Antibiotika-Kapseln im Blister
In Deutschland werden mehr Antibiotika eingesetzt, als beispielsweise in Skandinavien. Und in Westdeutschland ist der Verbrauch deutlich höher als im Osten. Bildrechte: colourbox.com

Antibiotika-Experte Eckmanns "Im Osten werden weniger Antibiotika verschrieben"

Die Meldung ließ aufhorchen: Bei Gewässer-Proben in Niedersachsen wurden resistente Keime gefunden, gegen die Antibiotika nicht mehr wirken. Sind wir nun alle gefährdet? Wie kann man die Ausbreitung von Resistenzen verhindern? Und gibt es Unterschiede beim Antibiotika-Einsatz innerhalb Deutschlands? Der MDR hat mit Dr. Tim Eckmanns vom Robert Koch-Institut gesprochen - und erstaunliche Antworten erhalten. Eine davon: Im Osten werden deutlich weniger Antibiotika verschrieben als im Westen.

Antibiotika-Kapseln im Blister
In Deutschland werden mehr Antibiotika eingesetzt, als beispielsweise in Skandinavien. Und in Westdeutschland ist der Verbrauch deutlich höher als im Osten. Bildrechte: colourbox.com

Herr Dr. Eckmanns, wie bewerten Sie die Tatsache, dass bei Gewässer-Proben in Niedersachsen überall multiresistente Erreger gefunden wurden?

Ich war überrascht über diese Ergebnisse und das Ausmaß der Funde. Auch wenn wir wissen, dass resistente Erreger oder Resistenz-Gene in der Umwelt vorkommen. Dass man eine Resistenz gegen Colistin, ein Antibiotikum, das viel im Tierbereich eingesetzt wird, findet, damit habe ich ein bisschen gerechnet. Aber es wurden auch Resistenzen gegen Carbapeneme gefunden. Das sind Antibiotika, die im Tierbereich gar nicht eingesetzt werden, sondern nur im Menschenbereich. Und trotzdem hat man auch hier Resistenzen beziehungsweise Resistenz-Gene in der Umwelt gefunden.

Sind wir nun alle gefährdet?

Dr. Tim Eckmanns, Leiter Fachgebiet Nosokomiale Infektionen, Surveillance von Antibiotikaresistenz und -verbrauch beim Robert Koch- Institut (RKI) Berlin
Dr. Tim Eckmanns, Leiter Fachgebiet Nosokomiale Infektionen, Surveillance von Antibiotikaresistenz und -verbrauch beim Robert Koch- Institut (RKI) Berlin. Bildrechte: IMAGO

Direkt sind wir nicht alle gefährdet. Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass die Resistenzen in der Umwelt - bei Tieren, Nahrungsmitteln und bei den Menschen - gar nicht so ähnlich sind. Auch wenn es sich um den gleichen Erreger handelt: das genetische Resistenz-Material ist unterschiedlich.

Es ist also nicht so einfach, dass eine Resistenz von einer Spezies auf die andere weitergegeben werden kann. Insgesamt kann man aber sagen, dass die Resistenzen vom Menschen gemacht sind und sich in der Umwelt ausbreiten. Und da besteht schon die Gefahr, dass das irgendwann, sei es über Tiere, sei es über Nahrungsmittel, direkt zum Menschen zurückkommt. Grundsätzlich sollten wir dafür sorgen, dass sich möglichst wenige Resistenzen in der Umwelt ausbreiten.

Wie kann man die Ausbreitung von Resistenzen verhindern?

Wir müssen im Tierbereich den Antibiotika-Einsatz minimieren. Auch im Humanbereich wird noch zu viel Antibiotika eingesetzt. Auch bei der Aufbereitung von Abwasser im Krankenhaus muss sich etwas ändern. Die positiven Proben, die in der Nähe von Krankenhäusern genommen wurden, legen nahe, dass die Antibiotika zum Teil unverarbeitet als solche wieder aus dem Körper ausgeschieden werden. Auch da muss etwas geschehen. Das muss aber erstmal erforscht werden. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte HyReKA-Projekt untersucht beispielsweise, wie Antibiotika in Kläranlagen abgebaut werden.

Besteht unmittelbarer Handlungsbedarf?

Also ich glaube nicht, dass hier unmittelbarer Handlungsbedarf besteht. Natürlich muss man das kontrollieren. Badeseen etwa werden sowieso kontrolliert – und gesperrt, wenn zu viele Erreger nachgewiesen werden. Langfristig muss man sich aber schon angucken, wie sich Resistenzen weiterentwickeln. Und dann müssen auch Maßnahmen ergriffen werden, das sich nicht mehr und mehr resistente Erreger und Resistenz-Gene in der Umwelt anreichern können. Ich glaube, das ist ein langfristiges Projekt. Genauso wie wir auf die Klima-Veränderungen achten, müssen wir auch darauf achten, dass sich Resistenzen nicht weiter ausbreiten. Nach dem Konzept "One Health" müssen wir dabei den Humanbereich, den Tierbereich und die Umwelt gleichermaßen im Blick haben.

