Störche
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Storchenflug Von effizienten Flatterern und Thermikexperten

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Ein aufregender Tag, der 17. August 2014. An diesem Tag brach Jungstorch "Louis" zu seiner ersten großen Reise auf. Aber nicht nur für ihn war es ein großes Ereignis, auch Andrea Flack und Wolfgang Fiedler haben ihm entgegengefiebert. Ein paar Wochen zuvor hatten die beiden Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Ornithologie und der Universität Konstanz "Louis" und 60 weitere Jungstörche mit GPS-Sendern bestückt. Sie erhofften sich neue, detaillierte Informationen zum Storchenzug. Über vier Jahre haben sie die Vögel begleitet. Nun haben sie die Daten der Sender ausgewertet und beindruckende Einblicke in das Flug- und Sozialverhalten der Tiere erhalten.

Eine weite Reise

Storch Louis Mitte März auf einem alten Schulgebäude in Pfohren, 30 Kilometer vom Bodensee entfernt
Storch Louis Mitte März auf einem alten Schulgebäude in Pfohren, 30 Kilometer vom Bodensee entfernt. Bildrechte: MPI f. Ornithologie/ Animal Tracker

"Louis" brach als erster der vier Storchengeschwister aus seinem Nest in Radolfzell am Bodensee Richtung Süden auf. Er schloss sich einer Gruppe mit 27 anderen besenderten Artgenossen an.

Zusammen flogen sie entlang der Alpen an Bern vorbei in Richtung Genfer See und überquerten südlich von Lyon die Rhone. Am 23. August erreichte Louis die französische Mittelmeerküste und flog die nächsten Tage immer an der Küste entlang Richtung Spanien.

Nachdem er die Pyrenäen überquert hatte, verbrachte er einige Wochen bei Barcelona, um anschließend in der Nähe von Madrid zu überwintern. Erst im Februar 2016 trat er seine Heimreise nach Deutschland an. Louis entschied sich also in Europa zu bleiben, während andere Störche nach Afrika weiterreisten. Aber warum?

Sensoren und Daten

Auch auf diese Frage haben die Wissenschaftler dank des GPS-Trackers Antworten gefunden. Über mehrere Wochen hat dieser jede kleinste Bewegung der Vögel vier Mal in der Stunde aufgezeichnet. Anschließend flossen die Daten automatisch in die Online-Datenbank "Movebank" ein, die Forscher rund um Martin Wikelski, Direktor am Max-Planck-Institut für Ornithologie und Honorarprofessor an der Universität Konstanz, entwickelt haben. Noch nie konnten Menschen den Gruppenflug der Störche so detailliert verfolgen. Die Daten der tausende Kilometer weiten Reise haben den Wissenschaftlern Aufschluss darüber gegeben, wie die Flugleistung der Vögel, ihr Sozialverhalten und ihre globale Reiseroute miteinander verknüpft sind.

Der Weg und das Ziel eines Storchs hängen unter anderem auch davon ab, wie effizient er fliegen kann.

Martin Wikelski

Leitvögel und Folgetiere

Störche, die in den Süden abhauen
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Die Forscher fanden heraus, dass es in der Storchen-Reisegruppe Leitvögel gibt, die die übrigen Störche zu Regionen lotsen, in denen günstige Thermik herrscht. Denn die weite Reise können die Störche auf keinen Fall allein durch kräftezehrenden Ruderflug bewältigen.

Durch die aufsteigende Warmluft werden die Vögel praktisch in die Höhe gesogen und können Teile der Strecke in einem energiesparenden Segelflug hinter sich bringen.

Die Leitvögel sind in der Regel sehr effiziente Flieger, die Folgetiere dagegen sind etwas langsamer und verlieren schnell an Höhe. Sie müssen mehr mit ihren Flügeln schlagen. Die Flugfähigkeit der Störche bestimmt also, an welcher Position die Vögel innerhalb der Gruppe stehen.

Europa oder Afrika

Auch die Wahl ihres Winterquartiers hängt stark von der Flugeffizienz der Störche ab. Louis zum Beispiel ist ein eher mittelmäßiger Flieger, deshalb ist es für ihn günstiger, im Süden Spaniens zu überwintern. Sein Mitstreiter "Redrunner" dagegen ist ein guter Flieger und schafft die Reise bis nach Nordafrika. „Die Flugeigenschaften sind für die Position innerhalb der Gruppe von so zentraler Bedeutung, dass wir schon wenige Minuten nach dem Abflug eines Vogels im Herbst vorhersagen können, ob er in Europa überwintern oder nach Westafrika weiterfliegen wird“, erklärt Andrea Flack.

Verfolgt von der ISS

Sowohl "Louis" als auch "Redrunner" haben ihre Reise seitdem jedes Jahr wiederholt. Der eine ist Europa und der andere Afrika treugeblieben. Mit ihren vier Jahren haben sie jetzt die gefährlichste Phase ihres Lebens hinter sich gebracht. 75 Prozent der Jungvögel sterben im ersten Lebensjahr. "Louis" und "Redrunner" hingegen haben nun die Pubertät hinter sich und können in diesem Jahr zum ersten Mal brüten. Wenn sie dann Ende des Sommers wieder aufbrechen, werden ihre Daten über die internationale Weltraumstation ISS an Wissenschaftler weltweit verschickt werden. Denn im August startet die Icarus-Initiative, durch die die Wissenschaftler die Störche rund um die Uhr in Echtzeit verfolgen können.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 13. April 2018 | 16:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Juli 2019, 17:09 Uhr