Wie wird der CO2-Preis gerecht? Der CO2-Preis ist heiß – aber auch fair?

Wir müssen teurer machen, was uns schadet – und dazu zählt all das, was mit CO2-Emissionen verbunden ist und die Klimakrise anheizt. Dieser Grundgedanke steckt hinter der Bepreisung von Kohlenstoffdioxid. Seit Anfang des Jahres haben wir in Deutschland einen CO2-Preis für Brennstoffe im Heizbereich und im Verkehr: An der Zapfsäule, auf der Gasrechnung und im Geldbeutel können wir diesen Preis sehen. 25 Euro kostet die Tonne CO2. Ist das auch gerecht?

Ausschnitt einer Zapfsäude mit drei Zapfhähnen in rot, hellblau un dunkelblau
Vielleicht wird Sprit in Zukunft nicht nur in Euro bezahlt – sondern auch in ECO. Bildrechte: IMAGO / Michael Gstettenbauer

Zukunftsmodell CO2-Währung?

In Zukunft könnten unsere Einkäufe im Supermarkt so aussehen: Neben dem Preis in Euro weisen alle Produkte auch einen Preis für die CO2-Emissionen aus. Das Kilo Schnitzel, das Flächen und Energie für Tier-Aufzucht, Schlachtung und Verarbeitung benötigt, wird dabei deutlich teurer als der saisonale Bio-Apfel, der weniger Emissionen erzeugt. Bezahlen können wir unseren Einkaufskorb übrigens in Euro und der Co2-Währung ECO, die wir als Grundeinkommen monatlich vom Staat bekommen – die Menge der ECOs ist begrenzt, alle bekommen gleich viele ECOs und wenn wir weniger verbrauchen, können wir die ECOs in Euro tauschen. Dieses Modell soll ein emissionsarmes, nachhaltiges und gerechtes Wirtschaftssystem fördern.

Klingt nach einer Utopie? Nicht, wenn es nach dem deutschen Verein Save Climate Earth geht. Jens und Angela Hanson verfolgen seit Jahren die Idee einer umfassenden CO2-Bepreisung: "Das könnten wir mit dem ECO gewährleisten, weil der wirklich alles abbildet, was entlang der kompletten Wertschöpfungskette an CO2 produziert wird. Das wird als separates Emissionspreisschild auf allen Waren und Dienstleistungen abgebildet", erzählt Angela Hanson. Der Vorteil dieses Systems sei, dass es den Verbraucherinnen und Verbrauchern komplette Transparenz über die CO2-Emissionen ermöglichen würde: "Damit können wir als Verbraucher:innen direkt auf einen Blick erkennen: Welches ist denn jetzt das klimaschädlichere Produkt? Ich bin ja momentan überhaupt nicht in der Lage, so etwas beurteilen zu können", meint Hanson.

Wenn unser Emissionsbudget begrenzt ist, setzen sich emissionsarme Produkte durch, so der Grundgedanke des Vereins. Auch wenn die Umsetzung des ECOs von kompletter Transparenz der Emissionen und von einem starken politischen Willen abhängig ist: Die Bausteine existieren bereits. Kenntnisse über die Emissionen einzelner Produkte werden erforscht, Grundeinkommen in manchen Ländern getestet, CO2-Preise in der EU und Deutschland in einigen Lebensbereichen erhoben: Seit Anfang des Jahres kostet die Tonne CO2 für Brennstoffe in Deutschland 25 Euro. Das verteuert Heizöl, Erdgas, Benzin und Diesel um einige Cent pro Liter oder Kilowattstunde. Bis Ende 2025 soll der Preis auf 55 Euro pro Tonne steigen. Thorsten Lenck von der Denkfabrik Agora Energiewende beschreibt die aktuellen Effekte des CO2-Preises: "Es wird erwartet, dass wir darüber in diesem Jahr 2021 etwas mehr als sieben Milliarden Euro Einnahmen generieren. Der CO2-Preis ist noch zu gering, um hier für die klimaschonenden Technologien wirklich wirtschaftliche Vorteile zu generieren ."