Was kann der Einzelne tun?

Antibiotika sollte man zum Beispiel immer so einnehmen, wie der Arzt das gesagt hat: Also nicht länger oder kürzer einnehmen. Und dreimal täglich heißt aller acht Stunden und nicht früh, mittags und abends. Auch kann man selbst die Einstellung vertreten, möglichst wenige Antibiotika zu verwenden. So sollte man nicht zum Arzt gehen und sagen: Ich glaube, ich brauch hier unbedingt ein Antibiotikum. Die meisten Krankheiten heilen nämlich ohne Antibiotika aus. Bei einer Grippe beispielsweise hilft ein Antibiotikum überhaupt nicht.

[…] Man tut also was für sich selbst, wenn man nicht so viele Antibiotika nimmt, weil man ja ansonsten die Resistenzen quasi bei sich selbst züchtet. Und man tut auch was für die Gesellschaft. Also das ist etwas, wo beides zusammenkommt.

Was kann man als Verbraucher tun?

Also der Verbraucher kann entscheiden, dass er Fleisch aus zertifizierten Betrieben holt, wo weniger Antibiotika genommen werden. Das können biologische Betriebe sein. Aber das ist dann halt auch eine Preisfrage. Wenn man ein Bio-Huhn holt, ist das natürlich wesentlich teurer, aber das wird auch weniger Antibiotika gesehen haben.

Wie sieht ein "Worst Case Scenario" mit multiresistenten Keimen aus?

Auf der Intensivstation hat ein Patient eine Infektion mit einem resistenten Erreger, bei dem kein Antibiotikum mehr wirkt. Für diesen Patienten hat man dann keine therapeutischen Möglichkeiten mehr. Das ist zum Glück etwas, was wir nur ausgesprochen selten erleben. Aber dafür müssen wir auch sorgen, dass das so selten bleibt, vor allem durch den sinnvollen und maßvollen Einsatz der Antibiotika. Das gilt sowohl im humanen als auch im Tierbereich. Und wir müssen darauf achten, dass sich die Antibiotika nicht in der Umwelt ausbreiten. Und das ist mittlerweile auch ein globales Problem. Wir haben in Indien Resistenzprobleme. Wir haben sogar in Afrika Resistenzprobleme. Wir müssen also auf dem Gebiet auch international zusammenarbeiten, also nicht nur "One Health", sondern auch "Global Health".

Müssen wir fürchten, dass die Sache irgendwann kippt?

Die Gefahr steht, dass bestimmte Erreger resistent sind. Konnte man früher beispielsweise E. coli [Kolibakterien, die Redaktion] mit dem sehr guten Ampicillin behandeln, ist das heute fast nicht mehr der Fall, weil die zu 50/60 Prozent resistent sind. Staphylococcen, die man früher mit Penizillin behandelt hat, sind heute zu 80 Prozent resistent dagegen. Wir sind aber nicht kurz davor, dass wir am laufenden Band Patienten haben, die wir überhaupt nicht mehr behandeln können. Das ist nicht die Situation. Aber auch nur deshalb, weil wir schon viele Sachen dagegen machen. Man kann aber noch viel mehr machen. Und man muss dranbleiben: Weniger Antibiotika einnehmen, sinnvoll und richtig einnehmen, generell weniger Antibiotika einsetzen. Tatsächlich haben wir in den letzten Jahren schon weniger eingesetzt. Es kann aber noch weniger werden. Die skandinavischen Länder setzen im Tier- und im Humanbereich noch viel weniger Antibiotika ein als wir. Die sind da wirklich vorbildlich.

Wie steht Deutschland beim Antibiotika-Einsatz im Humanbereich da? Gibt es Unterschiede zwischen den Bundesländern?

Wir wissen, dass teilweise wesentlich zu viele Antibiotika verschrieben werden. Obwohl Deutschland im europäischen Vergleich noch ganz gut dasteht. Aber wir haben sehr große Unterschiede in den Bundesländern. Der Osten ist zum Beispiel nach wie vor viel besser. Selbst 28 Jahre nach dem Mauerfall werden im Osten noch wesentlich weniger Antibiotika pro Einwohner verschrieben als im Westen. Da sieht man noch richtig die Ost-West-Grenze. Das gleicht sich zwar langsam an, aber sehr, sehr langsam. Das ist sehr interessant. Eine Theorie ist, dass der "Public Health"-Gedanke im ostdeutschen System mehr verankert war als im westdeutschen System.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 06. Februar 2018 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Februar 2018, 13:51 Uhr