Forschung Auch Tintenfische werden kuschelig von Ecstasy

Sie besuchen zwar keine Technopartys, sondern durchqueren die Meere. Aber wenn man sie mit der Partydroge Ecstasy füttert, reagieren Oktopusse ganz ähnlich wie Menschen: Sie wollen mit ihren Artgenossen kuscheln.

Kraken
Eigentlich sind Kraken Einzelgänger Bildrechte: IMAGO

Warum nur verabreichen Forscher unschuldigen Tintenfischen die Partydroge Ecstasy? Ganz einfach: Das Team um die Genetiker Gül Dölen und Eric Edsinger aus den USA untersuchte das Erbgut von Kraken und machte dabei eine interessante Entdeckung. Obwohl die Vorfahren der Tiere und die der Menschen bereits vor über 500 Millionen Jahren unterschiedliche Wege der Evolution einschlugen, entwickelten beide das Gen SLC6A4.

Dieses Gen ist die Bauanleitung für ein bestimmtes Eiweiß, das den Wirkstoff 3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin, kurz MDMA an die Nervenzellen im Gehirn bindet. MDMA ist der Stoff in der Partydroge Ecstasy, der bei Menschen für eine massive Ausschüttung des körpereigenen Botenstoffs Serotonin sorgt.

Während der Wirkung von MDMA werden Konsumenten von warmen Gefühlen durchströmt, empfinden freudige Gefühle für Mitmenschen und entwickeln oft den Wunsch nach Nähe und Geborgenheit.

Einzelgängerische Kraken werden kuschelig

Als die Forscher SLC6A4 im Erbgut der Tintenfische entdeckten, fragten sie sich, ob MDMA eine ähnliche Wirkung auf die Tiere haben würde wie bei Menschen. Also setzten sie vier kalifornische Zweipunktkraken für jeweils eine halbe Stunde in ein Becken mit Wasser, dem flüssiges MDMA beigemischt war. Dann wurden die Tiere einzeln in ein zweites Becken mit drei Kammern platziert. Ein Abteil war leer, in einem zweiten gab es eine kleine Plastikfigur zum Spielen. Die dritte enthielt einen Oktopus vom jeweils anderen Geschlecht, das in einem Käfig eingesperrt war.

Außerhalb ihrer Paarungszeit sind Kraken eigentlich Einzelgänger, die mit ihren Artgenossen wenig zu tun haben wollen. Doch das änderte sich unter dem MDMA-Einfluss plötzlich. Wie Edsinger und Dölen in der Fachzeitschrift Current Biology berichten, verbrachten alle vier Tiere deutlich mehr Zeit mit den eingesperrten Artgenossen, die sie versuchten mit ihren Tentakeln zu umarmen oder zu küssen. Das Verhalten ähnelte dem der Paarungszeit.

Gehirne offenbar ähnlich

Aus wissenschaftlicher Sicht führt das Experiment zu einer interessanten Erkenntnis: Obwohl sich die Gehirne von Menschen und Tintenfischen in der Evolution weitgehend unabhängig voneinander entwickelt haben, gleichen sich die chemischen Prozesse in den Organen offenbar sehr stark und lösen dabei ein ganz ähnliches Sozialverhalten aus. Die Forscher warnen aber, dass noch weitere Studien nötig sind, um die Ergebnisse zu bestätigen. Dann könnten weitere Untersuchungen an den Tieren dazu beitragen, auch das menschliche Gehirn besser zu verstehen.

Ob die Tiere nach dem Rausch das einer Depression ähnliche Abklingen der Drogenwirkung erlebt haben, wurde nicht berichtet. Aber die Tintenfische könnten möglicherweise Gefallen daran gefunden haben.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Elefant, Tiger und Co. | 30. März 2018 | 19:50 Uhr