Katastrophenschutz Überschwemmungen und Dürren: Wir müssen uns auf das "noch schlimmer" einstellen

Eine große internationale Studie zu Extremereignissen wie Dürren und Überschwemmungen unter Potsdamer Leitung sagt, es reiche nicht, sich nur auf den bisher schlimmsten bekannten Fall einzustellen, man müsse in Klimawandelzeiten ein "noch schlimmer" vor Augen haben.

Zusammenfluss von Inn, Donau und Ilz bei der Altstadt von Passau mit Kloster und Rathaus, überflutet beim Jahrhunderthochwasser im Juni 2013
Überflutete Altstadt von Passau am Zusammenfluss von Inn, Donau und Ilz beim Hochwasser im Juni 2013 Bildrechte: imago/blickwinkel

Es sind die beiden Extreme in Sachen Niederschlag: Überschwemmung und Dürre. So unterschiedlich sie aber auch sind, haben sie doch manches gemeinsam. Sie können schwere Schäden verursachen, sie drohen in Zeiten des Klimawandels häufiger und schlimmer zu werden, und man kann sich mit Risikomanagement und Infrastruktur zumindest teilweise auf sie vorbereiten.

Letzteres wurde bislang zu oft erst nach dem ersten großen Schaden getan. Zu diesem Schluss kommt eine große internationale Studie der "International Association of Hydrological Sciences" unter der Leitung von Heidi Kreibich vom Deutschen GeoForschungsZentrum in Potsdam. Kernaussage darin: Es reicht nicht, sich nur den schlimmsten bisher bekannten Fall anzusehen und sich darauf einzustellen, sondern man muss ein "noch schlimmer" vor Augen haben. Nur weil man etwas noch nicht erlebt hat, heißt das nicht, dass es nicht passieren kann.

45 vergleichbare Ereignis-Paare

Ziel der Studie war herauszufinden, ob gutes Risikomanagement einen Einfluss auf die Auswirkungen solcher Naturkatastrophen hat. Dazu befassten sich die Autorinnen und Autoren mit 45 Datensätzen von allen Kontinenten. Jeder Datensatz steht für einen Ort oder eine Region, wo es zweimal im Abstand von mehreren Jahren die gleichartige Naturkatastrophe gab, also zwei starke Überschwemmungen oder zwei extreme Dürren. Aus Deutschland waren zum Beispiel die Donau-Hochwasser von 2002 und 2013 vertreten. Insgesamt wurden 26 "Doppel"-Überschwemmungen und 19 "Doppel"-Dürren untersucht,

Indem nur solche Ereignis-Paare in die Studie einflossen, wurde eine Vergleichbarkeit hergestellt. Wie groß waren die Schäden beim ersten Mal? Was hat sich seitdem vor Ort im Risikomanagement getan? Und wie groß waren dann die Schäden beim zweiten Mal?

Die Analysen bestätigten die naheliegende Annahme, dass ein angemessenes Risikomanagement normalerweise zu einer Verringerung der Schäden beiträgt.

Männer evakuieren auf einem Floß ältere Frauen aus ihren überschwemmten Häusern, 2017
In der Region Piura in Peru gab es 1998 und 2017 zwei starke Überschwemmungen. Dazwischen wurden mittelfristige Wettervorhersagen etabliert, ein Institut für Zivilschutz und ein Katastrophenschutzzentrum gegründet und Evakuierungsübungen vollzogen. Bei der zweiten Flut gab es dann deutlich weniger Todesopfer, obwohl in der Region mehr Menschen lebten als bei der ersten Flut. Bildrechte: imago/ZUMA Press

Beispiellose Ereignisse

Das Problem, das durch den Klimawandel noch verstärkt werden könnte, ist laut Studie aber ein anderes: Immer wenn es in einer Region zu Extremereignissen kam, die es dort in dem Ausmaß noch nie gegeben hatte, war es besonders schwierig, die Auswirkungen abzumildern. Heidi Kreibich erklärt dies mit zwei Faktoren. Erstens haben Infrastrukturen wie Dämme oder Talsperren eine obere Bemessungsgrenze, bis zu der sie wirksam sind. Sobald ein Schwellenwert überschritten wird, werden sie auf einen Schlag unwirksam. Zweitens wird das Risikomanagement in der Regel reaktiv nach den ersten großen Überschwemmungen und Dürren eingeführt oder angepasst, während vorausschauende Strategien ohne Präzedenzfälle selten zu finden sind. Sprich: Nach dem Schaden ist man meistens klug, vor dem Schaden viel zu selten.

Ein Beispiel aus Indonesien zeigt das eindrücklich. Eine Überschwemmung im Jahr 2007 hatte 79 Tote und 1,3 Milliarden Euro Schaden verursacht. Danach wurden Kapazitäten für überflutendes Wasser geschaffen und eine Katastrophenschutzbehörde eingerichtet. Bei einer absolut vergleichbaren Flut sechs Jahre später waren die Schäden dann "nur" noch etwa halb so groß: 38 Tote und 0,76 Milliarden Euro Schaden.

Zwei Positiv-Beispiele, eines aus Deutschland

In allen 45 Ereignis-Paaren gab es nur zwei, bei denen das spätere Ereignis deutlich gefährlicher in seinem Ausmaß war und trotzdem die Auswirkungen schwächer als beim ersten Mal. Ein Zeichen für gutes Risikomanagement in der Zwischenzeit. Eines dieser Beispiele sind die Donau-Überschwemmungen von 2002 und 2013. In Bayern und Österreich gab es 2013 laut Studie 30 Prozent mehr Wasser in der Donau als noch 2002, aber fast 50 Prozent weniger finanziellen Schaden.

Menschen laufen mit Regenschirmen im strömenden Regen in Barcelona, 2018
Strömender Regen in Barcelona im Jahr 2018 Bildrechte: imago/Agencia EFE

Zweites Positivbeispiel ist Barcelona. Dort gab es 1995 und 2018 jeweils so heftigen Regen binnen weniger Stunden, dass große Teile der Stadt unter Wasser waren. Weil zwischen den beiden Ereignissen aber viel in Infrastruktur, Kanalisation und ein Frühwarnsystem investiert wurde, waren die Schäden beim zweiten Mal deutlich geringer.
In der Studie werden deshalb als Ergebnis drei Erfolgsfaktoren ausgemacht: 1. wirksame Steuerung des Risiko- und Notfallmanagements, einschließlich transnationaler Zusammenarbeit wie im Fall der Donau; 2. hohe Investitionen in strukturelle und nichtstrukturelle Maßnahmen; 3. verbesserte Frühwarn- und Echtzeit-Kontrollsysteme wie im Fall von Barcelona.

Abschließend heißt es in der Studie: "Wir sind der Meinung, dass diese Erfolgsfaktoren universell angewandt werden können, um dem aktuellen Trend der zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels entgegenzuwirken. Diese Faktoren können auch bei der Bewältigung noch nie dagewesener Ereignisse wirksam sein, sofern sie proaktiv umgesetzt werden."

(rr)