Alles über alle Pflanzen Forscher erstellen erste globale Vegetationsdatenbank

Antworten auf Fragen, die bisher noch keiner gestellt hat. Das erhoffen sich die Wissenschaftler aus Halle und Leipzig mit ihrer neuen globalen Vegetationsdatenbank. Der ersten ihrer Art, weltweit.

Eine Blumenwiese.
Bildrechte: Gerald Perschke

Über 1,1 Millionen Pflanzenartenlisten für alle Ökosysteme auf dem gesamten Festland der Erde. Das klingt gigantisch und ist es auch. Ein Forscherteam unter Leitung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) und des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig hat diese Datenbank erstellt. Sie ermöglicht erstmals einen Überblick darüber, wie Pflanzen weltweit zusammenleben - und das mit Blick auf unzählige Standorte. Dazu nutzt die Datenbank etwa 200.000 Aufnahmen von Vegetationen weltweit, die aus veröffentlichten und unveröffentlichten Vegetationsstudien stammen.

Wozu braucht man das - 1

Mit den Daten können Forscher herausfinden, wie Pflanzen an den verschiedenen Standorten interagieren. Dabei stehen diese grundsätzlich vor den gleichen Herausforderungen, sagt Prof. Dr. Helge Bruelheide vom Institut für Geobotanik der MLU und Co-Direktor von iDiv.

Helge Bruelheide
Geobotaniker Helge Bruelheide Bildrechte: iDiv

Zum Beispiel müssen sie einen effizienten Weg finden, Photosynthese zu betreiben, um sich mit Energie zu versorgen. Gleichzeitig kämpfen sie mit ihren Nachbarpflanzen um begrenzte Ressourcen, wie Wasser oder Nährstoffe aus dem Boden.

Prof. Dr. Helge Bruelheide

All das hat Auswirkungen auf die sogenannten funktionellen Pflanzenmerkmale, also zum Beispiel die Größe einer Pflanze, die Dicke ihrer Blätter oder die Blattinhaltsstoffe. "Diese funktionellen Eigenschaften beeinflussen direkt die Ökosystemfunktionen von Pflanzen, also etwa wie viel Biomasse sie produzieren oder wie viel Kohlenstoffdioxid sie aus der Luft binden können", so Bruelheide. Bisher wurden diese Merkmale jedoch vor allem an einzelnen Pflanzenarten untersucht. Pflanzen aber wachsen eher selten allein, sondern leben in Gemeinschaften. Und das kann nun endlich berücksichtigt werden.

Wozu braucht man das – 2

Die neue Datenbank hat nach Ansicht der Wissenschaftler von MLU und iDiv noch einen weiteren Vorteil: Kombiniert mit der eigenen TRY-Datenbank, in der einzelne Pflanzenmerkmale gespeichert sind, können die Forscher jetzt Fragen klären, die bislang überhaupt noch niemand stellen konnte.

Ein Beispiel: Rund 390.000 Pflanzenarten sind heute bekannt. Welchen Einfluss haben Temperatur und Niederschläge auf die funktionellen Eigenschaften (Größe, Blattdicke – siehe oben) einzelner Pflanzen in verschiedenen Regionen der Erde? Diese Frage wurde bisher nicht gestellt, da es gar keine Daten für die Antwort gab. Jetzt aber gibt es sie. Und die Antwort ist verblüffend. Denn der Einfluss von Temperatur und Niederschlägen ist viel geringer als gedacht.

Unsere Analyse zeigte, dass zum Beispiel die Blätter aller Pflanzen in einem Bestand mit steigender Temperatur, also von der Arktis zum tropischen Regenwald, nicht automatisch dünner werden.

Prof. Dr. Helge Bruelheide

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Noch stehen die Wissenschaftler am Anfang der Datenauswertung. Die Ergebnisse der Arbeit können auch dazu dienen, die Folgen des globalen Klimawandels besser vorherzusagen, so die Forscher. Welchen Einfluss haben zum Beispiel wir Menschen auf die Vegetation. Wie wirkt sich der landwirtschaftliche Anbau aus oder welche Pflanzen sollten künftig angebaut werden. Die Arbeit ist in "Nature Ecology & Evolution" erschienen. Die Datenbank soll künftig auch weiteren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zur Bearbeitung ihrer eigenen Themen zur Verfügung stehen.

Es kommt noch mehr Die Studie ist die erste aus einer ganzen Reihe von bevorstehenden Publikationen aus dem sogenannten "sPlot"-Konsortium. "s" steht dabei für die wissenschaftliche Synthese, die ein eigenes Zentrum am iDiv hat, und deren Aufgabe es ist, "die ökologische Komplexität zu durchdringen und Muster, Antworten und Lösungen für einige der großen Probleme und Fragen zu finden". "plot" – zu Deutsch "Handlung" aber auch "Grundstück" oder "Stück Land" – steht dabei für die erste Vegetationsplot-Datenbank.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN LexiTV | 20. Juni 2018 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. November 2018, 18:25 Uhr