Eichenprozessionsspinner Profiteure des Klimawandels

Kleine Raupe, aber großes Problem. Der Eichenprozessionsspinner verursacht sowohl gesundheitliche als auch ökologische Schäden. Seine Härchen lösen allergische Reaktionen bei Menschen aus und sein Appetit kann zu Kahlfraß an ganzen Wäldern führen. Durch die Klimakrise und die steigenden Temperaturen fühlt er sich in deutschen Wäldern und Parks zunehmend wohler.

Seit einigen Jahren breitet sich das gefräßige Insekt in Deutschland aus. Auch in Mitteldeutschland stellt es Behörden immer häufiger vor Herausforderungen. Im Juni wurden Nester mit speziellen Saugern im Stadtpark von Taucha entfernt. Im Landkreis Stendal und dem Altmarkkreis Salzwedel kamen im Mai sogar Hubschrauber zum Einsatz, die auf tausenden Hektar Waldfläche ein Biozid versprühten. Hier ist die Raupe ein wiederkehrender Plagegeist geworden, wie Jörg Borchardt vom Kompetenzzentrum Wald des Landes Sachsen-Anhalt dem MDR verriet: "Wir haben seit Jahren das Phänomen, dass der Eichenprozessionsspinner in einer Massenvermehrung ist." Eine erfolgreiche Bekämpfung des Spinners sei deswegen von Jahr zu Jahr nur ein Teilerfolg.

Klimakrise begünstigt Vermehrung

Schuld an den immer wiederkehrenden Populationen ist auch der Mensch. Als wärmeliebendes Insekt kann sich der Eichenprozessionsspinner bei steigenden Temperaturen leichter ausbreiten. Gleichzeitig überstehen immer mehr Larven die milden Winter. Dass der Eichenprozessionsspinner bleibt, davon geht auch Dr. Martin Rohde aus. Er ist Leiter der Abteilung für Waldschutz an der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt und erklärt: "Der Prozessionsspinner gehört zur natürlichen Gesellschaft hier. Er fühlt sich zunehmend wohler, wahrscheinlich wegen der Klimaerwärmung und der wärmeren Witterungsbedingungen."

Der langfristige Erfolg bei der Bekämpfung der Schmetterlingsraupe hängt also auch vom Verhalten der Menschen ab. "Alles, was die globale und regionale Erwärmung dämpft, ist etwas, das der Entwicklung des Eichenprozessionsspinners ein bisschen Einhalt gebieten kann oder ihn zumindest bremsen kann", erklärt Rohde. Wie linear dieser Zusammenhang ist, ließe sich aktuell jedoch nicht konkret sagen.

Eichenprozessionsspinner – Von der Raupe zum Falter

Eichenprozessionsspinner haben feine giftige Härchen auf dem Rücken, die bei Berührung mit der Haut allergische Reaktionen und Hautausschlag verursachen. Im Bild sind 3 kleine Raupen zu sehen, die an Blättern fressen.
Bildrechte: IMAGO
Eichenprozessionsspinner haben feine giftige Härchen auf dem Rücken, die bei Berührung mit der Haut allergische Reaktionen und Hautausschlag verursachen. Im Bild sind 3 kleine Raupen zu sehen, die an Blättern fressen.
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Der ausgewachsene Eichenprozessionsspinner lebt nur wenige Tage. Im Bild ist ein Schmetterling auf einem Blatt zu sehen.
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Härchen bleiben jahrelang giftig

Das Zusammenleben von Mensch und Raupe bleibt also auch zukünftig ein Problem, denn de facto ist es nicht möglich. Die feinen Gifthärchen, die ab dem dritten Larvenstadium entwickelt werden, lösen allergische Reaktionen aus. Diese machen sich häufig durch Hautausschläge und Juckreiz bemerkbar. Werden die Gifthaare gar eingeatmet, kann es sogar zu Entzündungen der Atemwege kommen. Außerdem bleiben die Härchen auch in den Bäumen hängen, wo sie noch jahrelang giftig sind. Deswegen sollten die Larven noch entfernt werden, bevor sich ihre giftigen Haare entwickeln.

Wird ein Nest entdeckt, sieht Rohde nur einen Weg: "Da muss man die Gebiete meiden oder Maßnahmen ergreifen, um den Befall dort zu regulieren, das heißt zurückzudrängen." Die eine Lösung, um den Befall einzudämmen, gibt es jedoch nicht, denn gleich zwei Gesetzesbereiche sind betroffen. Einerseits wirkt sich das Vorkommen auf die menschliche Gesundheit aus, andererseits belastet es die Umwelt. Jeder Befall muss deswegen einzeln analysiert werden. Handelt es sich um ein flächiges Vorkommen oder eine einzelne Eiche? Soll die Gesundheit von Menschen geschützt werden oder ein Baum vor Kahlfraß? Je nachdem greift das Biozid- oder Pflanzenschutzgesetz.

Wohngebiete haben Vorrang

Ein Vorkommen im Freibad ist somit anders zu bewerten als im Wald. "Die Eiche selbst kommt mit dem Eichenprozessionsspinner noch länger zurecht als der Mensch", erläutert Rohde. Ein gezieltes Handeln in besiedelten Gebieten ist also drängender als in einem Waldgebiet, das vorerst für die allgemeine Bevölkerung gesperrt werden kann.
Während große, unbesiedelte Flächen, wie in Stendal und Salzwedel, mit einem Fraßgift aus der Luft besprüht werden, werden bei einzelnen Bäumen Sprühkanonen eingesetzt. Diese sprühen das Gift von unten an den Baum. Waldschutz-Experte Borchardt merkt in seinem Interview mit dem MDR an, dass das Biozid für die Natur und den Menschen unschädlich ist: "Das Mittel ist speziell für die Bekämpfung des Spinners zugelassen. Negative Auswirkungen auf andere Tiere kann ich so nicht bestätigen." Dennoch sollten Menschen die besprühten Gebiete für zwei Tage meiden.

Abholzung ist keine Alternative

Die Bekämpfung ist und bleibt kompliziert. Wäre es da nicht einfacher, den Insekten ihre Behausung wegzunehmen? Könnten befallene Eichen durch Laubbäume ersetzt werden? Um das Insektensterben nicht voranzutreiben, ist das keine Option. Laut Rohde handelt es sich bei der Eiche um eine besondere Baumart: "Sie ist auch an warme Verhältnisse sehr gut angepasst. Es leben einige hundert Insektenarten auf der Eiche." Weder Wirt noch Insekt sollten ausgerottet werden.

Wozu ist der Spinner gut?

Wie viele andere Schädlinge dient auch der Eichenprozessionsspinner anderen Tieren als Nahrung. Die ausgewachsenen Falter werden von Fledermäusen und Vögeln gefressen. Obwohl der Eichenprozessionsspinner als Raupe nicht vielen Vögeln schmeckt, dienen auch seine Larven als Lebensquelle. "Es gibt räuberische Insekten, die ihre Eier in die Eier des Eichenprozessionsspinners legen können", so Rohde.

Auch eine Behandlungsmethode zielt auf den Einsatz von Fressfeinden ab. Nematoden, also Fadenwürmer werden als Alternative zu chemischen Mitteln getestet. Die kleinen Würmer werden mit einem Bakterium versehen, das die Entwicklung der Schmetterlingsraupe hemmt. Im Labor seien erste Versuche vielversprechend, der tatsächliche Erfolg wird sich aber erst in den nächsten Jahren zeigen. Sicher ist: Der Kampf gegen den Eichenprozessionsspinner wird auch im nächsten Frühjahr wieder von vorne beginnen.

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