Covid-19 Triage: Warum der Impfstatus (k)eine Rolle spielt

Was tun, wenn alle Intensiv-Betten durch viele Covid-Erkrankte belegt sind, in der Notaufnahme aber bereits neue Patienten warten? Der Impfstatus darf keine Rolle spielen, sagen Mediziner. Warum er es doch tun könnte.

Rettungswagen der Bundeswehr
Notaufnahme des Krankenhauses der Bundeswehr in Berlin (Archivbild). Bildrechte: imago images/CHROMORANGE

In Sachsen und Thüringen sind bereits viele Krankenhäuser gefährlich überlastet, weil wieder zahlreiche schwer an Covid-19 erkrankte Menschen in die Notaufnahmen kommen. Noch aber können Patienten im Notfall in andere Bundesländer verlegt werden. Deshalb können die Kliniken weiterhin neue Corona-Kranke aber auch Menschen mit Schlaganfällen, Herzinfarkten oder Verletze nach einem Unfall behandeln.

Was aber passiert, wenn alle Reserven erschöpft sind und Pfleger und Ärzte eine Entscheidung treffen müssen, wer ein Intensivbett bekommt und wer vielleicht nur ein Bett auf einer Normalstation? In der vergangenen Woche wurde das drohende Szenario "Triage" vielfach besprochen. Am Freitag (26.11.21) hat die Ethikkommission der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensivmedizin (DIVI) eine aktualisierte Fassung der Empfehlungen für "Entscheidungen über die Zuteilung intensivmedizinischer Ressourcen im Kontext der COVID-19-Pandemie" vorgelegt. Das Papier soll Orientierung bieten, wenn Kliniken im Notfall nicht mehr alle Patienten versorgen können. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zur "Triage".

Was bedeutet Triage?

"Triage" ist französisch und bedeutet wörtlich übersetzt "Sichtung" und "Sortierung". In die Medizin wurde der Begriff durch Militärärzte eingeführt, die angesichts vieler Verwundeter nach einer Schlacht entscheiden mussten: Wer braucht sofort Hilfe, wer kann noch warten, wer kann woanders behandelt werden und wem kann man nur noch die Schmerzen beim Sterben nehmen?

Warum sprechen Intensivmediziner jetzt lieber von Priorisierung?

Im Gegensatz zur Situation nach einem Gefecht oder nach einem Unfall müssen Ärzte im Kontext der Pandemie nicht ganz plötzlich sehr viele Patienten auf einmal behandeln. Sondern die Zahl der Notfälle nimmt kontinuierlich zu. "Wir steuern seit Monaten auf die im Grunde absehbare Katastrophe zu. Wir haben dadurch mehr Zeit, die Lage differenziert zu betrachten, zu priorisieren und Entscheidungen zu treffen", sagt Professor Uwe Janssens, Sprecher der Sektion Ethik in der DIVI.

Bei der Priorisierung geht es dann nicht allein um Covid-19-Patienten. Denn neben der Pandemie erkranken Menschen weiterhin auch an Herzinfarkten, Schlaganfällen oder erleiden schwere Unfälle. Auch andere Infektionskrankheiten können der Grund sein, warum jemand im Krankenhaus behandelt werden muss. Sind die Stationen überlastet, konkurrieren all diese Patienten miteinander um die verbleibenden Intensivbetten. Bei Krebspatienten werden dann, wenn möglich, Operationen auch mal einige Tage oder Wochen verschoben, solange dadurch keine Verschlechterung der Prognose und keine nicht mehr rückgängig zu machenden Gesundheitsschäden entstehen.

Nach welchen Kriterien wird im Notfall entschieden, welche Patienten behandelt werden?

Im Notfall sollen immer die Patienten behandelt werden, bei denen die Chancen besser stehen, dass die Behandlungen Erfolg haben. Kein Kriterium dagegen ist, ob jemand alt oder jung, behindert oder ohne Einschränkungen ist. Bei der Priorisierung sollen ausdrücklich nicht Leben bewertet werden. "Jemand, der eine Behinderung hat aber nicht so schwer erkrankt ist oder auch jemand, der zwar hochbetagt, aber noch relativ fit ist, kann eine bessere Prognose haben, als ein Jüngerer mit Begleiterkrankungen. Diese Menschen werden dann nicht benachteiligt", sagt Georg Marckmann, Professor für Medizinethik.

