Forschungsprojekt "Icarus" Amsel-Tracking: Was der Vogel uns im Flug verrät

Sag mir wo du fliegst: Die Minisensoren, mit denen 2.000 Amseln und Drosseln für das Forschungsprojekt "Icarus" ausgestattet sind, zeigt der Tierverhaltensforschung jetzt ganz genau, wo sich die registrierten Vögel herumtreiben. Über eine App können wir alle mitforschen und dem Forschungsteam verraten, was die Vögel treiben, wenn eine der "gechipten" Amseln unsere Wege kreuzt.

Eine Amsel im Flug
Wohin fliegt sie? Ab sofort können wir Amseln im "Dienst der Wissenschaft" begegnen Bildrechte: imago images / blickwinkel

Sie können sich nicht mehr verstecken - 200 Amseln, die seit der zweiten Septemberwoche für das deutsch-russische Forschungsprojekt "Icarus" mit einem Minisender herumfliegen. Ihre Standorte sind jetzt für alle sichtbar, die sich die Tiertracking-App des Max-Planck-Instituts auf ihr Handy laden. "Diese ersten 200 Amseln, die jetzt mit Sensoren ausgestattet sind, waren Zuchttiere", erläutert Projektkoordinatorin Uschi Müller im Gespräch mit MDR Wissen. 2.000 Amseln und Drosseln sollen es insgesamt werden, deren Flugrouten verfolgt werden können. Die 1.800, die jetzt noch nach und nach 'besendert' werden, stammen aus der Natur. "Und das dauert, die Vögel mit den Sendern auszustatten", sagt Müller. "Selbst dann, wenn das Profis sind, die das machen, Wissenschaftler, die auf Vogelschutzstationen den Umgang mit Wildvögeln gewohnt sind."

Die Besenderung der Amseln ist der Auftakt der einjährigen Pilotphase, die unter deutscher Leitung geführt wird. Dafür gibt es erstmal eine Charge von 5.000 Sendern, 2.000 für die Vögel, der Rest ist dann für die weiteren 'Icarus'-Projekte.

Uschi Müller, ICARUS Koordinatorin
 Martin Wikelski, Direktor am Max-Planck-Institut, hält einen besenderten Flughund in der Hand im Kasanka-Nationalpark.
MPI-Forscher Martin Wikelski mit einem Flughund. Bildrechte: Christian Ziegler/MPI für Ornithologie/MaxCine/dpa

Die nächsten Tiere, die im Dezember "besendert" werden, sind beispielsweise Palmflughunde in Sambia. Unter deutscher Leitung sind es insgesamt zehn Tierarten, darunter neben den Flughunden auch Gänse, Antilopen, Bären, Stelzvögel in Australien, Kuckucke, Schildkröten und Jaguare.

Was verbirgt sich hinter "Icarus?"

Mit der griechischen Mythologie und "Icarus", dessen wächserne Flügel bei seinem Höhenflug dank der Sonnenwärme einschmolzen, hat das Forschungsprojekt "Icarus" nichts zu tun. Vielmehr ist "Icarus" ein Akronym und steht für "International Cooperation for Animal Research Using Space".

Die Sensoren schicken Bewegungsdaten des Trägertiers mit präziser Positionsbestimmung an eine drei Meter lange Antenne, die an der Außenwand der ISS befestigt ist. An Bord der Raumstation werden die Daten dann weiter verarbeitet. Diese Kommunikation funktioniert nur dank Entwicklungen der Dresdner Firma inradios.

Wie Kröten und Ziegen Katastrophen ankündigen

Aber was weiß man, wenn man weiß, ob und wo sich die Singvögel herumtreiben? Ihre Migrationsbewegungen von Nord nach Süd und umgekehrt sind bekannt. Auch, dass sich manche inzwischen nicht mehr jährlich auf die Reise machen. Nur warum?

fliegende Schwalbe
Schwalbe - ihr Verhalten lesen viele als Indikator für das Wetter am kommenden Tag Bildrechte: IMAGO

