Pärchen im Herbstwald.
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Hoffnung auf den späten Herbst Wird 2018 doch noch ein Pilzjahr?

Pärchen im Herbstwald.
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Die gute Nachricht gleich zu Beginn: Das Jahr ist zwar bisher extrem pilzarm - aber das muss nicht so bleiben. Im Gegenteil. Es braucht nur Regen - dann kann es sogar einen richtig guten Pilzherbst geben.

Das sagt Bodenökologe Francois Buscot vom Helmholtzzentrum für Umweltforschung (UFZ) Halle.

Francois Buscot
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Wenn es regnet, dann sind alle Ampeln auf Grün. Und man kann sogar die Prognose riskieren, dass, falls es regnet, es ein fantastisches Jahr für die Pilze sein könnte.

Francois Buscot, Bodenökologe, UFZ

Das liegt laut Pilzforscher Buscot paradoxerweise auch an der monatelangen trockenen Hitze. Die Bäume sind bereits näher an der Winterruhe und bringen Nährstoffe aus den Blättern zurück in den Boden. Der Boden ist durchgewärmt. Und die Pilze haben durch die lange Trockenheit den nötigen Stress – um zu wachsen und ihre Fruchtkörper zu bilden. Denn nur die finden wir im Wald.

Stress ist für die Reproduktion immer gut bei Pilzen. Wenn es ihnen gutgeht, bilden sie keine Fruchtkörper. In dem Moment, wo es ein bisschen kritisch wird, da versuchen sie die Rettung durch Fortpflanzung.

Francois Buscot

Der eigentliche Pilz lebt für uns unsichtbar unterirdisch im Boden - in einem unendlich verzweigten Netz feiner und feinster Fädchen - dem sogenannten Myzel. Pilze sind Riesenlebewesen. In einem Quadratmeter Waldboden stecken 10 000 Kilometer Pilzgeflecht - mehr als die Entfernung Berlin - Los Angeles.

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Das ist ein Netzwerk, das Wurzeln miteinander verbindet, das ist fast wie ein Internet, wenn man will.

Francois Buscot

Diese Pilznetze sind extrem stabil und uralt. Bodenforscher Buscot und seine Kollegen sehen Pilze unterdessen bei den allerersten Festlandbewohnern vor über 500 Millionen Jahren. Denn heute wissen wir: als vor ungefähr 560 Millionen Jahren die Pflanzen aus dem Wasser das Land eroberten, brachten sie die Pilze mit.

Das ist eine sehr sehr lange, ich sage mal,  Liebesgeschichte.

Francois Buscot

Die Liebe zwischen Pilzen und Pflanzen hält bis heute. Pilze bereiten im Ökosystem Wald den Boden - auf dem Pflanzen wachsen. Sie zersetzen pflanzliche und tierische Rückstände und können dank besonders starker Enzyme sogar Holzreste abbauen. Gleichzeitig machen sie Stickstoff im Boden verfügbar - den die Pflanzen zur Eiweißproduktion brauchen. Pflanzen versorgen ihrerseits Pilze mit Nährstoffen. Dass ein Dürrejahr wie das aktuelle die Pilze nachhaltig schädigt, fürchtet Helmholtz-Forscher Buscot nicht.

Pilze haben viel Zeit, sie können warten. Also wenn die Bedingungen nicht gut sind, dann gehen sie in den Schlaf, sie warten und kommen nach ein paar Jahren wieder.

Francois Buscot

Pilze ziehen sich z.B. etwas tiefer in den Boden zurück, wo noch ausreichend Feuchtigkeit herrscht. Ein Jahr ohne Pilze im Wald ist deshalb kein Zeichen für Probleme. Allerdings könnte sich die Pilzlandschaft auf Dauer verändern. Denn wenn wir solche sehr trockenen Sommer immer wieder wiederholt erleben sollten, so Buscot, „dann werden wir möglicherweise gewisse Pilzarten verlieren oder sie werden viel seltener. Und andere, die wir noch nicht kennen, werden vielleicht vorkommen.“

Forscher wie Francois Buscot verfügen seit einiger Zeit über neue molekulare Methoden, um Pilzpopulationen im Boden zu untersuchen. Langzeitstudien laufen. Sie werden künftig zeigen - ob die Klimaerwärmung unsere Pilzvorkommen verändert.

Ohne Pilze kein Brot Ohne Pilze wäre Getreide- oder Obstanbau kaum möglich, Medikamente wie Antibiotika, Brot und Wein könnten nicht hergestellt werden. Sie sind die einzigen Organismen, die tote Baumstämme in wenigen Jahren zersetzen können. Außerdem versorgen sie mit ihrem unterirdischen Geflecht Bäume und Kräuter mit Nährstoffen und Wasser. 9.000 Großpilze sind in Deutschland bekannt. 6.000 hat das Bundesamt für Naturschutz auf ihre Gefährdung hin untersucht. Ein Viertel davon steht demnach auf der Roten Liste, gilt also als mehr oder weniger stark gefährdet. Ein weiteres Viertel gilt als ungefährdet. Bei den übrigen Arten können Experten keine genaue Einschätzung abgeben, da nicht genug Daten vorliegen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 22. August 2018 | 05:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. September 2018, 05:00 Uhr