CO2-Preis: Zu niedrig und trotzdem sozial ungerecht

Berechnungen des Umweltbundesamtes zeigen, dass der Preis 180 Euro pro Tonne betragen müsste, um die Klimaschäden komplett auszugleichen und Anreize für saubere Technologien zu schaffen. Allerdings zeige sich schon jetzt bei 25 Euro eine soziale Schieflage, erklärt Ulrike Stein, Ökonomin von der Hans-Böckler-Stiftung: "Wenn man sich die sozialen Effekte von dieser CO2-Bepreisung anschaut, dann muss man sehen, dass das natürlich zu Belastungen führt. Es zeigt sich, dass die CO2-Bepreisung regressiv wirkt: Das heißt je niedriger das Einkommen ist, desto größer ist auch die anteilige Belastung im Verhältnis zum Haushaltsnettoeinkommen. Daher ist so eine CO2-Bepreisung ohne sozialen Ausgleich nicht gerecht." Das hängt vor allem damit zusammen, dass ärmere Haushalte verhältnismäßig große Teile ihres Einkommens für Heizkosten oder Mobilität ausgeben. Zwar übernimmt der Staat bereits einen Teil der Heizkosten, trotzdem seien einkommensschwache Haushalte noch immer stärker belastet als reichere Haushalte.

Lösung? Strompreis senken, Klimadividende einführen

Eine Idee zum Ausgleich dieser Mehrausgaben ist es, den Strompreis zu senken: Die künftige Bundesregierung will laut Sondierungspapier mit den Einnahmen aus dem CO2-Preis die EEG-Umlage komplett streichen – also die Kosten, die jeder Haushalt bezahlt, um den Ausbau der Erneuerbaren zu fördern. So werden die Menschen zwar an der Zapfsäule und beim Heizen belastet, beim Strompreis aber entlastet. Die Abschaffung der EEG-Umlage wird von vielen Seiten begrüßt. Daneben kursiert noch eine andere Idee, die die CO2-Bepreisung sozial gerecht gestalten würde – die Klimadividende: Dabei werden die Einnahmen der CO2-Bepreisung komplett an jede Bürgerin und jeden Bürger zurückverteilt, in Form einer monatlichen Dividende: "Eine sehr wichtige Dimension der Gerechtigkeit ist, dass diese Klimadividende arme Haushalte stärker entlastet als es die reicheren Haushalte entlastet. Das heißt: Arme Haushalte bekommen mit der Klimadividende am Ende des Tages sogar Geld zurück. Netto gewinnen sie durch die Auszahlung der Klimadividende mit CO2-Preisen", erklärt die Ökonomin Christina Roolfs vom Berliner Klimaforschungsinstitut MCC.

Die Klimadividende gilt bei der Agora Energiewende, der Hans-Böckler Stiftung und dem MCC Berlin als wirkungsvolle Maßnahme. Sie würde mit einem steigenden CO2-Preis auch ansteigen und in den nächsten Jahren zu noch stärkeren Entlastungen führen können. Außerdem erfüllt sie noch einen weiteren Zweck: Sie ist ein sichtbares Zeichen, wie der Klimaschutz durch CO2-Preise und finanzielle Entlastung durch umweltfreundliches Verhalten Hand in Hand gehen können.

So könnte die Verbindung des CO2-Preises mit einer Klimadividende die emissionsarme Lebens- und Wirtschaftsweise vorantreiben und die aktuell herrschende Ungleichheit verringern. Denn laut der NGO Oxfam tragen reiche Menschen durch ihren Lebensstil deutlich mehr zur Umweltverschmutzung  bei – sie müssten bei höheren Emissionskosten tiefer ins Portemonnaie greifen. Auch die CO2-Währung ECO basiert auf einem individuellen Klimabudget: Der Verein Save Climate Earth versucht gerade mit einer EU-weiten Petition sein Konzept auf die Tagesordnung des Europaparlaments zu bringen. Wer weiß: vielleicht haben wir in einigen Jahren neben dem Euro noch eine Währung für CO2-Emissionen im Geldbeutel.

Quellen

Klimaschutz mit mehr sozialer Gerechtigkeit – ein Paper des Mercator Research Institutes on Global Commons and Climate Change (MCC Berlin) über den CO2-Preis. Auch die Hans-Böckler-Stiftung hat sich mit sozialen Ausgleichsmechanismen für die höhere Bepreisung von Kohlenstoffdioxid-Emissionen auseinandergesetzt: "Wirtschaftliche Instrumente für eine klima- und sozialverträgliche CO2-Bepreisung" (2019).