Landflucht Das Ende des Stadtbooms?

Wissenschaft und Forschungseinrichtungen in den Städten haben sich zu Jobmotoren entwickelt. Deshalb wandern immer mehr Deutsche vom Land in Zentren wie Berlin, München oder Leipzig ab. Das führt zu Problemen. Forscher wie Stadtsoziologe Dieter Rink empfehlen Gegenmaßnahmen.

Leipzig hat auch 2016 wieder den Rekord geknackt: Laut Angaben des Leipziger Amtes für Statistik und Wahlen zählte die Messestadt zum Jahresende insgesamt 579.530 Einwohner. Das waren 11.684 mehr als noch 2015 und ganze 100.000 mehr als im Jahr 2000. Die Metropole an der Pleiße zählt damit seit einigen Jahren zu den am stärksten wachsenden Städten in ganz Deutschland. Aber auch andere Städte in der Region ziehen immer mehr Menschen an. "Stark wachsen Dresden, Jena und Erfurt", sagt der Soziologe Dieter Rink vom Leipziger Umweltforschungszentrum (UFZ). "Chemnitz, Halle oder Magdeburg wachsen leicht oder haben ihre Einwohnerzahl stabilisiert.“ Die Ursache sieht er vor allem in der Veränderung der Wirtschaft.

In den vergangenen 20 bis 25 Jahren waren es vor allem wissensbasierte Industrien oder Wirtschaftsbereiche, die Arbeitsplätze geschaffen haben. Und die befinden sich vor allem in den Großstädten und Metropolen. Dort gibt es Universitäten, Hochschulen und Forschungseinrichtungen, in deren Umfeld sich StartUps gründen. Die generieren Arbeitsplätze, die sich häufig als nachhaltig herausgestellt haben. So haben sich diese Orte entgegen der Prognosen aus den 1980er und 90er Jahren zu Wachstumsinseln entwickelt.

Soziologe Dieter Rink

Das Wachstum der Städte auf der einen, die Landflucht auf der anderen Seite führt allerdings zu gravierenden Problemen. Während in den Zentren Wohnraum knapp und teuer wird, stehen andernorts immer mehr Wohnungen leer und müssen abgerissen werden.

Explodierende Mieten vertreiben Familien

Frankfurt am Main, wo bereits 720.000 Einwohner leben, wächst jedes Jahr um die Größe einer Kleinstadt mit 15.000 Bewohnern. Der angespannte Wohnungsmarkt mit explodierenden Mieten, aber auch der Mangel an Kinderbetreuungsplätzen treibt vor allem junge Familien ins Umland. In Städten mit besonders hohen Mieten wie Stuttgart oder München beobachten Forscher eine Trendumkehr: Zum ersten Mal seit der Jahrtausendwende zogen 2014 von der Gruppe der 30- bis 49-Jährigen mehr Menschen aus den Städten aus, als hinein. "Angesichts explodierender Mieten und Immobilienpreise können weniger Familien ihre Wohnungswünsche in der Großstadt realisieren“, sagt Antonia Milbert, Regionalforscherin am Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) in Bonn. Von dieser Entwicklung profitieren wiederum Kleinstädte im sogenannten Speckgürtel großer Städte, wo wohnen weniger kostet.

Auch das Umland der Metropolregion Leipzig-Halle könnte auf diese Weise einen Aufschwung erleben. Aktuell sei es hier aber für eine Prognose noch zu früh, sagt der Leipziger Forscher Rink. "Die direkten Umlandkommunen von Leipzig profitieren vom Wachstum. Ein Stück weiter draußen ist Schrumpfung der vorherrschende Modus, wenn auch nicht mehr so stark wie noch in den 90er Jahren.“ Ob das neue Nahverkehrsnetz mit dem Citytunnel daran etwas ändert, müsse noch abgewartet werden.

Maßnahmen gegen die Landflucht

Im Gegensatz dazu stehen Gebiete fernab der Großstädte, in der sogenannten Peripherie. Dort ist die Schrumpfung nun in vollem Gang. Der Bevölkerungsforscher Sebastian Klüsener spricht von "selektiver Abwanderung“. Betroffen sind Landstriche im Osten wie im Westen, in Nordhessen und der Lausitz, aber auch strukturschwache Städte wie Marl und Bottrop im Ruhrgebiet oder Brandenburg an der Havel. "Oft gehen die Aktiven, besser Gebildeten zuerst, was Abwärtstendenzen weiter verstärken kann“, sagt Klüsener, der am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock tätig ist. Wenn Kommunen gut ausgebildete Arbeitskräfte mit hohen Einkommen verlieren, sinken auch ihre Steuereinnahmen. Weniger Geld führt zu weniger Investitionen, was die betroffenen Orte wiederum weniger attraktiv macht.

Es ist ein großes Problem wenn dort Funktionen abgebaut, also etwa Schulen geschlossen werden. Wenn Banken und Sparkassen ihre Filialen dicht machen, wenn es dort keine Einkaufsmöglichkeiten mehr gibt, wenn Arztpraxen aufgegeben werden. Das sind nacheinander mehrere Todesurteile für eine Region.

Soziologe Dieter Rink

Die öffentliche Hand müsse in Zukunft deutlich mehr Geld ausgeben, um Infrastruktur und besonders die Daseinsvorsorge auf dem Land zu erhalten, rät der Wissenschaftler. "Konkret bedeutet das, kleine und mittlere Firmen zu fördern, damit sie dort bleiben können. Arztpraxen zu erhalten und Schulen mit anderen Konzepten weiter zu führen statt zu schließen.“

Ende des Booms absehbar

In Boomstädten wie Leipzig dagegen werde dringend ein neuer sozialer Wohnungsbau gebraucht, auch wenn ein Ende der starken Zuwanderung absehbar sei.

Das Wachstum der Stadt wird sich in den kommenden zwei Jahren abschwächen, aus zwei Gründen. 2015 und 2016 gab es eine starke Zuwanderung, weil viele Geflüchtete und Asylbewerber nach Leipzig gekommen sind. Deren Zahl geht nun aber wieder zurück. Der zweite Grund ist, dass wir einen Rückgang der Investitionen verzeichnen. Dadurch werden wir es in den nächsten Jahren nicht mehr mit so einem starken Arbeitsplatzwachstum zu tun haben, das dann eine entsprechende Zuwanderung nach sich zieht.

Soziologe Dieter Rink

Die Grenze von 600.000 Einwohnern werde in Leipzig wohl in den kommenden Jahren erreicht, schätzt Rink. Dass mittelfristig auch mehr als 700.000 Menschen in der Messestadt leben könnten hält er aber für unrealistisch.

Über dieses Thema berichtet MDR Aktuell - Radio | 13.02.2017 | 08:05 Uhr
Exakt - Fernsehen | 21.09.2016 | 20:15 Uhr