Christian Wirth
Bildrechte: Christian Wirth

Forscher fordert: Sachsen braucht Sofortmaßnahmen gegen das Insektensterben

Forscher fordert: Sachsen braucht Sofortmaßnahmen gegen das Insektensterben

Als der Krefelder entomologische Verein alarmierende Zahlen über den Rückgang der Insektenmasse veröffentlicht, zweifeln Statistiker die Studie aus methodischen Gründen als nicht haltbar an. Inzwischen hat sich das Blatt gewendet, die Zahlen der Krefelder gelten als belegt, auch Studien aus der EU liefern ähnliche Ergebnisse und auch Zahlen aus Sachsen sind alarmierend.

Christian Wirth
Bildrechte: Christian Wirth

Professor Christian Wirth ist als Experte gefragt. Am 2. März 2018 steht er im Sächsischen Landtag Rede und Antwort zum Thema Insektensterben. Seine Forderung ist klar: Sachsen braucht Sofortmaßnamen gegen das Insektensterben.

Wir können nicht noch einmal zehn Jahre warten und forschen!

Christian Wirth MDR AKTUELL | Radio

Christian Wirth ist Leiter der AG Spezielle Botanik und Funktionelle Diversität an der Universität Leipzig. Untersuchungen aus dem Auwald belegen ihm zufolge, dass zum Beispiel seit Anfang der 2000er-Jahre der Bestand der Wildbienen um 90 Prozent zurückgegangen ist. Die Zahlen gelten nicht für ganz Sachsen, denn dafür fehlt laut Wirth ein Beobachtungsverfahren, aber die Bebachtungen aus dem Leipziger Auwald seien dennoch als "punktuell dramatische Rückgänge" zu werten.

Leipziger Auwaldkran Auwald-Kran: Forschung in 33 Metern Höhe

In den Wipfeln der Bäume pulsiert das Leben. Um dieses besser erforschen zu können, steht ihm Leipziger Auwald ein spezieller Kran, auf dem Wissenschaftler aus aller Welt arbeiten.

Kran vor blauem Himmel
Wer auf dem Leipziger Auwaldkran forschen will, muss schwindelfrei sein. Der Turmdrehkran ist 40 Meter hoch, die Wissenschaftler arbeiten allerdings "nur" in 33 Metern Höhe. Bildrechte: MDR/Tabea Turrini, iDiv
Kran vor blauem Himmel
Wer auf dem Leipziger Auwaldkran forschen will, muss schwindelfrei sein. Der Turmdrehkran ist 40 Meter hoch, die Wissenschaftler arbeiten allerdings "nur" in 33 Metern Höhe. Bildrechte: MDR/Tabea Turrini, iDiv
Forscher klettert auf Auwaldkran
Wer klettern kann, ist hier im Vorteil. Ein Stück zumindest geht es zu Fuß. Bildrechte: Tabea Turrini, iDiv
Forscher in einer Gondel
Nach einer Einweisung können die Wissenschaftler den Kran selbst steuern. Dazu navigieren sie eine Gondel, die am Kranhaken befestigt ist. Damit können sie eine Fläche von 1,6 ha detailliert erkunden. Bildrechte: Tabea Turrini, iDiv
Ein Kran im Auwald
Aus dieser Perspektive wurde ein Teil des Auwaldes auch inventarisiert. In einer Zeichnung ist festgehalten, welche Baumarten wo stehen. Bildrechte: MDR/Tabea Turrini, iDiv
Kran und Schien
Der Auwaldkran kann auf 120 Metern Schiene bewegt werden. Sein Arm ist 45 Meter lang und dreht sich um bis zu 360°. Bildrechte: Tabea Turrini, iDiv
Baumkronen
Damit der Kran nicht ganz so auffällt und die Tiere des Auwalds nicht unnötig stört, wurde er komplett grün gestrichen. Bildrechte: Stefan Bernhard, iDiv
Alle (6) Bilder anzeigen

Wie das Insektensterben Schlagzeilen machte

Die Gefahr des Insekten- und Bienensterbens ist dank diverser Studien längst im Bewusstsein der Öffentlichkeit angekommen. Erst Ende Februar 2018 hatte die EU eine Studie veröffentlicht, die erneut belegte, dass Insektizide aus der Gruppe der Neonicotinoide Wild- und Honigbienen gefährden. Deren Einsatz ist zwar seit 2013 beschränkt, wird aber durch etliche Sondergenehmigungen für verschiedenes Saatgut und Anbauzeiten ausgehöhlt.

Hobby-Insektenforscher aus Krefeld am Niederrhein hatten Ende 2013 eine Studie veröffentlicht, deren Zahlen belegen sollten, dass die Biomasse der Insekten seit 1989 um 76 Prozent abgenommen hatte. Für Schlagzeilen sorgten die Zahlen im Sommer 2017, als sie öffentlich wurden. Zuerst gab es Gegenwind. Statistiker hatten die Studie der Krefelder aus methodischer Sicht als "unseriös" und "irrig" regelrecht zerrissen, unter anderem wegen zufällig ausgewählter, wechselnder Standorte bei den Zählungen. Dann jedoch folgten im Oktober internationale Studien mit einer Datenbasis von 90 Standorten, die die Aussagen der Krefelder voll und ganz bestätigten.

Damit Apfelbäume nicht von Hand bestäubt werden müssen

Für den Leipziger Wissenschaftler Christian Wirth ist das Insektensterben Fakt. Die Folgen seien in China bereits spürbar, wo Arbeiter auf Leitern Bäume mit Pinseln von Hand bestäuben. Damit es hier nicht so weit kommt, will er im sächsischen Landtag in einer Anhörung einerseits für die Aufsetzung eines Beobachtungsverfahrens werben, andererseits aber auch für Sofortmaßnahmen. Gegenmittel gegen das Insektensterben liegen laut Wirth klar auf der Hand: "Wir wissen genug aus ökologischen Forschungen der vergangenen Jahre. Wir wissen, dass Insektizide schlecht für Insekten sind. Und wir wissen, dass Insekten Wohnraum brauchen: Hecken, Waldinseln, Teiche in der Landschaft."

Chinesin bestäubt blühende Pfirsichbäume mit Pollen
Chinesin bestäubt blühende Pfirsichbäume mit Pollen Bildrechte: IMAGO

Dieses Thema im Programm: MDR AKTEULL Radio | 02. März 2018 | 08:22 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. März 2018, 16:49 Uhr