Luftverschmutzung Stickoxid-Grenzwerte: Rechenfehler im Papier der Lungenärzte

Die Stellungnahme hat vor kurzem für Wirbel gesorgt: Lungenarzt Prof. Dieter Köhler und 112 weitere Unterstützer veröffentlichten ein Papier, in dem es heißt, Stickstoffdioxid und Feinstaub seien weit weniger gefährlich, als von der internationalen Forschergemeinde festgestellt. Der Lungenarzt zog mit seiner Argumentation von Talkshow zu Talkshow und erhob sogar Manipulationsvorwürfe. Doch die könnten nun zum Bumerang werden: Offenbar hat der Arzt nämlich selbst mit falschen Zahlen gerechnet.

von Kristin Kielon

Da hat sich Lungenfacharzt Professor Dieter Köhler wohl etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt, als er im ZDF auf die Frage nach seiner Motivation antwortete:

Der Hintergrund ist, dass mich einfach diese extreme wissenschaftliche Unsachlichkeit stört.

Prof. Dieter Köhler, Lungenarzt ZDF

Dabei hat der Arzt offenbar selbst nicht immer ganz präzise gearbeitet - vor allem in Sachen Mathematik: Die Zeitung taz hat sich nach einem externen Hinweis die Zahlen, mit denen Köhler immer wieder argumentiert hatte, noch einmal angeschaut und ist dabei gleich auf mehrere Rechenfehler gestoßen. Ein zentrales Argument seines Papiers: Der Lungenarzt führt den Vergleich von Zigarettenrauch mit der Atemluft in Innenstädten heran - so wie etwa auch in einem Interview im MDR Fernsehen.

Wenn man die Dosis berechnet, die ein Raucher einatmet und die man, wenn man jetzt nur an der Kreuzung steht 24 Stunden - wenn jemand dort steht, wird 80 Jahre, hat er die gleiche Menge, wenn er raucht - je nachdem wie viel - nach wenigen Wochen.

Prof. Dieter Köhler MDR um 4

Zu dieser Behauptung kommt der Lungenarzt aufgrund einer Berechnung, die er in einigen Publikationen genau beschrieben hat - zum Beispiel im Deutschen Ärzteblatt. Darin heißt es, die Stickstoffdioxid-Menge im Zigarettenrauch liege bei rund 500 Mikrogramm pro Zigarette:

Nimmt man zur Konzentrationsberechnung ein Atemvolumen beim Rauchen einer Zigarette von 10 Litern an, so inhaliert man 50.000 μg pro Kubikmeter Luft. Bei einer Packung am Tag wäre das 1 Million Mikrogramm.

Prof. Dieter Köhler Ärzteblatt

Eine Million klingt dramatisch, stimmt aber nicht: Köhler hat sich verrechnet. Und zwar aus zwei Gründen.

1.: Der Ausgangswert stimmt nicht. Die 500 Mikrogramm gelten für alle Stickoxide und nicht nur für das Stickstoffdioxid, um das es ja eigentlich geht. Wie hoch ist also der Stickstoffdioxid Anteil an allen Stickoxiden in der Zigarette? Zehn bis 50 Prozent sagt Köhler der Zeitung.

2.: Selbst wenn der Ausgangswert stimmen würde, wäre das korrekte Ergebnis dieser Rechnung nicht eine Million sondern 10.000 Mikrogramm. Nimmt man das zusammen, hat er sich um den Faktor 200 bis 1.000 verrechnet.

Übersetzt in Jahre heißt das: Um auf den Wert des 80-Jährigen an der Straßenkreuzung aus Köhlers Vergleich zu kommen, müsste man nicht wenige Wochen, sondern mindestens sechseinhalb oder sogar 32 Jahre lang täglich eine Packung Zigaretten rauchen. Die korrekte Rechnung beweist also eher das Gegenteil von dem, was der Arzt eigentlich aufzeigen wollte.

Und das ist nicht der einzige Rechenfehler im Zigaretten-Vergleich, den die taz entdeckt hat: Auch beim Feinstaub hat der Lungenarzt sich offenbar um eine Null vertan - statt mit 500 Mikrogramm pro Kubikmeter müsste man mit 50 rechnen, damit das Ergebnis Sinn ergibt. Aber selbst das stimmt nicht, schreibt die taz:

"Den Feinstaubwert berechnete er nach eigenen Angaben auf Grundlage des Kondensatgehalts der Zigaretten, umgangssprachlich auch als Teer bezeichnet. Dabei ging er für aktuelle Zigaretten von 10 bis 25 Milligramm pro Zigarette aus. Allerdings gilt für Kondensat seit 2004 - also seit mittlerweile 15 Jahren - ein EU-weiter Grenzwert von 10 Milligramm. „Die Vorgabe der EU kannte ich nicht", erklärt Köhler." (Lungenarzt mit Rechenschwäche, taz)

Fehler? Für Köhler kein Problem

Der Lungenfacharzt habe der taz gegenüber alle Rechenfehler eingeräumt, sehe aber kein großes Problem darin. Das allerdings könnten all die Forscher, denen er Manipulation und systematische Verzerrung vorgeworfen hat, durchaus etwas anders werten.

Wie zum Beispiel Prof. Nino Künzli, Vizedirektor Schweizerisches Tropen und Public Health Institut Basel: "Die Grenzwert-Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation beruhen auf der gesamten weltweit verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz zu den Auswirkungen der Luftverschmutzung auf die Gesundheit. Diese experimentelle und epidemiologische Forschung schlägt sich allein in den letzten 30 Jahren in etwa 70.000 wissenschaftlichen Arbeiten nieder. Diese Literatur wird von großen interdisziplinären Fachgremien regelmäßig neu beurteilt. Die Herren Köhler, Hetzel und ihre Jünger sucht man in dieser Wissenschaftsgemeinde vergeblich. Sie haben noch nie zu diesem Thema geforscht."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 14. Februar 2019 | 16:35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Februar 2019, 14:59 Uhr