Daten, Daten, Daten Viel Lärm um uns herum

Wie viele Menschen sind von hohen Geräuschpegeln betroffen? Das versucht die europäische Lärmkartierung alle fünf Jahre zu zeigen. Einen Überblick finden Sie hier. Außerdem geht es um den Preis des Lärms.

Fernsehturm und Siegessäule in Berlin
Bildrechte: MDR/Max Heeke

Lärm hat zahlreiche negative Effekte, er kann Kommunikation und Schlaf stören. Ist man ihm über lange Zeiträume ausgesetzt, kann er sogar krank machen. 2002 beschloss die EU eine Richtlinie über Umgebungslärm, um den störenden Geräuschen den Kampf anzusagen. Besonders im Fokus: Lärm durch Verkehr. Seither sind die (noch) 28 Mitgliedsstaaten aufgerufen alle fünf Jahre so genannte Strategische Lärmkarten zu erstellen. Diese Karten zeigen, welche Lärmpegel durch die verschiedenen Verkehrsarten verursacht werden und wie viele Menschen ungefähr davon betroffen sind. 2017 fand die aktuelle Lärmkartierung statt. Noch nicht alle Daten sind öffentlich einsehbar. Die europäische Umweltbehörde ging bei ihrem letztem Bericht davon aus, dass etwa 125 Millionen Menschen in Europa täglich von Schallpegeln über 55 dB betroffen sind, nur durch Straßenverkehr. Diese Lautstärke kann die Kommunikation stören und Stress erzeugen. 37 Millionen Menschen sind sogar Pegeln von über 65 Dezibel ausgesetzt. Dauerhaft können Werte über 65 dB am Tag Herz-Kreislauferkrankungen begünstigen.

Stille Nacht?

In diesem Artikel liegt der Fokus auf den nächtlichen Schallpegeln. Nachts sind Menschen besonders sensibel gegenüber Schallpegeln und empfindlicher für Lärmeinwirkungen. Hier liegen die Auslösewerte für erhöhte gesundheitliche Risiken bei 55 Dezibel, das entspricht der Lautstärke eines normalen Gesprächs.

Die erste Grafik zeigt die nächtlichen Belastetenzahlen in Deutschland für die Lärmkartierung von 2012, die vom Umweltbundesamt zusammengefasst wurden.

Straßenverkehr ist eindeutig die Hauptlärmquelle in Deutschland. Auch Schienenverkehr belastet fast zwei Millionen Menschen. Fluglärm ist zahlenmäßig zwar ein deutlich geringeres Problem, Studien zeigen aber: Menschen fühlen sich durch Fluglärm eher gestört als durch andere Lärmarten und werden auch eher krank.

Stadt, Land, Lärm

Wie viele Menschen sind in den deutschen Bundesländern vom Straßenverkehr belastet? Bei den Umweltbehörden der Bundesländer wurden die aktuellen Daten von 2017 erhoben. Für Baden-Württemberg, Bayern, NRW, Niedersachsen und das Saarland sind noch keine aktuellen Daten vorhanden, daher wurden die Angaben der Lärmkartierung von 2012 verwendet.

Lärm von der Straße scheint in besonderer Weise ein Problem zu sein, das in Ballungsräumen auftritt: Menschen in Hamburg, Bremen und vor allem in Berlin sind deutlich eher von Lärmpegeln betroffen als Einwohner Sachsen-Anhalts oder Mecklenburg-Vorpommerns. Was sagen die Zahlen für die größten Städte Sachsens, Sachsen-Anhalts und Thüringens?

Auch der Schienenverkehr sorgt in Deutschland für große Belastung. Doch die Zahlen scheinen im Vergleich zur letzten europaweiten Kartierung gesunken zu sein. Waren es 2012 noch knapp 1,9 Millionen sind es fünf Jahre später 1,7 Millionen. Die Daten werden vom Eisenbahnbundesamt erhoben.

Welchen Lärm machen Autos, Bahnen und Flugzeuge in der Nachbarschaft? Wurde Ihre Nachbarschaft überhaupt kartiert? Das können Sie auf der interaktiven Lärmkarte des Umweltbundesamtes herausfinden.