Die Idee hinter diesem Prinzip ist: Auf diese Weise können die Ärzte im Notfall den meisten Menschen helfen. Denn wer die beste Prognose hat, kann auch am schnellsten wieder entlassen werden. Im Zweifelsfall kann das sogar bedeuten, dass ein Patient, der bereits behandelt wird, dessen Zustand sich aber rasch verschlechtert und dessen Prognose schlecht ist, dass dieser Patient dann auf eine Palliativstation verlegt wird, wo Ärzte das Sterben begleiten. Sein Intensivbett wird so frei für einen neuen Patienten, der eine bessere Prognose hat. "Das ist ein sehr tragisches, aber durchaus mögliches Szenario", sagt Uwe Janssens.

Dass ein Patient gar keine Behandlung bekommt, erscheint aktuell ausgeschlossen. Bei der Priorisierung geht es vor allem darum, wer bekommt ein Intensivbett? Patienten, deren Prognosen hier nicht gut sind, können immer noch auf anderen Stationen einer Klinik behandelt werden.

Warum soll der Impfstatus keine Rolle bei dieser Entscheidung spielen?

In der neuen Version der Empfehlungen der DIVI heißt es ausdrücklich: "Eine Priorisierung ist aufgrund des Gleichheitsgebots nicht […] zulässig aufgrund […] des SARS-CoV-2-Impfstatus." Dazu sagt der Medizinethiker Marckmann: "Die ärztliche Hilfepflicht gilt immer unabhängig davon, wie sich jemand vor der Behandlung verhalten hat. Wir sind Ärzte und keine Richter." Aus dem gleichen Grund würden Raucher mit Lungenkrebs behandelt ebenso wie verletzte Extremsportler.

Ärzte hätten auch keine Möglichkeit, im Ernstfall nachzuvollziehen, warum jemand nicht geimpft sei. Vielleicht habe er nur schlechte Informationen von Querdenkern oder Coronaleugnern erhalten? Vielleicht sei es nicht gelungen, ihn mit einem Impfangebot zu erreichen? Vielleicht wurde jemand von seinen Angehörigen von der Impfung abgehalten? All das könne man nicht beurteilen, wenn ein schwer erkrankter Ungeimpfter in die Notaufnahme komme.

Warum könnte der Impfstatus aber doch eine Rolle spielen?

Die Prognose von Patienten mit schwerem Covid-19-Verlauf ist insgesamt nicht gut, ganz besonders dann, wenn sie nicht geimpft sind. Müssen sie an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden, sinkt ihre Überlebenswahrscheinlichkeit auf etwa 50 Prozent. Auf diese Weise könnte ein Impfdurchbruch bei einem ansonsten gesunden 60-Jährigen zu einer besseren Prognose führen als die schwere Covid-19 eines jüngeren Patienten, dessen Lungen schon vor der Krankheit geschwächt waren.

Wer entscheidet im Notfall darüber, welche Patienten behandelt werden?

Kein Arzt kann und will allein entscheiden, wie die Prognose eines Patienten aussieht und welche Behandlung die richtige ist. Deswegen sollen Kliniken für diese Notfälle Teams bilden, denen mehrere Ärzte, Pfleger und nach Möglichkeit auch Ethiker angehören. Sie sprechen die Fälle zusammen durch.

37 Kommentare

wo geht es hin vor 7 Wochen

"Das Problem auch bei einem Notfallkrankenhaus ist das derzeit fehlende Personal."
Und daran sind die Ungeimpften schuld? Das Problem existierte schon lange vor Corona - was sagt Ihnen daß bei der Schuldzuweisung?

Rising Unicorn vor 7 Wochen

Mir gefällt es gar nicht, dass es immer nur 2 Fronten gibt, die massiv aneinander geraten. Dabei gibt es doch viel mehr. Es gibt Menschen, die haben Angst. Mehr Angst vor der Impfung zu haben, als vor der Krankheit, wo jetzt auch noch neue Mutanten auftauchen, bei denen nach größter Wahrscheinlichkeit die Impfung weit weniger wirkt als bisher, scheint legitim. Es gibt Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, weil sie aufgrund von Vorerkrankungen schwerste Nebenwirkungen zu befürchten haben, aber die Ärzte darauf bestehen, dass man "grundsätzlich Impfbar wäre". Es gibt Menschen, die dürfen sich nicht impfen lassen. Das waren nur 3 Beispiele. Und das Personal im KH weiss auch nicht WARUM der Patient nicht geimpft wurde, der komatös in die Intensivstation kommt oder zur Triage vorgefahren wird. Und genau deshalb soll eine Triage nichts mit dem Impfstatus zu tun haben.

CrizzleMyNizzle vor 7 Wochen

Und wieder jemand der es nicht versteht.
Es sagt keiner dass Geimpften die Behandlung generell versagt werden soll, aber im Fall dessen dass man sich entscheiden muss, kann es sein dass der Ungeimpfte den Kürzeren zieht.
Was kann man daran nicht gut finden? Warum soll nicht der mit den besseren Chancen eine Chance zum überleben bekommen?