Spieltheorie Ausbeuter-Strategie: Mit geschicktem Egoismus zum Erfolg

In schwierigen Entscheidungssituationen profitieren alle Beteiligten, wenn sie kooperieren. Das glaubten Forscher, bis vor kurzem. Neue Experimente zeigen: Wer die meiste Zeit kooperiert, aber ab und zu egoistisch handelt, gewinnt.

Zwei Frauen streiten um ein Geschenk. 5 min
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Wissenwschaftler nahmen lange Zeit an: Wenn alle Akteure immer kooperieren, ist allen am meisten geholfen. In der Realität aber zeigen Menschen andere Verhaltensweisen. Warum?

MDR AKTUELL Fr 15.02.2019 18:13Uhr 04:34 min

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Stellen Sie sich vor, Sie spielen ein Spiel - sagen wir gegen einen unbekannten Gegner am Computer. Sie müssen sich entscheiden: Entweder Sie kooperieren oder nicht. Ihr Gegenüber trifft dieselbe Entscheidung. Wenn beide kooperieren, bekommt jeder drei Euro aufs Spielkonto und wenn beide die Kooperation verweigern, bekommt jeder nur einen Euro.

Wenn aber nur einer die Kooperation verweigert, bekommt er fünf Euro und derjenige, der kooperieren wollte, bekommt nichts. In der Spieltheorie nennt man das das Gefangenendilemma, erklärt Manfred Milinski vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie. Denn eigentlich wäre es sinnvoll zu kooperieren, aber wer das nicht macht, gewinnt auf jeden Fall etwas dazu - aber nur, solange sein Mitspieler kooperiert. Um für einen selbst das beste Ergebnis zu erzielen, muss man seinen Mitspieler zur Kooperation überreden und selbst egoistisch handeln.

Der Evolutionsbiologe Manfred Milinski hat weiße Haare und einen weißen Bart.
Evolutionsbiologe Manfred Milinski Bildrechte: Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie

Mit diesem Problem beschäftigen sich die Spieltheoretiker seit 30 Jahren. Es hat über lange Zeit alle möglichen Vorschläge gegeben, was Sie am besten tun. Eine Strategie war für 20 Jahre der Champion: "tit for tat". Das heißt: wie du mir, so ich dir. Wenn beide das spielen, geht das sehr kooperativ aus.

Manfred Milinski, Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie

Die Ausbeuter-Strategie

Doch der Evolutionsbiologie-Professor war nach jahrelanger Forschung an dieser Strategie skeptisch. Immerhin hatte er kaum Belege dafür gefunden, dass das die erfolgreichste Lösung ist. "Es gab da noch andere Strategien, alle sehr kooperativ. Erstaunlich aber: Das sehen wir eigentlich im täglichen Leben nicht so", sagt er. "Die Nachrichten sind voll von Leuten, die sich egoistisch verhalten. Wenn kooperativ die beste Strategie ist, die möglich ist, sollten das doch alle tun. Also irgendwas war faul an der Theorie."

Die mögliche Lösung lieferten Forscher-Kollegen aus den Vereinigten Staaten: Sie veröffentlichten eine vermeintlich unschlagbare Strategie. Es war die Ausbeuterstrategie. Die hat der Forscher in mehreren Experimenten getestet, indem er Probanden das Gefangenendilemma durchspielen ließ. Wendet man die Ausbeuterstrategie im Spiel an, "wird der Ausbeuter in ungefähr 60 Prozent der Fälle mit Ihnen kooperieren, in 40 Prozent aber nicht" erklärt Milinski. "Er kooperiert nur, wenn Sie vorher kooperiert haben. Wenn Sie nicht kooperiert haben, kooperiert er todsicher auch nicht."

Das Ende der Kooperation

Ist es egal, welcher Spieler wie viel gewinnt, dann lässt der Ausbeuter sich disziplinieren. Das heißt, wenn er die Kooperation verweigert und als Antwort darauf ebenfalls eine Verweigerung bekommt, dann kooperiert er in der nächsten Runde wieder. Doch damit ist es vorbei, wenn eine Belohnung winkt – egal ob im Spiel oder im echten Leben.

Wenn da ein Bonus am Ende winkt: die höher dotierte Stelle in der Firma oder ein größerer Auftrag, den man dann bearbeiten kann, dann nimmt man das in Kauf, dass man diszipliniert wird. Man hat das berühmte 'dicke Fell'. Und wenn man das durchhält, sieht der andere ein: Ich gewinne jetzt gar nix. Also jetzt sollte ich mal wieder auf Kooperation zurückgehen, dann krieg ich zumindest die 60 Prozent wechselseitige Kooperationsauszahlung.

Manfred Milinski, Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie

Gegen diese egoistische Verweigerungshaltung kann man nur verlieren, ergänzt Milinski. Es gibt nur zwei Optionen: Man gibt entweder nach oder man macht nicht mehr mit. Egal wie man sich entscheidet: Gegen den Ausbeuter wird man immer den Kürzeren ziehen - und im Zweifelsfall heißt das eben: Die Beförderung bekommt der andere.

Boshafte Handlungsweise

Am Ende ist es eine recht boshafte Handlungsweise, sagt Milinski. Aber vermutlich handeln wir nicht bewusst so: In ihren Experimenten seien es beinahe immer um die 40 Prozent der Probanden, die die Ausbeuterstrategie anwendeten. "Allein die Tatsache, dass wir immer 40 Prozent finden, deutet an, dass das eine unbewusste Strategie ist", vermutet Milinski.

En schlechtes Gewissen haben müssen die ausbeutenden Probanden in Milinskis Experimenten nicht: Sie sind anonym, niemand weiß, gegen wen er gerade spielt. Aber im echten Leben dürfte das nicht so einfach sein: Immerhin weiß ich dann ja, wer mein Konkurrent ist. Das stört den Ausbeuter aber leider wenig, glaubt der Forscher.

Kennen Sie keinen, der Sie immer mal wieder über den Tisch gezogen hat? Wo man sich dann sagt: Ist doch an sich ein netter Mensch. Ich meine, diese Ausbeuter-Strategen, das sind in der Mehrzahl der Fälle nette Menschen. Die sind freundlich und hilfsbereit, in 60 oder 70 Prozent der Fälle, so festgelegt ist das nicht. Ausbeuter müssen nur in der Mehrzahl der Fälle hilfsbereit sein, sonst funktioniert es nicht.

Manfred Milinski, Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie

Keine Kooperation

Fast jedem, mit dem er über den Ausbeuter spricht, fällt da recht schnell jemand ein, scherzt Milinski. Und er sei in seiner langen Karriere auch selbst schon auf solche Typen gestoßen - und hat sich für eine der möglichen Reaktionen entschieden: Mit diesen Menschen hat er nämlich keinen Kontakt mehr.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Februar 2019 | 07:45 Uhr