Ukraine-Krieg So könnte Deutschland einen russischen Gaslieferstopp überstehen

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat am Mittwoch (30.03.2022) die Frühwarnstufe nach dem Notfallplan Gas ausgelöst, damit soll ein möglicher russischer Lieferstopp vorbereitet werden. Laut Experten wäre dieser wohl zu verkraften – unter bestimmten Voraussetzungen.

Gaszähler
Ein russischer Gasstopp könnte uns bald bevorstehen. Die Auswirkungen auf Deutschland sind aber wohl verkraftbar. Bildrechte: IMAGO/Rene Traut

Die Frühwarnstufe ist dabei die erste von drei Krisenstufen, danach folgen noch die Alarmstufe und die Notfallphase. Nach der Entscheidung des Grünen-Politikers Habeck, der einen Lieferstopp ab Freitag für möglich hält, hat die Bundesnetzagentur bereits die Menschen in Deutschland zum Energiesparen aufgerufen. Doch können wir wirklich rasch von russischem Gas unabhängig werden? Das Science Media Center hat dazu Experten befragt. Das Ergebnis: Es wäre schwierig, aber nicht unmöglich.

In Deutschland muss im kommenden Winter niemand frieren

"Ein sofortiger Stopp russischer Erdgaslieferungen wäre nur als gemeinsame europäische Anstrengung zu tragen", betont Leander Kotzur vom Institut für Energie- und Klimaforschung am Forschungszentrum Jülich. Dafür wären gravierende Einsparungen in Industrie und Haushalten nötig und die Wirtschaft müsste im kommenden Winter ihre Produktion teilweise einstellen. Laut Kotzur könnte Deutschland mit Einsparungen nur ein Drittel des russischen Erdgases kompensieren, weshalb Kohlekraftwerke wieder verstärkt genutzt werden müssten – mit dem Preis höherer CO2-Emissionen.

"Die Industrie müsste verstärkt Biomasse und Kohle stofflich und energetisch nutzen. Die Gebäude könnten den Einsatz von Durchlauferhitzern erhöhen und die Raumtemperatur um ein bis zwei Grad Celsius absenken, wobei jedes Grad Reduktion etwa sechs Prozent des ursprünglichen Gasbedarfs im Gebäude für Raumwärme im Mittel einspart", erklärt Kotzur. Daneben könnte ein weiteres Drittel russischen Erdgases durch eine bessere Energieverteilung mit den anderen europäischen Ländern kompensiert werden. Zudem sollten die Europäer noch mehr Flüssiggas-Terminals im Südwesten des Kontinents nutzen, wobei hier Pipeline-Kapazitäten noch ein Problem darstellen. Letztlich sollten die Maßnahmen ausreichen, dass im kommenden Winter in Deutschland niemand frieren müssen, resümiert der Experte.

Gaskrise kann auch als Chance genutzt werden

Sein Kollege Michael Sterner von der Ostbayrischen Technischen Hochschule Regensburg (OTH) erläutert, dass die energieintensive Produktion etwa in der Chemieindustrie schon immer auf Effizienz getrimmt war. Ein Gasstopp könnte nicht nur hier die Produktion zwischenzeitlich zum Erliegen bringen, sondern auch in der weiteren Wertschöpfungskette, beispielsweise in der Automobilindustrie, die Plastikteile benötigt, oder in der Landwirtschaft, die auf Dünger angewiesen ist. Am Ende könnten dadurch auch Arbeitsplätze verschwinden.

Anders sei dagegen die Situation bei der Raumwärme, wo sich Sterner für ein "persönliches Gasembargo" ausspricht: "Muss das Bad ganztägig auf 23 Grad beheizt werden oder alle anderen Räume auf 21 Grad? Dieser Hebel ist viel wirksamer, als Gas in der Industrie einzusparen." Auch ein Tempolimit nach dem Motto "120 für die Ukraine" sei sinnvoll.

In Deutschland seien wir außerdem in der glücklichen Lage, große unterirdische Gasspeicher zu besitzen, mit denen sich Gas aus Wind- und Solarstrom länger lagern lässt. Letztlich sei die Umstellung auf erneuerbare Energien im Zuge des Klimaschutzes ohnehin notwendig, betont Sterner. Damit könne die derzeitige Krise auch als Chance genutzt werden. "Nicht nur aus moralischer Sicht gegenüber der Ukraine, sondern auch aus Rück-Sicht auf die kommenden Generationen in der Voraus-Sicht gegenüber dem Klima. Das ist die Krise, die uns wesentlich länger begleitet und wesentlich mehr Ländereien rauben wird."

SMC/cdi

145 Kommentare

Tacitus vor 5 Wochen

Noch eine Ergänzung zum Thema Sanktionen bei russischem Öl oder Gas:
- Die Sanktionen werden am Kriegsverlauf nichts bewirken, ganz einfach, weil Russland für den Krieg keine Devisen braucht (zumindest für eine gewissen Zeit). Insbesondere werden sie nicht zur Beendigung des Krieges beitragen, sie schaden uns mehr als Russland.
- Bei dem Energiehunger weltweit werden sich andere Abnehmer finden, die bevölkerungsreichen Länder China, Indien, Indonesien stehen da bereit. Viel gefährlicher für uns ist, dass mit einer Allianz China, Indien, Russland geostrategisch etwas gegen den Westen entstehen würde.
- Soweit ich weiß, hat Russland weder seine vereinbarten Lieferungen berändert noch die Preise. Wir sollten in Sachen Energie aus Russland alles so laufen lassen und uns hier nicht von Selenskyi reinreden lassen. "Frieren gegen Putin" ist etwa so intelligent wie "Sich auf den Zaun hauen für den Frieden".

Für den CO2 Ausstoß werden die Sanktionen nicht bewirken

Anni22 vor 5 Wochen

Wie das Kind heißt ist völlig egal, wichtig ist, die Energie muss zu jeder Zeit im erforderlichen Maße bereitstehen. Und genau das liefern die Erneuerbaren bis her nicht.

Niemann vor 5 Wochen

Genau das ist des Pudels Kern. In Deutschland ist die Energieversorgung ein rein ideologisches Projekt, aber in anderen Länder real gelebte Praxis. Die Uranvorräte zur Stromerzeugung auf der Erde reichen unter Berücksichtigung des technologischen Fortschritts noch mindestens 10000 Jahre, die Kernfusionstechnik steht in den Startlöcher, beides sichert die Zwischentechnologie Wasserstoff (die viel Strom zur Herstellung braucht) welche die fossilen Brennstoffe ersetzen wird. Alles zusammen liefert eine sichere und bezahlbare Energieversorgung und rette die Umwelt und das Klima. Doch worin ist deutsche Politik regelrecht vernarrt? Das Land wird mit wetterabhängigen Windrädern und Solarflächen zuzupflastern, damit der Umwelt geschaden und die Lebensqualität wird schrittweise demoliert.