Der tätowierte Rücken eines Fußballers
Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Wissenschaft zur Fußball-WM Tattoos: Was sie über Fußballer verraten

Was verraten Tattoos über Fußballer - und unterscheiden sie sich eigentlich von denen der Fans? Und warum tragen manche viele und andere gar keins? Und was tun, wenn das Tattoo nicht hält, was es verspricht? MDR Wissen hat mit Dirk Hofmeister gesprochen. Der Leipziger Psychologe forscht über Fußballer und ihre Tattoos.

Der tätowierte Rücken eines Fußballers
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Bei Jugendlichen gelten Tattoos als Initiationsritus beim Übergang ins Erwachsenenleben, die, endlich, volljährig, über Verzierungen und Veränderungen an ihrem Körper selbst entscheiden. Lässt sich das auf Fußballer übertragen? Essenspläne, Trainingspläne, Party, Freundin - was immer sie sie tun, ob auf dem Platz oder im Privatleben - alles wird gewertet, überwacht, gedeutet. Also steht die Frage im Raum: 

Holen sich Fußballer mit einem Tattoo ein Stück Gestaltungsmacht über sich zurück?

Dirk Hofmeister
Pschologe Dirk Hofmeister Bildrechte: Jens Gerber

"Vielleicht sogar noch etwas mehr als beim Otto-Normal-Jugendlichen", sagt der Leipziger Psychologe Dirk Hofmeister, der sich dem Fußball wissenschaftlich widmet, und führt aus: "Das Leben eines Fußballprofis ist noch stärker reguliert und von ein paar Superstars abgesehen deutlich fremdbestimmter als bei uns Normalverbrauchern – zum Beispiel durch Unsicherheiten, bei welchem Verein und in welcher Stadt der Kicker im kommenden Jahr spielt. Im klassischen, archaischen Initiationsritual dienen Tätowierungen der Betonung des sozialen Status‘, es findet eine Vergesellschaftung des Einzelnen durch soziale Einbindung statt – die Aufnahme in den Kreis der Erwachsenen, die Markierung von Heiratsfähigkeit, die Zugehörigkeit zu einer Stammesgemeinschaft."

Der Verein bestimmt mein Leben - über meine Haut bestimme ich selbst

Bezogen auf tätowierte Fußballer hält es der Psychologe dagegen für denkbar, dass es denen gerade nicht um die Aufnahme in eine Gesellschaft, sondern um die Stärkung des Ich gegen die permanente Fremdbestimmung geht. Statt um den Autonomie-Abhängigkeits-Konflikt beim Ablösen vom Elternhaus, könnte es dem Fußballer um Autonomie zum Verein gehen:

Mein Verein bestimmt über meine Wohnung, mein Auto, mein Essen, meine Klamotten; mein Trainer über meine Arbeits- und Einsatzzeiten; mein Spielerberater über meinen Lebensmittelpunkt und mein Einkommen - über meine Haut bestimme ich aber immer noch selbst.

Diese Interpretation ist denkbar, sagt Hofmeister, schränkt aber ein, dass der Freiheitsgrad von Fußballern dann dennoch eingeschränkt sei. Wegen möglicher Entzündungsgefahr, da Tätowierungen zumindest vorübergehend eine Wunde hinterlassen und das Immunsystem geschwächt wird, dürfen sich Fußballprofis in manchen Klubs beispielsweise nur während der Sommerpause tätowieren lassen. In einigen Nachwuchsakademien, wie zum Beispiel bei RB Leipzig, sind Tattoos komplett untersagt.

Hingeschaut Fußballer und ihre Tattoos

Löwe, Gebet, Geburtsdatum: Tattoomotive gibt es viele. Und über manche wird heftig gestritten, wie das Sturmgewehr auf Raheem Steelings rechter Wade.

