Welt-Asteroidentag Wie die ESA unseren Planeten verteidigen will

Am 30. Juni ist Welt-Asteroiden-Tag. Der Tag erinnert an ein Ereignis in Sibirien, das bis heute nicht ein-eindeutig erklärt werden kann. Am 30. Juni 1908, also vor 111 Jahren wurden in der Taiga in der Nähe des Flusses Tunguska sämtliche Bäume auf einer Fläche so groß wie das Saarland umgeknickt. Als wahrscheinlich gilt ein Asteroiden-Einschlag, der die Kraft vieler Atombomben hatte. Könnten wir so ein Ereignis heute verhindern?

von Karsten Möbius

Asteroid fliegt durchs All 5 min
Bildrechte: NASA's Goddard Space Flight Center Conceptual Image Lab

Die Menschheit wird nicht nur durch Klimawandel und Ressourcenverbrauch bedroht. Die Gefahr könnte auch aus dem All kommen - von Asteroiden.

MDR AKTUELL Mo 01.07.2019 14:50Uhr 04:40 min

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Jedes Mal, wenn es Nacht wird, wenn das Universum sichtbar wird, beginnt die Suche. Der Blick geht in die Tiefen unseres Sonnensystems mit nur einem Ziel: Asteroiden finden, deren Bahn den Kurs der Erde kreuzen. 20.300 solcher Objekte, die der Erde gefährlich werden könnten, sind zur Zeit katalogisiert. Doch sie bilden nur einen Bruchteil der Gefahr. Jedes Jahr entdecken Wissenschaftler etwa 2.000 neue Gesteinsbrocken, die uns sehr nahe kommen. Oder auf die Erde rasen. Mit 20 bis 30 Kilometer pro Sekunde sind sie um ein vielfaches schneller als eine Gewehrkugel.

Man schätzt, dass der Asteroid, der am Aussterben der Landdinosaurier schuld war, eine Größe von zehn  Kilometern hatte. So ein Ereignis würde uns heute nicht mehr unvorbereitet treffen, beruhigt Rüdiger Jehn der Chef der Planetenverteidigung der Europäischen Weltraumagentur ESA:

Ein Mann schaut in die Kamera, hinter ihm eine Tafel mit Formeln.
Bildrechte: ESA

Die haben wir alle im Blick. Da droht wenig Gefahr. Aber es gibt 40.000 Objekte größer als hundert Meter, die in die Nähe der Erde kommen und da haben wir ja nur 20 Prozent entdeckt und die gilt es eben aufzuspüren.

Rüdiger Jehn, ESA

40.000 Objekte größer als 100 Meter: Wenn so ein Brocken uns treffen würde, wären die Folgen verheerend. Physiker schätzen die Größe des Tunguska-Meteoriten auf etwa 40 Meter, obwohl man nie irgendwelche Teile fand.

Tägliches "Bombardement"

Gesteinsbrocken aus dem All gehen jeden Tag auf die Erde nieder - etwa 100 kg prasseln jeden Tag, ohne dass wir es merken, auf uns herab. Fast alles verglüht in der Atmosphäre. Vor kurzem stürzte ein Asteroid über Costa Rica auf die Erde - die Vorwarnzeit waren nur 13 Stunden, sagt Rüdiger Jehn:

Der war vier Meter groß. Den hat man 13 Stunden vorher gesehen. Aber wenn der 20 Meter groß ist, dann hat man bestimmt 24 Stunden Warnzeit.

Rüdiger Jehn

Warnzeit bedeutet, Zeit in Keller zu verschwinden, alle Rollos runter und alles anbinden, was nicht fest angebracht ist. Denn eine Asteroiden-Explosion oder ein Einschlag ist wie ein Tornado, schildert Rüdiger Jehn, der Planten-Verteidiger der ESA. Bei den richtig großen Brocken würde nicht einmal das etwas nützen, da wäre die Einschlagsenergie so groß, dass Gebiete so groß wie Thüringen komplett platt gemacht werden würden. Allerdings würde man sie auch viel früher ausmachen und dann die Ärmel hochkrempeln.

