Warum manche Haare unkämmbar sind Forscher finden Struwwelpeter-Gen

Struwwelpeter-Syndrom - das ist ein Begriff aus der Medizin. Wer es als Kind hat, besitzt derart krause Haare, dass sie partout nicht gekämmt werden können. Forscher der Universitäten Bonn und Toulouse haben jetzt die Ursache des seltenen Phänomens entdeckt.

Eltern kennen das: Die Kinder haben draußen wild gespielt und kommen mit völlig verknoteten Haaren nach Hause. Kämmen kann dann ganz schön schwierig sein. Oft hilft es aber schon, die Mähne einmal zu waschen. Haben die Kinder allerdings das sogenannte Struwwelpeter-Syndrom, nützt alles nichts: Die meist hellblonden Haare, die einen besonderen Glanz haben, sind so lockig und kraus, dass kein Kamm jemals hindurchkommt.

Im Gegensatz zum Struwwelpeter aus dem Kinderbuchklassiker von Heinrich Hoffmann können die Betroffenen allerdings nichts für ihre widerspenstige Haarpracht. Stattdessen sind Mutationen in drei Genen für die Veränderung der Haare verantwortlich, berichten Forscher der Universitäten Bonn und Toulouse im „American Journal of Human Genetics“. Die Symptome des seltenen Phänomens schwinden erst mit zunehmendem Alter. Als Erwachsene können sich die Betroffenen in der Regel normal frisieren.

Der Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann. Hier  in der bereits 400. Ausgabe von 1917.
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Wer unter unkämmbaren Haaren leidet, sucht deshalb nicht unbedingt einen Arzt oder eine Klinik auf.

Regine Betz, Universität Bonn

Für ihre Untersuchung hat die Bonner Genetikerin Regine Betz gemeinsam mit ihren Kollegen nach Kindern mit dem seltenen Syndrom gesucht. Obwohl die Anomalie bereits 1973 zum ersten Mal in der Fachliteratur beschrieben wurde, wurden bis heute weltweit nur rund 100 Fälle dokumentiert. "Wir nehmen aber an, dass es deutlich mehr Betroffene gibt. Wer unter unkämmbaren Haaren leidet, sucht deshalb nicht unbedingt einen Arzt oder eine Klinik auf“, sagt Betz.

Auch Mäuse bekommen Struwwel-Fell

Nachdem das Team insgesamt elf betroffene Kinder fand, sequenzierten die Forscher deren Gene. Durch den Abgleich mit großen Datenbanken stießen sie auf die drei Mutationen im Erbgut in den Anlagen PADI3, TGM3 und TCHH. Die Veränderungen bewirkten, dass bestimmte Proteine nicht über hauchfeine Hornfäden miteinander vernetzt werden. Dadurch verändern sich Struktur und Stabilität der Haare. Mäuse, deren PDAI3- oder TGM3-Gen defekt ist, zeigen laut den Wissenschaftlern ganz ähnliche Veränderungen des Fells.

Das Phänomen der unkämmbaren Haare sei zwar lästig und führe gelegentlich auch zu psychischen Belastungen, sei ansonsten aber ohne weitere Folgen für die Gesundheit, schreiben die Forscher. Dennoch seien die Befunde wichtig. "Aus den gefundenen Mutationen lässt sich eine ganze Menge über die Mechanismen lernen, die an der Bildung gesunder Haare beteiligt sind, und warum es manchmal zu Störungen kommt“, sagte Regine Betz.

Zuletzt aktualisiert: 12. September 2017, 11:06 Uhr