Jimmy Durmaz mit einem Tattoo auf seinem Bein
Der schwedische Spieler Jimmy Durmaz, der seinen Oberschenkel mit einem Frauengesicht verziert hat und dem Namenszug "Gabriella" - so heißt Durmaz Tochter. Bildrechte: IMAGO
Jimmy Durmaz mit einem Tattoo auf seinem Bein
Der schwedische Spieler Jimmy Durmaz, der seinen Oberschenkel mit einem Frauengesicht verziert hat und dem Namenszug "Gabriella" - so heißt Durmaz Tochter. Bildrechte: IMAGO
Messi Wade mit einem Tattoo
Fußballstar Messi - die Vorderseite seines linken Unterschenkels ist schwarz, auf der Rückseite sind noch die Kinderhände seines Sohnes zu sehen und der Schriftzug "Thiago". Bildrechte: IMAGO
Quiz: Welches Tattoo gehört zu welchem EM-Star?
Jerome Boateng nutzt seine Haut wie ein Tagebuch - alle wichtigen Elemente seines Lebens sind hier abzulesen. Bildrechte: IMAGO
Gewehr-Tattoo auf dem Bein von Raheem Sterling
Raheem Sterlings Sturmgewehr-Tattoo entfachte in England einen Sturm der Empörung. Sterling erklärte, es erinnere ihn an seinen Vater, der erschossen wurde, als er zwei Jahre alt war. - Der englische Stürmerstars hat diverse andere Tatoos, darunter auch das Bild eines Jungen, der auf das Wembley Stadium schaut: Sterlings Jugend-Traum, für den er lange gekämpft hat. Bildrechte: IMAGO
Der tätowierte Arm eines Fußballers
Das "Vater unser" als Richtschnur fürs Leben - so hält es Carlos Salcedo, Spieler bei Eintracht Frankfurt: "Librame de todo mal" - "befreie mich von allem Bösen". Bildrechte: imago/Contrast
Tattoos auf dem Rücken und Armen von Quincy Promes
Der niederländische Spieler Quincy Promes trägt seinen christlichen Glauben auf dem Bauch: " I believe in God". Promes kickt für Spartak Moskau und wurde 2017 Russlands "Fußballer des Jahres". Seinen Rücken ziert die Totenmaske des Tutanchamun. Bildrechte: IMAGO
Tattoos auf den Beinen des Fußballspielers Neymars.
Brasilianische Superwaden: Neymar zeigt einen kleinen Junge und dessen Traum: Fußball, Pokale, ein Haus. Auf der Vorderseite der fromme Wunsch auf portugiesisch - vielleicht bezogen auf das Fußballerbein: "Que deus me abencoe"- "Gott segne mich". Bildrechte: imago/Sven Simon
Arturo Vidal (FC Bayern München) mit nacktem Oberkörper nach dem Spiel.
Nicht nur den Rücken zieren Arturo Vidals Kreuz-Tattoos. Der Chilene hat auch ein großes Kreuz auf dem Rücken mit dem Vers eines Marien-Gebets: "Cubreme con tu manto" - "Bedecke mich mit deinem (sch+tzennden) Mantel". Bildrechte: imago/Ulmer
Der tätowierte Rücken eines Fußballers
Der Löwe als Symbol für Stärke, Mut und Macht - und mit der Tattoo-Größe kann man auch noch was sagen! Das ist der Rücken von Seba(stian) Driussi, Landsmann von Lionel Messi. Der Argentinier spielt bei Zenit St. Petersburg und lässt beim gleichen Tätowierer sein Geld wie Superstar Messi. Bildrechte: imago/ITAR-TASS
Afrika Tattoo auf dem Rücken von Pierre-Emerick Aubameyang.
Pierre-Emerick Aubameyang Rückentattoo zeigt den afrikanischen Kontinent als Umriss, unter den Flügeln eines Adlers. Auf seinen Armen steht "Crespo for Life", gemeint ist der argentinische Top-Stürmer Hernan Crespo. Bildrechte: imago/Moritz Müller
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Als Motiv für Tattoos fällt oft das das Stichwert "Selbstwertgefühl erhöhen". Profifußballer ohne Selbstwertgefühl – ist das kein Widerspruch?

Hofmeister verneint: "Das ist kein Widerspruch, da Selbstwert kein eindimensionales Konstrukt ist. Vielmehr ist wahrscheinlich, dass unser Selbstwertgefühl aus verschiedenen Facetten unserer Selbsteinschätzung besteht. So ist denkbar, dass ein Fußballer komplett eiskalt beim Elfmeterschießen ist, der gleiche Fußballer aber große Probleme hat, vor einer großen Menge zu reden oder in der Disko jemanden anzusprechen. Weil in den verschiedenen Situationen unterschiedliche Kontrollüberzeugungen zum Tragen kommen. Wenn eine Tätowierung der Erhöhung des Selbstwert dienen soll, dann handelt es sich meist um Körperselbstbild und Attraktivität, also andere Aspekte als die Selbstsicherheit, einen Ball über zwanzig Meter auf den Fuß eines Mitspielers zu spielen."

