Gehirn, neuronales Netzwerk
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Spitzenforschung in Mitteldeutschland Die geheime Welt des Unterbewusstseins

Prof. Erich Schröger von der Uni Leipzig zählt zu den 50 weltweit einflussreichsten Psychologen. Er erforscht die geheimen Botschaften, aus denen das Unterbewusstsein die Welt in unserem Kopf erschafft. MDR Wissen hat ihn in seinem Labor besucht.

Gehirn, neuronales Netzwerk
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Es sind ganz alltägliche Dinge, die Erich Schröger interessieren. Warum erschreckt uns ein leises Knacken im Wald, aber nicht der laute Knall, wenn wir eine Fliege erschlagen? Weil das Gehirn weiß, dass der Knall kommt - und höchstens für die Fliege gefährlich ist. Anders das Knacken im Wald, das der Wind verursacht haben kann, aber auch ein wildes Tier. Alles, was wir hören, ordnet das Gehirn sofort ein, sagt Erich Schröger.

Ein Mann lächelt
Prof. Erich Schröger Bildrechte: MDR/Albrecht Wagner

Die akustische Umwelt muss man zerlegen in die Quellen der entsprechenden Geräusche, die es in der Umwelt gibt. Und ab da brauchen wir mehr und mehr Wissen, um das interpretieren zu können, was die Umwelt uns bietet. Und natürlich, je mehr man weiß, desto besser kann man es interpretieren.

Erich Schröger

Das Gehirn "modelliert" unsere Welt

Erich Schrögers These ist: Das Gehirn produziert aus der aktuellen Umwelt ständig Vorhersagemodelle für das, was in den nächsten Momenten passiert. Was ins Modell passt, verursacht keine Aufregung, wie der Knall beim Fliege Erschlagen. Anders bei Unerwartetem. Ein verändertes Motorengeräusch im Auto macht sofort hellwach, auch wenn man das stundenlange gleichmäßige Surren vorher mit keinem Gedanken registriert. Das Unterbewusstsein nimmt es trotzdem wahr und schlägt Alarm, wenn sich etwas ändert.

'Hoppala, da ist mein Modell jetzt falsch gewesen, die Realität entspricht nicht dem Modell.' Und ab da wird’s interessant, weil man dann seine ganzen Verarbeitungsprozesse anwerfen kann und das mal genauer unter die Lupe nehmen, genauer hinhören, genauer hinsehen, genauer fühlen kann.

Erich Schröger

Filme schauen für die Wissenschaft

Eine Frau mit einem rechteckigen Gestell um ihren Kopf. Das Foto wurde von der Seite aufgenommen.
Doktorandin Bettina Korka in der Versuchskabine Bildrechte: MDR/Albrecht Wagner

Das Hirn filtert in Sekundenbruchteilen aus unzähligen Reizen die heraus, die für unser Verhalten wichtig sein könnten. Diesen uns kaum bewussten Prozessen ist Erich Schröger auf der Spur. Im Labor für kognitive und biologische Psychologie in der Leipziger Innenstadt lässt er Versuchspersonen ihre Lieblingsfilme schauen und beobachtet, wie sie während der Filme auf Geräusche aus dem Hintergrund reagieren. Die Probanden sitzen in einer schallisolierten und gegen optische und elektrische Impulse abgeschirmten Versuchskabine, mit einer Kopfstütze, damit sie den Kopf möglichst ruhighalten. Eine hochauflösende Kamera misst kleinste Pupillenbewegungen. Elektroden zeichnen die Hirnströme auf. Manchmal bekommen die Probanden Aufgaben - zum Beispiel - bei einem bestimmten Geräusch einen Knopf zu drücken.

Blick ins Unbewusste

Erich Schröger will mentale innere Prozesse, die uns eigentlich nicht zugänglich sind, untersuchbar machen. Wir denken, nehmen Reize auf und entscheiden ununterbrochen, aber haben keine Sensoren, um uns dabei zu beobachten. Über die genaue Beobachtung von Hirnaktivitäten will Erich Schröger dieses geheime Geschehen in unserem Kopf enträtseln. Um immer besser zu verstehen, wie wir Menschen funktionieren.

Hören mit den Augen

Psychologie
Ein Kontrollbildschirm zeigt kleinste Pupillenbewegungen Bildrechte: MDR/Albrecht Wagner

Die Forscher in Erich Schrögers Arbeitsgruppe für kognitive und biologische Psychologie an der Uni Leipzig machen überraschende Entdeckungen: Auch unsere Augen "hören". In einer aktuellen Studie weisen sie nach: Die Pupillen bewegen sich nicht nur bei unterschiedlicher Helligkeit, sondern auch bei überraschenden Geräuschen oder bei Gedächtnisaufgaben wie dem Einprägen einer Reihe von Zahlen. Das gibt neue Einblicke in unsere Wahrnehmungswege, zeigt unbewusste und bisher unbekannte Verbindungen im Gehirn.

Praktischer Nutzen können zum Beispiel bessere Lernumgebungen in Schulen sein. Je genauer wir wissen, wie unser Gehirn Informationen aufnimmt, desto besser können Schulen diese Wege nutzen. Von praktischem Nutzen können Erich Schrögers Forschungen auch für intelligente Hörhilfen sein, die nicht einfach alle Geräusche gleichermaßen verstärken, sondern wie unser Gehirn von vornherein zwischen wichtigen und unwichtigen Geräuschen unterscheiden.

Top 50 und die Kirche im Dorf

Das amerikanische Institut "The best schools" führt Erich Schröger in der aktuellen Liste der 50 weltweit einflussreichsten Psychologen. Es ist nicht der politische Einfluss gemeint, wo jemand konkrete Richtungen vorgibt. Es geht um Impulse und Anregungen, die Wissenschaftler wie Erich Schröger in die weltweite Forschung einbringen.

Ich hätte nie gedacht, in so einer Liste mal zu landen. Man muss aber auch die Kirche im Dorf lassen. Wenn man die Kriterien ein bisschen manipulieren, ein bisschen andere anlegen würde, würde vermutlich das Ergebnis auch ein bisschen anders aussehen.

Erich Schröger

Erich Schröger sieht es vor allem als Würdigung der psychologischen Forschung in Leipzig insgesamt. Leipzig gilt als Wiege der modernen Psychologie. An der Leipziger Uni wurde im 19. Jahrhundert das weltweit erste psychologische Institut eingerichtet. Heute ist Leipzig nach Erich Schrögers Worten wieder ein internationaler Psychologie-Schwerpunkt. Zum Beweis: Und unter den wenigen Europäern auf der Liste der einflussreichsten Psychologen findet sich mit Max-Planck-Forscher Micheal Tomasello ein weiterer Leipziger.

Dieses Thema im Programm: MDR Aktuell | 02. Juli 2018 | 07:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Juni 2018, 15:04 Uhr