Göltzschtalbrücke im Vogtland
Tief unter dem Vogtland brodelt die Erde. Der Göltzschtalbrücke können die Schwarmbeben aber bisher nicht gefährlich werden. Bildrechte: IMAGO

Geophysik Erdbeben: Unter dem Vogtland brodelt es weiter

Seit Wochen kommt das Vogtland nicht zur Ruhe. Fast jeden Tag messen die Geologen im Grenzgebiet zwischen Sachsen und Tschechien leichtere Beben mit einer Stärke von 3. Dieses Natur-Phänomen heißt Schwarmbeben oder Erdbebenschwarm.

von Johannes Schiller

Göltzschtalbrücke im Vogtland
Tief unter dem Vogtland brodelt die Erde. Der Göltzschtalbrücke können die Schwarmbeben aber bisher nicht gefährlich werden. Bildrechte: IMAGO

Ein heftiges Hauptbeben, dann deutlich schwächere Nachbeben. So verläuft ein gewöhnliches Erdbeben. Dagegen folgen die Schwarmbeben im Vogtland einer anderen Dramaturgie, erklärt der Geophysiker Ulrich Wegler, Professor am Institut für Geowissenschaften der Uni Jena.

Bei Schwarmerdbeben ist das Besondere, dass das stärkste Beben nicht am Anfang einer Sequenz liegt. Das heißt: In vielen Fällen fängt es mit leichten Beben an und steigert sich dann erst. So dass es schwer ist, vorherzusagen, was das stärkste Beben ist.

Prof. Ulrich Wegler

Das stärkste Beben der Serie kann also schon überstanden sein, es könnte aber auch genauso gut noch bevorstehen. Wie lange die aktive Phase eines Schwarmbebens dauert, können die Wissenschaftler nicht exakt berechnen, so Wegler, denn dazu gebe es nur Erfahrungswerte.

Das kann manchmal nur ein paar Tage sein, kann sich aber auch über Monate hinziehen. Was die genaue Ursache ist für die Länge eines Schwarms, das ist unbekannt.

Prof. Ulrich Wegler

Im Vogtland erreichen die Beben meist eine Stärke zwischen 2 und 4. Ein sehr leichtes bis leichtes Erdbeben also. Genug, dass es die Bewohner deutlich spüren können und vielleicht genug für den ein oder anderen Riss im Mauerwerk.

Aber wie stark könnten die Schwarmbeben im Vogtland maximal werden? Um das herauszufinden untersuchen Geologen wie Prof. Wegler historische Aufzeichnungen - zum Beispiel Kirchenchroniken. Daraus leiten sie die Erdbebenaktivität einer Region ab.

Prof. Ulrich Wegler
Bildrechte: Jan-Peter Kasper/ Universität Jena

Die Erfahrung für dieses Gebiet zeigt, dass in den letzten mehreren hundert Jahren eine 4,6 nicht wesentlich überschritten wurde. Wenn da jetzt solche 5-er Beben auftauchen würden, dann wäre das sehr, sehr selten auf jeden Fall.

Prof. Ulrich Wegler

So harmlos das klingen mag, wer ein Schwarmbeben selbst erlebt, spürt die ganze Kraft der Natur. Etwa das massive Grollen oder den lauten Knall, der die Beben oft begleitet. "Das passiert wenn die seismische Welle, die sich in der Erde ausbreitet, von unten auf die Erdoberfläche trifft“, so Wegler. Dann werde ein gewisser Teil als Schallwelle umgewandelt und breitet sich in der Luft aus.

Deswegen wird oft berichtet, dass es auch mit einem Grummeln oder einem Knall verbunden ist.

Prof. Ulrich Wegler
Erdbebenkarte: aus Grünthal et al., 1998, GFZ
Die Karte zeigt die Erdbebengefährdung in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Bildrechte: Grünthal et al., 1998, GFZ

Die Menschen im Vogtland und in Nordwest-Böhmen sind mit Schwarmbeben seit Jahrhunderten vertraut. Hier verfassten Wissenschaftler vor etwa 120 Jahren die ersten Abhandlungen zu dem Phänomen. Die Erdbebengefährdung in Deutschland ist im globalen Vergleich zwar relativ gering, aber nicht vernachlässigbar, so Forscher vom Helmholtz-Institut (siehe Karte).

An der genauen Ursache der Schwarmbeben wird aber noch immer geforscht. Als sicher gilt: Es liegt an der vulkanischen Vergangenheit der Region. Auch wenn die beiden Vulkane Kammerbühl und Eisenbühl schon vor mehreren hunderttausend Jahren erloschen sind.

Die gängige Theorie ist, dass es da einen Magma-Körper gibt. Der allerdings sehr tief liegt, in 30 Kilometer Tiefe.

Prof. Ulrich Wegler

Dort, so die Theorie, ist der Magmakörper stecken geblieben und kommt nicht weiter nach oben. "Aber er entgast jetzt und da kommt Wasser und CO2 raus, was sich dann durch die Erdkruste ausbreitet.“

Diese Gase und Flüssigkeiten zwängen sich in die Gesteinsritzen und lassen den Fels ruckeln. So ist die Erde im Vogtland praktisch ständig in Bewegung. Die hoch sensiblen Messgeräte registrieren nämlich auch ganz schwache Beben. Tausende davon haben die Wissenschaftler bereits ausgewertet. Die meisten davon sind nicht einmal spürbar.

Und diese Aktivität klingt niemals ganz ab, so haben wir immer eine Art Hintergrundrauschen an seismischer Aktivität, was immer da ist.

Prof. Ulrich Wegler

Das macht das Vogtland zu den seismisch aktivsten Regionen Deutschlands. Ähnliche Schwarmbeben wie hier gibt es sonst noch bei Bad Reichenhall in Bayern und in Südhessen. Und die bleiben uns erhalten, so Wegler: "Entwarnung kann man letztlich nie geben, weil man in einem aktiven Erdbebengebiet ist. Es wird immer wieder zu solchen Schwärmen kommen.“

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 29. Mai 2018 | 02:22 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Juni 2019, 12:02 Uhr