Ein Wolf
Ein europäischer Grauwolf in einem Wildgehege in den Alpen: Fast jede Wolfspopulation in Europa enthält auch Tiere, zu deren Vorfahren Hunde gehören. Bildrechte: imago/Eibner Europa

Denkste! In Europa gibt es kaum reinrassige Wölfe

Auf der einen Seite der zahme Haushund, auf der anderen der wilde Wolf – genetisch kann man diese Grenze nicht so einfach ziehen. Seitdem der Mensch Hunde züchtet, paaren die sich auch mit Wölfen und umgekehrt.

von Clemens Haug

Ein Wolf
Ein europäischer Grauwolf in einem Wildgehege in den Alpen: Fast jede Wolfspopulation in Europa enthält auch Tiere, zu deren Vorfahren Hunde gehören. Bildrechte: imago/Eibner Europa

Es klingt paradox, aber die nach Deutschland zurückkehrenden Wölfe tragen wahrscheinlich einige Gene in sich, die sie von Hunden geerbt haben. Es gibt also gar keine von Menschen unbeeinflusste Population der Raubtiere. Zahlreiche Untersuchungen mit der DNA von Wölfen und Hunden versuchen die Geschichte dieser Hybridisierung zu rekonstruieren, zuletzt untersuchte die polnisch-britische Biologin Malgorzata Pilot mit einem Team die Erbinformationen zahlreicher Tiere. Ergebnis: Rund 62 Prozent aller untersuchten Wölfe aus Europa und Asien hatten Gene, die auf Hunde unter den Vorfahren schließen lassen.

Auch die schwarze Fellfarbe amerikanischer Timberwölfe weise auf Hundevorfahren hin, sagt Carsten Nowak, Genetiker am Senckenberg-Forschungsinstitut in Gelnhausen.

Das schwarze Fell ist eine Eigenschaft, die während der Hundezucht herausselektiert und dann in die Wolfspopulation übergegangen ist.

Carsten Nowak, Genetiker

Der Mensch hat Wölfe im Lauf der vergangenen 10.000 bis 100.000 Jahre zu Hunden domestiziert. Genetisch sind die Unterschiede aber immer noch sehr gering. Fast alle Hunde können mit Wölfen gemeinsame Nachkommen zeugen, die selbst wiederum vermehrungsfähig sind. Damit ist ein wichtiges Kriterium zur Unterscheidung von Arten nicht erfüllt.

Labrador und Timberwolf

Ihre schwarze Fellfarbe haben Timberwölfe (rechts) höchstwahrscheinlich von Hunden, wie dem Labrador (links). Das legen DNA-Untersuchungen nahe.

Ein schlafender Labrador
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Ein schlafender Labrador
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Timberwolf, Kanadischer Grauwolf (Canis lupus lycaon), laeuft im Schnee.
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Tragen die Wolf-Hund-Hybride Eigenschaften in sich, genetische Verhaltensweisen etwa, die sie besonders problematisch machen? Im Fall der Thüringer Wolfs-Hybriden wurde häufiger befürchtet, diese könnten genetisch bedingt wenig Scheu vor Menschen haben und daher gefährlich werden. Wissenschaftliche Erkenntnisse, die diese Befürchtung stützen, seien ihm nicht bekannt, sagt Carsten Nowak.

Eher sei das Gegenteil der Fall: Hundezüchter, die angetrieben von romantischen Vorstellungen ihre Tiere mit Wölfen paaren, stellen bei den Jungen dann fest: Wichtige Charaktereigenschaften, die durch jahrhundertelange Zucht mühevoll in die Hunde hineingezüchtet wurden, sind wieder verloren gegangen. Statt um einen zahmen, folgsamen Hund muss sich der Züchter auf einmal um ein Raubtier kümmern.

Naturschützer möchten Hybridisierung dennoch gerne verhindern, einfach um die Biodiversität zu schützen. Werden Wölfe nicht vor der weiteren Einkreuzung von Hunde-DNA geschützt, gibt es irgendwann keine unterscheidbare Wolfspopulation mehr.

Zuletzt aktualisiert: 29. Juni 2018, 18:00 Uhr