlich sieht es bei Libellen aus – in Sachsen-Anhalt, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein. Warum das so ist, können die Wissenschaftler noch nicht genau sagen. Dafür müssen zusätzliche Analysen durchgeführt und weiterhin eng mit den Fachgesellschaften kooperiert werden. Denn Ziel ist nicht nur Trends herauszufinden und Handlungsempfehlungen für die Politik zu formulieren, sondern auch noch gezieltere Forschung zu betreiben. Beispielsweise indem neue Zählungen oder Monitoringprogramme in enger Kooperation mit den Fachgesellschaften erarbeitet werden.