Eine undatierte künstlerische Darstellung zeigt einen Disoaurier Archaeopteryx im Flug.
So hat der Urvogel Archaeopteryx wahrscheinlich ausgesehen. Bildrechte: dpa

Kein passiver Gleiter Urvogel Archaeopteryx konnte fliegen

Das erste vermeintliche Fossil seiner Art wurde vor 150 Jahren in einem Steinbruch bei Solnhofen in Bayern entdeckt und seitdem rätseln Experten: Konnte der gefiederte Urvogel Archaeopteryx fliegen? Nach einem tiefen Blick in seine Knochen sagen Forscher: Ja, er konnte.

Eine undatierte künstlerische Darstellung zeigt einen Disoaurier Archaeopteryx im Flug.
So hat der Urvogel Archaeopteryx wahrscheinlich ausgesehen. Bildrechte: dpa

Der Archaeopteryx war Dinosaurier und Vogel in einem: Der Urvogel hatte zum einen Federn und Flügel, aber zum anderen auch Zähne und eine lange Schwanzwirbelsäule. Er muss in etwa so groß gewesen sein wie eine Elster, sagen Forscher. Doch ob er auch fliegen konnte wie unsere Vögel heute, war unter den Experten lange Zeit umstritten. Es ist eine ganze Reihe an Theorien aufgestellt worden: Die einen meinten, er könnte sein Federkleid für die Balz und zum Schutz vor Kälte gebraucht haben. Fortbewegt habe sich der Urvogel demnach eher hüpfend - geflogen sei er jedenfalls maximal passiv, indem er sich von Bäumen gleiten ließ. Wieder andere vermuteten, dass er zumindest in Grundzügen aktiv flugfähig war.

Ein internationales Forscherteam hat das Rätsel nun gelöst: Der Archaeopteryx konnte fliegen. Er erhob sich durch aktives Flügelschlagen in die Luft und konnte so vor Feinden fliehen oder über Hindernisse hinwegflattern. Allerdings sah das wohl etwas anders aus als bei modernen Vögeln: Er nutzte offenbar eine etwas andere Flugtechnik, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Publikation im Fachmagazin "Nature Communications".

Knochen im Computertomographen

Urvogel Archaeopteryx
Eines der erhaltenen Archaeopteryx-Sekelette Bildrechte: dpa

Um die Frage nach der Flugfähigkeit des Archaeopteryx zu klären, musssten die Forscher die fossilen Überreste seiner Knochen untersuchen. Das Problem dabei: Die Skelette sind sehr kostbar und dürfen bei den Untersuchungen nicht zerstört werden. Deshalb hat das Team sie nach Grenoble gebracht, um sie mithilfe eines hochauflösenden Computertomographen zu untersuchen. Die Wissenschaftler um Dennis Voeten von Palacký Universität Olomouc durchleuchteten die Fossilien von drei Archaeopteryx-Exemplaren in der Großforschungseinrichtung European Synchrotron Radiation Facility (ESRF) mit einer speziellen Tomographie-Methode. So konnten sie zerstörungsfrei den inneren Aufbau der Knochen untersuchen.

Das Besondere an dieser speziellen Technik ist, dass das Objekt während der Aufnahme rotiert, erklärt Martin Röper, Leiter des Bürgermeister-Müller-Museums im bayrischen Solnhofen, der an der Studie beteiligt war. Dadurch würden die Knochen von allen Seiten beleuchtet, so dass die Aufnahmen dann am Rechner zu Längs-und Querschnitten zusammengesetzt werden können. Sogar die Darstellung schräger Schnitte sei so möglich.

Die Gelegenheitsflieger

Mithilfe der Computertomographie fanden die Forscher heraus, dass die Flügelknochen des Archaeopteryx mit denen moderner Vögel im Querschnitt vergleichbar sind. "Wir sahen sofort, dass die Knochenwände bei Archaeopteryx viel dünner waren als die von am Boden lebenden Dinosauriern, aber sehr denen von konventionellen Vögeln ähnelten", erläutert Voeten vom Institut für Zoologie und Ornithologie der Palacký Universität im tschechischen Olomouc.

Datenanalysen zeigten weiter, dass die Archaeopteryx-Knochen am ehesten denen von Vögeln wie Fasanen glichen, die gelegentlich durch aktiven Flug Hürden überwinden oder Feinden entwischen, aber nicht solchen Vögeln, die lange Zeit durch die Luft segeln oder gleiten wie viele Raubvögel oder einige Seevögel.

Dennis Voeten, Palacký Universität Olomouc
Fossil in einem Stein des elften Exemplars des Urvogels Archaeopteryx.
Das zuletzt entdeckte, elfte Exemplar des Urvogels Archaeopteryx. Bildrechte: O. Rauhut, LMU/SNSB

Vermutlich hat der Urvogel so nicht nur vor Feinden flüchten, sondern etwa auch von Insel zu Insel fliegen können, meint Paläontologe Röper aus Solnhofen. Nachdem die Ergebnisse der Forschungsgruppe die Diskussion um die Flugfähigkeit der Tiere nun beenden dürfte, so Röper, wird die Forschung sich künftig auf den Flugstil der Urvögel konzentrieren.

Denn der war unter anderem in Hinblick auf Flügelschlag und Körperhaltung wohl anders als der heutiger Vögel. "Vor allem der Aufbau seines Brustbeins und der Schulterstruktur ist mit dem Flug moderner Vögel unvereinbar", erläutert Röper. Insbesondere die Drehbewegung der Flügel beim Schlagflug heutiger Flügel sei damit nicht möglich.

Einer von mehreren Vogel-Vorfahren

Der erste vermeintliche fossile Überrest eines Archaeopteryx war eine einzelne Feder. Sie wurde schon im Jahr 1860 in Solnhofen entdeckt. Ein Jahr später folgte auch ein erster Skelettfund, der heute als das tatsächlich erste Archaeopteryx-Fossil gilt. Denn Wissenschaftler der Ludwig Maximilians Universität München und der Bayerische Staatssammlung für Paläontologie und Geologie erklärten jüngst, dass es sich bei dem ersten Fund tatsächlich nicht um den Urvogel handelt. Bis heute sind insgesamt elf mehr oder weniger vollständige Fossilien beschrieben worden - alle aus der Gegend des heutigen Bayern.

Der Archaeopteryx lebte vor etwa 150 Millionen Jahren. "Damals war die Region ein subtropisches, flaches Randmeer", erläutert erklärt Museumsleiter Röper. Das Europa, wie wir es kennen, sei abgesehen von einigen Inseln geflutet gewesen. Außerdem habe es lagunenartige Becken und Korallenriffe gegeben. Obwohl er auch Urvogel genannt wird, ist der Archaeopteryx nicht der direkte Urahn aller heute lebenden Vögel, erläutert Röper, sondern er war einer von mehreren Arten gefiederter, vogelartiger Raubsaurier, aus denen später die Vögel hervorgingen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 13. März 2108 | 21:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. März 2018, 17:00 Uhr