Varroamilbe auf einer Bienenlarve
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Lithiumchlorid Mit Zuckerwasser gegen das Bienensterben

Die winzige Varroamilbe ernährt sich vom Blut der Bienen und ihrer Brut. Die Viren, die sie dabei überträgt, sorgen dafür, dass ganze Bienenvölker aussterben. Bienen, die Lithiumchlorid im Blut haben, lassen die Milben sterben. Ist das Alkalisalz, vor allem bekannt aus der Depressionsbehandlung bei Menschen, die Rettung gegen das gefürchtete Bienensterben? MDR Wissen hat dazu zwei Experten befragt.

Varroamilbe auf einer Bienenlarve
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Jeden Winter behandeln Imker ihre Bienenvölker im Kampf gegen die Varroa-Milbe mit aggressiver Ameisensäure oder ätherischen Ölen. Das ist zwar effektiv, aber umstritten - wegen der Umweltbelastung und der Rückstände im Honig. Als Hoffnungsträger ist jetzt Lithiumchlorid im Gespräch - ein Alkalisalz, das als Wirkstoff zur Behandlung von Depressionen bekannt ist. In sehr geringer Konzentration tötet es die Varroa-Milbe, die unter anderem den für Bienen gefährlichen Krüppelflügel-Virus überträgt. Ein wissenschaftlicher Zufallsfund der Universität Hohnenheim: Eigentlich wollten Forscher dem Parasiten mit Gentechnik den Garaus machen, indem sie lebenswichtige Gene ausschalteten, damit die Milbe stirbt.

Was sind Varroa-Milben und was verursachen sie? Die Varroa-Milbe gilt als Hauptverursacher  für das Bienensterben im Winter. Die Milbe ernährt sich vom Blut der Bienen und ihr Nachwuchs wächst auf der Bienenbrut heran. Die nächste Generation schlüpft dann bereits geschwächt und hat dank Viren wie dem "Krüppelflügelvirus" verkrüppelte Flügel.

Bei den Versuchsreihen in Hohenheim zeigte sich, dass Lithiumchlorid, das als Hilfschemikalie verwendet worden war, den Milben nicht bekam. Die Forscher gingen diesem Zufallsfund in hunderten Versuchen nach: Erst in Kleinversuchen im Labor mit 50 Bienen und 20 Varroa-Milben, um die richtige Konzentration herauszufinden, später auch mit ganzen Bienenvölkern von 20.000 Bienen, wie Dr. Peter Rosenkranz erzählt:

Wir verfüttern den Bienen Zuckerwasser, in dem wir Lithiumchlorid auflösen und Lithiumchlorid erscheint dann im Bienenblut. Und die Varroa-Milbe, die ja an den Bienen Blut saugt, kommt in Kontakt mit diesem Lithiumchlorid und ist offensichtlich um ein Vielfaches empfindlicher als die Biene selbst. Das heißt, die Varroa-Milbe wird getötet und den Bienen macht es mehr oder weniger nichts aus.

Das kann nur in aufwändigen Tests herausgfunden werden, genauso, ob und welche Spuren das Lithiumchlorid in den Bienen - und möglicherweise auch - im Honig hinterlässt.

Woher kommt die Varroamilbe? Die Varromilben stammen aus Asien. Nachdem vor 200 Jahren Bienenvölker aus Europa nach Asien ausgeführt wurden, kamen sie Mitte des 20. Jahrhunderts zurück - mit den Varroamilben und ihren gefährlichen Viren. Inzwischen ist die Virenträgerin weltweit verbreitet - lediglich Australien gilt als varroafrei.

Bienenstock: Nur milbenfrei im Winter?

Imker bei der Arbeit: Wie aus der Honig aus dem Bienenstock in Honiggläser gelangt.
Honig- von der Wabe ins Glas. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zoologie-Professor Robert Paxton von der Universität Halle-Wittenberg weist im Gespräch mit MDR Wissen auf zwei Aspekte hin, die bei bei aller Hoffnung auf ein wirksames Medikament zu bedenken sind: Im Winter könnten die Bienenvölker mit Lithiumchlorid-Zuckerwasser gefüttert werden. Dann könnten Imker die Parasitenplage eindämmen - aber eben nur zeitweise. Im Sommer ploppt das Problem erneut auf, wenn die Bienen fressen, was sie wollen. Zudem sind die Milben in den Puppen nicht behandelbar.

Außerdem gibt es noch das Problem der "Abweichler" - bei 90 Prozent eines Schwarms gingen die Milben ein - aber was ist mit den übrigen zehn Prozent: Warum vertragen hier die Milben die Substanz oder entwickeln Resistenzen, oder lag es gar an den Bienen? Fragen, die noch unbeantwortet sind.

Wie geht es nun weiter?

Ob aus dem Zufallsfund der Wissenschaftler in Hohenheim tatsächlich einmal ein Medikament gegen das Bienensterben entwickelt wird, liegt nicht in ihren Händen. Für ein Tiermedikament-Zulassungsverfahren braucht es Zeit und Geld, das jemand in die Hand nehmen muss, um ein marktreifes Produkt zu entwickeln, sagt Dr. Rosenkranz: "Wir reden da von Millionen". Die Kosten beziehen sich jedoch auf das Verfahren an sich, nicht auf den Stoff, an dem sich gerade die Hoffnung entzündet: Das Alkalisalz an sich ist nicht teuer und weltweit in großen Mengen verfügbar.

Grosse Harzbiene bei der Nahrungsaufnahme auf Aster
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Aktualisierung:

Nachdem es offenbar großes Interesse an Lithiumchlorid gab, hat die Universität Hoffenheim eine zweite Mitteilung verfasst. Darin warnt sie vor der unkontrollierten Anwendung des Wirkstoffs. Dr. Rosenkranz betonte, dass die Ergebnisse zeigen, dass Lithiumchlorid ein hochwirksamer und vielversprechender neuen Wirkstoff zur Varroabekämpfung sei. Die beteiligten Wissenschaftler weisen aber ausdrücklich darauf hin, dass es sich hierbei noch nicht um ein anwendungsreifes und zugelassenes Tierarzneimittel handelt. Rosenkranz: "Bis zur Praxisreife und der zwingend notwendigen Zulassung als Varroabekämpfungsmittel sind weitere Untersuchungen erforderlich. ‚Selbstversuche‘ mit Lithiumchlorid an den eigenen Bienenvölkern wären zum jetzigen Zeitpunkt fahrlässig und stellen darüber hinaus einen klaren Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz dar."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Radio | 18. Januar 2018 | 12:22 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Februar 2018, 12:12 Uhr