Und da gibt 's die Strategie sie abzulenken.

Rüdiger Jehn

Dafür muss man sie aber Jahre vorher entdecken, so Jehn, und kann dann dorthin fliegen, einen Satelliten dort reinrammen und die Bahn leicht verändern, um ihn vom Kollisionskurs abzubringen.

Asteroid, Meteoroid, Meteor, Meteoroit Was ist was? Ein Asteroid ist ein kleiner astronomischer Körper, der sogar mehrere Kilometer Durchmesser haben kann. Meteoroiden sind viel kleiner und kreuzen regelmäßig die Bahn der Erde. Dann werden sie gelegentlich zu Meteoren, den Sternschnuppen. Wenn dann von ihnen noch etwas übrig ist, finden wir es auf der Erde als Meteorit.

Dieses Szenario, das eher nach Kino und Fiction klingt, ist gar nicht mehr so unwahrscheinlich. Die NASA bereitet eine solche Mission bereits vor, weiß Rüdiger Jehn:

Die Amerikaner fliegen 2022 zum Asteroiden Didimos. Dort wollen sie mit ihrer Sonde einschlagen. Und wir Europäer wollen hinterherfliegen, wollen den Krater vermessen und wollen gucken, ob unsere Technologie schon so weit fortgeschritten ist, dass wir in der Lage sind, schon einen Asteroiden abzulenken.

Rüdiger Jehn

Jehn sagt, man sei relativ schnell in der Lage so eine Mission loszuschicken, um einen Asteroiden abzulenken. Schnell heißt in der Raumfahrt allerdings: innerhalb von zwei Jahren. Wenn so ein großer Asteroid lange vorher gesichtet würde, könnte dieses Zeitfenster sogar reichen. Man könnte auch berechnen - mit kleinen Abweichungen -, wo der Brocken runter kommt. Die Frage ist: Würden die Russen oder die Amerikaner helfen, wenn zum Beispiel Zentral-Europa als Einschlagsort berechnet wird? "Da gibt es noch keine verbindlichen Verabredungen, dass die Amerikaner einschreiten müssen", sagt Jehn. Er glaubt aber, dass es dann vermutlich eine Frage des Preises wird.

Ich denke, wenn Trump dann noch an der Regierung ist, der würde Geld verlangen dafür. Aber mit Sicherheit würden die Amerikaner helfen und eine Sonde zum Ablenken hinschicken. Die haben schon konkrete Arbeitsgruppen, die das diskutieren und Kooperationen ausarbeiten.

Rüdiger Jehn

Aber wie wahrscheinlich ist so ein Szenario, dass wieder mal ein großer Asteroid die Umlaufbahn der Erde kreuzt? Ist das so wie ein 5-er im Lotto, eins zu eine Million? Die Antwort von Jehn ist klar: Die Wahrscheinlichkeit ist 100 Prozent. Denn auch jetzt gehen permanent kosmische Brocken auf uns nieder. Die Frage ist nur, wann uns wieder ein großer trifft:

Sternschnuppen sind kleine Staubteilchen, die jede Nacht kommen. Diese Feuerbälle wie jetzt in Puerto Rico war vielleicht ein 50 cm großer Brocken, die kommen ständig. Die sind keine Gefahr und so eine Sache wie in Tscheljabinsk, die kommen alle 30 Jahre vor und Tunguska, der war 40 Meter groß. Die kommen alle 300 Jahre. Es ist also nicht die Frage, ob wir getroffen werden, sondern die Frage, wann und wie groß. Und darauf müssen wir uns einstellen und vorbereitet sein.

Rüdiger Jehn

Ein heller Fleck auf einer dunklen Karte der Karibik
Am 26. Juni 2019 verglühte über der Karibik ein Gesteinsbrocken. Wettersatelliten konnten den Aufprall - hier ein heller Fleck - beobachten. Bildrechte: NASA-RAMMB

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 30. Juni 2019 | 09:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Juli 2019, 09:31 Uhr