Insektenzählen für Anfänger Sex auf dem Rhabarberblatt

Nach dem Vogelzählen jetzt also Insekten: vom 3. bis 12. August kann wieder, wer mag, Insekten-Inventur auf einem Stück Natur seiner Wahl machen. Der Naturschutzbund hat acht Insekten-Kernarten festgelegt, die man zählen soll: Steinhummel, Gemeine Florfliege, Admiral, Hainschwebfliege, Lederwanze, asiatischer Marienkäfer, Blutzikade, Tagpfauenauge. Klingt theoretisch ganz einfach. Und praktisch? Ein Selbsttest mit Kindern in einem kleinen Stadtgarten mit Kräuterspirale und Minigewässer.

Der Tag ist sonnig, es ist windstill, es ist 17:00 Uhr, Insekten, stillgestanden, jetzt wird durchgezählt! Der Miniteich am unteren Ende einer Kräuterspirale ist ein beliebter Treffpunkt für fliegende Gäste aller Art, "unten" am Wasser brummen normalerweise Wespen-und Stehfliegen, ein halber Höhenmeter weiter oben Bienen und Hummeln.

Eine Person sitzt auf dem Rasen inmitten eines Gartens und hält Ausschau. In den Händen hält sie einen Notizblock und Stift.
Bildrechte: Liane Watzel

Bienen, Hummeln, Wespen - fliegen schneller als wir zählen können

eine Biene im Anflug auf die Blüten einer Pflanze.
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Auf die Honigmacher ist Verlass, es summt geschäftig, 17, nein 18, 19 Bienen zeitgleich, in verschiedenen Streifungen - fotografieren ist schwierig, die Biester tauchen so emsig ab hinter Blüten, wie sie arbeiten. Na gut, was tut sich unten am Teich? Wespen ja, aber die sollen wir nicht zählen. Sie trinken hier oft, vier, fünf Stück gleichzeitig, die Gemeine Florfliege, die der Nabu zählen will, glänzt durch Abwesenheit. Die blaue Libelle, die hier kürzlich an einem Halm am Wasser Rast machte, hat vermutlich die Amsel geholt; auch die ungewöhnlich langgliedrige Wespe zählt heute auch nicht für die Zählung.

Florfliege? Fehlanzeige!

Rosen mit Käfer.
Bildrechte: Liane Watzel

Unsere uralten Rosensträucher indessen sind mehr als belebt - auf den noch geschlossenen Knospen wimmeln winzige grüne Läuse, in den Blüten kleine schwarze Käfer. Wen man so alles trifft bei so einer Insektenzählung. "Wieder ein Schmetterling", hüpft der Achtjährige los. - Wo?- Schon wieder weg, über den Haselstrauch, bevor ich ihn als Admiral oder Tagpfauenauge identifizieren kann. Danke, guten Flug. Zurück zu den Läusen - kein Feind in Sicht. Florfliegen fressen als Larven Blattläuse, bis zu 500 Stück, während sie heranreifen, als adulte Tiere dann Pollen, Nektar, Honigtau. Bisher hatten wir sie weder im einen, noch im anderen Stadium vermisst- aber ein Blick auf die Rosen verrät, wie sehr sie fehlen und dass unser Garten ökologisch offenbar aus dem Gleichgewicht ist. Auch ein Blick auf die Unterseite der Kapuzinerkresse zeigt das gleiche Bild, Läuse - ja, Florfliege - nein.

Sex auf dem Rhabarberblatt

Zwei Lederwanzen auf einem Blatt.
Bildrechte: Liane Watzel

"Komm schnell hierher", befiehlt der achtjährige Mitzähler aufgeregt, "Hier sitzt was Interessantes!" Aha - drei Lederwanzen auf dem Rhabarber. "Kann ich die aufschreiben?" Ja, unbedingt. Schön, dass sie nur auf dem Rhabarber sitzen und deren Saft absaugen, statt auf den Himbeeren, die mögen wir ohnehin lieber. Und kurz darauf, während ich einen Herbstlaubhaufen in einer Ecke beobachte, verkündet der Jungforscher: "Oh, hier, ein Schmetterling, guck mal!" - "Wo? Wie sah der aus?"- "Was weiß ich, Du bist zu spät, du musst schneller gucken", schimpft der Nachwuchsforscher und will wissen: "Kann ich trotzdem Schmetterling notieren?" "Jedes Insekt zählt" schreibt der Nabu auf seiner Homepage zum Insektensommer, also alles aufschreiben. Geht auch mit einer App, aber wenn ich das Handy zücke, hat der 8-Jährige anderes im Sinn.

