Grabhügel aus der jüngeren Bronzezeit (um 1.200 vor Christus) bei Schkeitbar, Landkreis Leipzig (Aufnahme vom 27. Juni 2018)
Bildrechte: © Landesamt für Archäologie Sachsen. Aufnahme: Ronald Heynowski

Faszination Luftbildarchäologie Sachsen: Dürre legt unsichtbare historische Orte frei

Es ist wie eine Schatzsuche: Wenn die Experten vom Landesamt für Archäologie kurz vor der Ernte über Sachsen fliegen, sehen sie Dinge, die eigentlich längst nicht mehr zu sehen sind. Denn dann werden Stätten aus längst vergangenen Zeiten plötzlich wieder am Boden sichtbar: prähistorische Gebäude, Grabanlagen, Orte aus dem Mittelalter. Für die Luftbildarchäologie ist die lange Trockenheit in diesem Jahr ein besonderer Segen. Denn durch sie werden die Strukturen am Boden besonders gut sichtbar.

von Kristin Kielon

Grabhügel aus der jüngeren Bronzezeit (um 1.200 vor Christus) bei Schkeitbar, Landkreis Leipzig (Aufnahme vom 27. Juni 2018)
Bildrechte: © Landesamt für Archäologie Sachsen. Aufnahme: Ronald Heynowski

Während die Landwirte angesichts wochenlanger Dürre die Stirn runzeln, entfacht sie bei Experten wie Ronald Heynowski das Jagdfieber. Denn das, was auf den Feldern wächst, offenbart dem Luftbildarchäologen vom Landesamt für Archäologie Sachsen Spuren aus längst vergangenen Zeiten.

Die meiste archäologische Substanz ist nicht mehr oberirdisch zu erkennen. Das sind Grabhügel, das sind Siedlungen, das sind Gräber, das sind auch Befestigungsanlagen, die einfach über die Jahrhunderte hinweg eingepflügt sind, völlig verebnet sind und die man an der Oberfläche nicht mehr erkennen kann.

Ronald Heynowski, Landesamt für Archäologie Sachsen

Es sei denn, man steigt in ein Flugzeug und schaut von ganz weit oben herunter: Dann werden plötzlich Umrisse, Hügel oder die Grundrisse steinzeitlicher Häuser auf Feldern und Wiesen sichtbar. Denn die bilden die historischen Strukturen, die bis zu einen Meter darunter liegen, wie eine Kopie ab.

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Kreisgrabenanlagen aus der stichbandkeramischen Zeit (um 4.600 vor Christus) in Kyhna, Landkreis Nordsachsen (Aufnahme vom 19. Juni 2018)
Kreisgrabenanlagen aus der stichbandkeramischen Zeit (um 4.600 vor Christus) in Kyhna, Landkreis Nordsachsen (Aufnahme vom 19. Juni 2018) Bildrechte: © Landesamt für Archäologie Sachsen / Aufnahme: Ronald Heynowski

Die Pflanzen reagieren auf diese Strukturen im Untergrund. Also, wenn wir da eine Grube haben oder einen Graben, dann ist der Bodenaufbau an der Stelle anders. Häufig ist es so, dass die Gruben und Gräben mit der Zeit wieder zugeschwemmt werden oder zugepflügt werden. Da ist ein sehr feinteiliger Boden und der hält das Wasser besser als der natürliche Bodenaufbau.

Ronald Heynowski, Landesamt für Archäologie Sachsen

Und das sorgt dafür, dass Pflanzen an diesen Stellen besser wachsen, höher werden und sich ein wenig in ihrer Farbe unterscheiden. Liegen dagegen etwa die Reste einer alten Mauer im Boden, wachsen die Pflanzen auf dem Acker darüber etwas schlechter. Das heißt, je trockener es ist, desto extremer ist der Unterschied – und desto besser sieht man ihn von oben. Doch was er aus dem Flugzeug sieht, hängt auch von der Pflanze ab, die am Boden wächst, sagt Heynowski. Weizen oder Gerste seien etwa im Gegensatz zu Mais sehr gut für die Luftbildarchäologie.

Von oben gesehen ist ja jede Pflanze wie so ein Bildpunkt, wie so ein Pixel. Und je kleiner die Pflanzen sind von oben gesehen – also dünne Halme, das ist ein dichtes Bild, das hat eine hohe Auflösung, während die Maispflanzen sehr groß sind und da kann man nur sehr grobe Strukturen dann erkennen.

Ronald Heynowski, Landesamt für Archäologie Sachsen

Besonders guter Boden, um etwas zu entdecken, ist etwa um Riesa, Leipzig und Bautzen herum, aber auch die Elbregion um Torgau ist sehr günstig für Luftbildarchäologie. Allerdings ist das Zeitfenster dafür stark begrenzt: Nur wenige Wochen im Jahr ist es möglich, etwas zu beobachten – in der Regel von Mitte Mai bis Mitte Juli. Mit der Ernte ist das Schauspiel dann schon wieder vorbei. Etwa 30 neue Stellen wurden auf zehn Flügen in diesem Jahr bereits entdeckt. Um mögliche Ausgrabungsstätten gehe es dabei aber nicht.

Unser Ziel ist ja, die Stellen zu schützen. Also vor einer Zerstörung zu bewahren. Es gibt zwar sehr viele archäologische Stätten in Sachsen, aber die Zahl ist nicht unbegrenzt. Wir haben durch Baumaßnahmen permanent Zerstörung der archäologischen Struktur und wir müssen darauf achten, dass unsere Denkmäler auch erhalten bleiben.

Ronald Heynowski, Landesamt für Archäologie Sachsen

Manchmal wird aber trotzdem am Boden gegraben. Und zwar immer dann, wenn sich nicht genau zuordnen lässt, wie alt oder was ein Fund genau ist. Das wird dann bei einer kleinen, gezielten Ausgrabung genauer unter die Lupe genommen. Übrigens muss man sich nicht unbedingt hoch in die Luft begeben, um die Strukturen am Boden zu sehen: Der Blick von einem Hügel zum Beispiel reicht dafür auch aus.

Grabhügel aus der jüngeren Bronzezeit (um 1.200 vor Christus) bei Großtreben, Landkreis Nordsachsen (Aufnahme vom 5. Juni 2018) 3 min
Bildrechte: © Landesamt für Archäologie Sachsen / Aufnahme: Ronald Heynowski

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 06. August 2018 | 18:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. August 2018, 10:40 Uhr