Das wollen die Forschenden des "Icarus-Projekts" aus den tierischen Migrationsbewegungen - oder dessen Ausbleiben - lesen. Und nicht nur das. Das Forschungsprojekt zielt auch darauf, das Wissen der Tiere gezielt anzuzapfen. Der Volksmund tut das schon lange: "Fliegt die Schwalbe hoch, wird das Wetter schöner noch, fliegt die Schwalbe nieder, kommt grobes Wetter wieder". Tieffliegende Schwalben als Hinweise für schlechtes Wetter, das kommt uns doch irgendwie bekannt vor. Auch wenn die Schwalben eigentlich nur dem Futterangebot folgen - den Insekten, die je nach Witterungslage in höhere oder niedrigere Luftlagen gewirbelt werden.

Wer lesen kann, ist klar im Vorteil, sagen wir umgangssprachlich, beziehen uns in der Regel auf Buchstaben und Zahlen. Warum lesen wir nicht tierische Verhaltensweisen, wenn sie offenbar früher als wir Menschen spüren, dass eine Naturkatastrophe naht: Ein Vulkanausbruch, eine Überschwemmmung, ein Erdbeben?

Genau das treibt Professor Dr. Martin Wikelski vom Max Planck Institut für Ornithologie in Radolfzell seit Jahren um. 2011 stattete er Ziegen auf Sizilien mit Forschungssensoren aus, die Hänge des Ätna abgrasten. Am 4. Januar 2012 schleuderte der Vulkan ab 22:20 Uhr große Mengen Lava und Asche hervor - exakt sechs Stunden zuvor hatten die Minisender bei allen besenderten Ziegen ungewöhnliche Verhaltensmuster aufgezeichnet - die simultan bei allen Tieren auftraten, obwohl sie nicht als Herde unterwegs waren. Insgesamt wurden aus den Ziegen-Daten sieben Ankündigungen für größere Vulkanausbrüche abgelesen - wenn auch rückwirkend. Ein anderes Beispiel: Unweit der italienischen Stadt L’Aquila, die am 9. April 2009 von einem schweren Erdbeben erschüttert wurde, hatten sich Erdkröten zuvor ungewöhnlich verhalten, wie Forscher nachwiesen: Die Amphibien hatten fünf Tage vor dem Beben ihren Laichprozess beendet.

Ätna-Ausbruch 2012, und das Erdbeben in L' Aquila 2009. In beiden Fällen gab es vorher tierische Hinweise - die im Nachhinein "gelesen" wurden.

Ausbruch des Vulkans Ätna auf Sizilien, Italien 2012
Bildrechte: imago/Milestone Media
Ausbruch des Vulkans Ätna auf Sizilien, Italien 2012
Bildrechte: imago/Milestone Media
Schäden durch, ein Erdbeben in L Aquila in den Abruzzen, Italien 2009
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Was uns das Tiertracking alles verraten könnte

Ob nun auch Amseln auf derart spektakuläre Vorkommnisse hinweisen, kann noch keiner sagen. Dass sie aber auch auf Veränderungen der Umwelt reagieren, wissen wir - der Rückgang der Vogelwelt ist anhand langjährigen Vogelmonitorings durch den NABU beispielsweise drastisch dokumentiert. Nur welche Strategien entwickeln Amseln angesichts des Klimawandels und zunehmender Urbanisierung? Wie ändern sich die jährlichen Migrationsbewegungen, wo braucht es (neue) Schutzgebiete? Welche Wege geht der Tiernachwuchs, zum Beispiel Jung-Geparden, große Landschildkröten, Seevögel? Wo verenden sie, wo brauchen sie Schutzgebiete? Das ist es, was die Forschungen des Max-Planck-Institutes langfristig aus den Daten herausfiltern wollen. Daten, die die Minisender der Tiere an die ISS schicken. Und Daten mit unseren Beobachtungen, mit denen wir die App füttern, wenn wir einen 'besenderten' Vogel, eine 'besenderte' Ziege auf dem Ätna, eine 'besenderte' Ente am Dorfteich gründeln sehen: Ist das Tier allein unterwegs, zu zweit, sucht es Futter, badet es, allein oder zusammen mit anderen, sammelt es Nistmaterial, schläft es, zeugt es Nachwuchs?

(lfw)

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