Das Problem mit den Zahlen

Die Zahlen liefern Hinweise auf die tatsächlichen Lärmbelastungen in deutschen Städten und Bundesländern. In Ihrer Bedeutung haben sie allerdings Grenzen: Die europäische Lärmkartierung zeigt die Pegelwerte nur für bestimmte Straßen (Verkehrsaufkommen liegt über 3 Millionen Pkw pro Jahr) und Schienenwege (Verkehrsaufkommen liegt über 30.000 Zügen pro Jahr) und nur für Flughäfen mit mehr als 50.000 Flugbewegungen pro Jahr. In Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern werden alle drei Verkehrsarten kartiert. Allerdings kann jede Stadt selbst entscheiden, welchen Maßstab sie anlegt, ob sie sich ausschließlich an die vorgegebenen Maßstäbe hält oder darüber hinausgehend Straßen, Schienen oder Flugbewegungen (mit geringerem Verkehrsaufkommen) kartiert. Das macht einen Vergleich der Belastetenzahlen in den Städten schwierig. Generell werden sehr viele Verkehrswege und Lärmquellen ausgeschlossen. Laut dem Umweltbundesamt (UBA) wurden bei der Lärmkartierung 2012 die Schallpegel an Straßen in etwa 6.000 von 11.000 Gemeinden kartiert – etwas mehr als die Hälfte also.

Außerdem ist Lärm ein subjektives Phänomen: Mittelungspegel wie >55 dB oder >65 dB sagen noch nichts darüber aus, ob sich eine Person wirklich gestört fühlt. Lärm ist ein objektives und subjektives Phänomen. Man muss die Leute fragen, ob sie der Geräuschpegel wirklich stört.

Mittelungspegel Die so genannten Mittelungspegel beschreiben die geschätzten und durchschnittlichen Geräuschpegel für den Zeitraum eines Jahres. Verkehrsarten wie Flugzeuge und Bahnen haben sehr hohe Spitzenpegel, treten aber nur alle paar Minuten auf - etwa dann, wenn gerade ein Flugzeug vorbeifliegt. Beim Autoverkehr dagegen hat man in der Regel einen konstanten Pegel. Der Mittelungspegel gleicht die Spitzen aus.

Aktionen gegen Lärm

Die europäische Richtlinie gegen Lärm sieht neben den Karten noch Aktionspläne vor. Gemeinden, Ballungsräume und Länder müssen in den Zonen, in denen es besonders laut ist, Maßnahmen gegen Lärm treffen. Entweder sie bauen Schallschutzmauern, sie leiten den Verkehr um, oder sie führen Tempo 30 Zonen ein. Um das Problem mit dem Lärm zu lösen, muss vor allem in der Städte- und Wegeplanung umgedacht werden, erklärt René Weinandy, Leiter der Fachabteilung "Lärmminderung im Verkehr" am Umweltbundesamt: "Ein ganz wesentlicher Punkt aus unserer Sicht ist, bei der Planung bereits das Lärmthema mit zu berücksichtigen. Also sie können durch die Art, wie gebaut wird, wie neue Straßen gebaut werden, durch die Art der Straßenführung immer daran denken, dass Lärm auch immer entstehen kann. Ein weiterer Punkt ist aus unserer Sicht, frühzeitig die Bevölkerung einzubinden. Das heißt bei Infrastrukturprojekten in ihrer Region die Bevölkerung mit einzubinden, damit das Wissen der Bevölkerung auch genutzt werden kann, weil da, wo sie leben, kennen sie die Situation am besten und können am ehesten auch Vorschläge unterbreiten wie der Lärm zu mindern ist".

Die Bevölkerung einbinden. Das sieht auch die europäische Richtlinie vor. Nachdem die Lärmkarten veröffentlicht wurden, soll die Bevölkerung mehrere Monate lang die Möglichkeit bekommen, den Behörden Vorschläge gegen Lärm einzureichen. Es gibt viele Initiativen, die diesen Zeitraum für gemeinsame Aktionen nutzen. Der Kampf gegen Lärm ist allerdings ein zähes Unterfangen:

Eine mögliche Lösung des Lärmproblems kann nur sehr langfristig erreicht werden. Da müssen wir die Stadtplanung berücksichtigen, da müssen wir die Raumordnung berücksichtigen, da müssen wir technische Lösungen nutzen, wir müssen sehr viel mehr Geld investieren in lärmarme Technik.

René Weinandy Lärmexperte im Umweltbundesamt Dessau-Roßlau

Über dieses Thema berichtet MDR Kultur auch im Radio. : MDR Kultur | 25.04.2018 | 06:15 Uhr