Ein Heupferd sitzt auf der Spitze einer Pflanze.
Bildrechte: Liane Watzel

Auf dem trockenen Boden unter dem Apfelbaum sitzt unscheinbar ein kleiner Grashüpfer. Im Apfelbaum spinnt sich eine einzelne Raupe ein, vor ein paar Wochen waren sie zu fünft. Die übrigen haben vermutlich Vögel oder Wespen verspeist. Sollen wir heute aber auch nicht zählen. Auf dem heranwachsenden Busch der Herbstaster - noch ein Grashüpfer, unauffällige Färbung, größer und geduldiger, lässt sich fotografieren, hüpft dann einen Meter hoch und weit. "Noch mal", befiehlt die Dreijährige, die sich zu uns gesellt hat und immer auf der Suche nach Feuerwanzen ist, weil man so schön mit denen spielen kann. Aber ausgerechnet heute lässt sich keine einzige blicken; vielleicht haben die roten Blutzikaden, von denen es hier sonst wimmelt, gelernt, dass man Dreijährige meiden muss. Oder sie haben einen anderen Aktivzyklus.

In unserem Trockengebiet, - eine Ecke, die wir nie gießen - sichte ich indessen Löcher im Boden. Haben sich hier vielleicht Sandbienen angesiedelt? Nein, es kommen bloß Ameisen raus. Die sollen wir heute auch nicht zählen.

Ein Loch im Erdboden.
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Ohrenkneifer Schneckenhaus.
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Inzwischen ist es 17:45 Uhr, der Jungforscher hat keine Lust mehr und kontrolliert noch mal das Rhabarberblatt: "Die Lederwanzen machen immer noch Sex" verkündet er. Ich lauere hier und da in den verwilderten Ecken unseres Stückchens Natur, eine kleine graue Motte oder ein Schmetterling fliegt mir so schnell ins Gesicht, wie er zurück ins Gestrüpp flattert, dass ich nicht sehe, um welche Art es sich handelt. Ich frage mich, ob ich mich über die gestreiften Schneckenhäuser unter dem Rhododendronstrauch freuen oder ärgern soll, sichte einen Ohrenkneifer in einem gelben Schneckenhaus, vereinzelt kleine rote Käfer, ein paar langbeinige Spinnen, die so gut getarnt sind, dass man sie erst auf den zweiten Blick erkennt - und die Stunde ist herum.

Bilanz: Der Garten lebt, allerdings anders als erhofft

Eine Fliege sitzt auf einem Ast in einem Himbeerstrauch.
Bildrechte: Liane Watzel

Ziemlich magere Ausbeute, und das Keckern der Elster und der Gesang eines gut versteckten Vogels könnte man glatt als Vorwurf interpretieren. Was läuft falsch in unserem Garten? Wo liegt der Kothaufen oder faulendes Zeug, das uns so viele - fünf auf einmal, Höchstzahl - Goldfliegen beschert? Den Geruch von faulendem Fleisch riechen sie sogar über mehrere Kilometer hinweg. Und wie bei fast allem in der Natur hat jedes Ding seinen Nutzen - die Maden der Goldfliegen wurden früher sogar zur Wundheilung bei menschlichen Wunden eingesetzt. - Oder haben wir zur falschen Zeit gezählt? Ist es nur die sonnengwärmte, windstille Wand, die die dicken Brummer anlockt? Und überhaupt - muss man sich nicht generell über jedes Insekt freuen, das man sichtet? Egal, ob sie Rosenknospen abfressen, auf Himbeeren lauern oder sich im Apfelbaum verpuppen?

Muss man Mücken missen?

Während ich am Abend Bilanz ziehe, draußen am Tisch, bei leichtem Wind, mit schlechtem Gewissen Mücken nicht vermisse, wohlwissend, dass jedes Insekt wichtig fürs ökologische Gleichgewicht und die natürlichen Nahrungsketten sind, da taumelt mir ein dickes Etwas brummend ans Ohr. Einer der Maikäfer, die wir an lauen Abenden jetzt schon mehrfach gesichtet haben. Einfangen lassen die sich nicht, denn so unbeholfen taumelig sie auch fliegen, sie sind genau wie die Natur: Am Ende dem Menschen immer ein Stück voraus.  

Dieses Thema im Programm: MDR WISSEN | 01. Juni 2018 | 19:00 Uhr