In der deutschen Fußball-Nationalelf ist Jérôme Boateng der mit den meisten Tattoos. Bilder und Geburtsdaten seine Kinder – sein zweiter Vorname, sein Familienstammbaum, der WM-Pokal von 2014. Für Dirk Hofmeister ist Boatengs Körper wie ein Lehrbuch, das die vielen möglichen Gründe für Tattoos auf einmal zeigt:

Quiz: Welches Tattoo gehört zu welchem EM-Star?
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Sein zweiter Vorname - das ist vermutlich nochmal so eine Selbstvergewisserung seiner selbst. Die Verbindung zur Familie, auf seinem Rücken wird es deutlich, dass da der gesamte Stammbaum mit über zwanzig Namen tätowiert ist. Und dann natürlich die Markierung wichtiger Lebensabschnitte: Da ist der WM-Pokal zu sehen und die Championsleaguetrophäe auf seinem Ellbogen.

Dirk Hofmeister

Ob es bei Boatengs Tattoos genau diese Gründe sind - das ist natürlich auch für einen Psychologen aus der Ferne nur Spekulation.

Das Motiv hinter dem Motiv

Quiz: Welches Tattoo gehört zu welchem EM-Star?
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Aber diese Muster finden sich auch bei anderen Sportskollegen, wie zum Beispiel Mesut Özil. Dessen linken Oberarm ziert ein brüllender Löwe - ein traditionelles Tattoosymbol, das ganz klar Stärke symbolisiert. Neben dem Löwen steht bei Mesut Özil der Spruch: "Only God can judge me" - "Allein Gott kann mich richten". Bei aller Vorsicht mit Ferndiagnosen kann sich Psychologe Hofmeister gut vorstellen, dass das mit Özils bis heute schwierigem Ankommen in der deutschen Öffentlichkeit zu tun hat. Auch hier zeigt sich einer der klassischen Gründe: Tattoos bringen Selbstwertgefühl, bestätigen das eigene Ich. Fußballer sind da genauso wie alle anderen, die sich tätowieren lassen. Es gibt auch nicht die speziellen Fußballer-Motive und nicht mehr tätowierte Fußballer als allgemein Tätowierte, auch wenn das im Fernsehen manchmal anders wirkt.

Wir wissen ungefähr bei den jungen Erwachsenen, bei den unter 30-Jährigen, dass da ungefähr ein Drittel tätowiert sind. Wenn man sich eine Fußballmannschaft ankuckt, dann sieht man, dass da auch ungefähr ein Drittel der Fußballstars tätowiert sind, also kann man das an der Stelle übertragen.

Dirk Hofmeister

Dass es vor allem die Unterarme sind, hat nichts mit den kurzärmligen Fußballer-Trikots zu tun. Das Image von Tattoos hat sich gewandelt, sagt Dirk Hofmeister. Früher hatte man sie dort, wo sie notfalls schnell zu verdecken waren. Heute sind Tätowierungen sichtbarer, was mit der gesellschaftlichen Akzeptanz zu tun haben könnte. Ein ganz Großer, der gegen den Trend zu schwimmen scheint, tut das übrigens nicht um etwas Besonderes zu sein. Weltfußballer Cristiano Ronaldo ist regelmäßiger Blutspender und müsste nach einem Tattoo aussetzen.

Unter der Tattoo-Nadel sind alle gleich...

Messi Wade mit einem Tattoo
Bildrechte: IMAGO

Mit einem ganz anderen Tattoo-Effekt musste sich der argentinische Weltstar Lionel Messi auseinandersetzen: Messi ließ sich so einiges stechen: die Handabdrücke seines Sohnes, einen Schriftzug mit dessen Namen, später gesellten sich Blumen dazu, ein Schwert und die Rückennummer 10. Für einen Star-Fußballer wie Messi ist das als Großverdiener finanziell kein Problem. Ende 2016 kickte Messi dann links mit neuem "Look" - außer den Handabdrücken und dem Namens-Schriftzug hatte sich Messi die restlichen Tattos übermalen lassen, ein "CoverUp"-Tattoo, wie es in der Fachsprache heißt. Dirk Hofmeister zufolge ist Messis "CoverUp" etwas, worin sich Weltstars und Otto-Normal-Tattoo-Träger ähneln:

So ein radikales CoverUp wie bei Messi, dass quasi die ganze Wade schwarz ist, das ist was Außergewöhnliches, zeigt aber, dass es auch bei Fußballern mal schiefgehen kann.

Dirk Hofmeister

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSENSPIEGEL | 09. Juni 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Juni 2018, 17:31 Uhr