Insektenatlas 2020 Insekten – warum wir sie lieben sollten

Von wegen Mistkäfer, Mistbiene, verflixte Mücke: Ohne Insekten sähen wir ganz schön alt aus, sagt der Insektenatlas 2020 und verrät, was sich aus Pferdeapfel und Kuhfladen alles herauslesen lässt. 

von Liane Watzel

Blaues Insekt mit gegebenem Hinterleib auf einem Blatt
Speer-Azurjungfer: Insekt des Jahres 2020 Bildrechte: MDR/BUND/Michael Post/GdO

So richtig warm sind wir Menschen ja noch nie mit ihnen geworden: Insekten. Das fängt schon in der Bibel mit den Heuschreckenplagen in Ägypten an. Später geht das ganz real weiter mit Beginn der Landwirtschaft, dem Auftakt zum Kampf Mensch gegen Insekt: Käfer, die Getreide oder Kartoffelernten wegfressen. Raupen, wie der Eichenprozessionsspinner, die ganze Wälder kahl fressen, Borkenkäfer, die Nadelwälder zerstören, Mücken, die Malaria übertragen, Tsetse-Fliegen mit Erregern der Schlafkrankheit.

Die Liste lästiger Insekten ist lang. Imageschädigend jede Mücke, die uns den Schlaf raubt, jede Wespe, die erst an Kuchen oder Bratwurst knabbert, bevor sie sich in die Apfelschorle stürzt. Und jetzt? Wir müssen nicht gleich Frieden schließen. Aber der Insektenatlas 2020 gibt uns die Chance, den Blick auf die kleinen Tiere zu ändern. Manchmal auch um 180 Grad. Und dann werden die vermeintlichen Schädlinge zum Mittagessen.

Biene 6 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Insekten – für Frauen Fleisch-Ersatz

Aber von Fleisch auf Insekten umsteigen, ist bei uns immer noch Kopfsache: In westlichen Industrienationen wird dieses Ernährungs-Szenario mehr mit wohligem Schaudern, denn mit Ernsthaftigkeit betrachtet. Dabei waren Käfer, Larven, Heuschrecken und Maden die ursprünglichen Proteinquellen der Menschheit.

Insekten auf dem Teller
Gegart, frittiert, karamelisiert: Insekten als Nahrung. Bildrechte: imago/Panthermedia

Bis heute gehören sie in über 130 Ländern zur  Ernährung, heißt es im Insektenatlas. In mangelernährten Gesellschaften stellt die Insektenzucht demnach besonders für Frauen nicht nur eine Nahrungs-, sondern auch eine Geldquelle dar, nämlich durch den Verkauf der Insekten. In traditionell männlich geprägten Kulturen bekommen dem Atlas zufolge noch heute zuerst die Männer das teure Fleisch, selbst dann wenn Frauen einen höheren Eisen- und Proteinbedarf haben wie in der Schwangerschaft oder Stillzeit. Diesen Ansatz kennt der eine oder andere vielleicht noch aus der eigenen Familie, der Vati kriegt das dickste Schnitzel.

Insektenvielfalt schwindet durch Fleischhunger

Wobei der Fleischhunger der Welt auch einer der Sargnägel für die Insektenvielfalt ist, wenn beispielsweise in Südamerika in gigantischen Monokulturen Soja als Futterpflanze für Rinder angebaut wird. Egal, wo - Monokultur geht Hand in Hand mit dem Verlust des ökologischen Gleichgewichts und der Artenvielfalt. Und für alle, die sich gruseln beim Gedanken an Knusperheuschrecke in Sojasauce -  das Geschäft mit dem Insekten-Protein lohnt sich frühestens in zehn Jahren, sagt eine Studie des britischen Finanzunternehmens Barcly. Der andere Sargnagel sind chemische Pflanzenschutzmittel, die den Wuchs von Beikräutern verhindern und Schädlinge beseitigen. Weltweit werden 600 Wirkstoffe eingesetzt,

Auf jedes Schadinsekt zehn bis 15 Fressfeinde 

Vielleicht sollten wir uns diese Fakten vor Augen führen: Nicht nur Bienen sind Bestäuber und sorgen für Getreide, Obst und Gemüse, sondern auch viele andere Insekten. Eine Hummel zum Beispiel bestäubt pro Tag 3.800 Blüten. Außer Apis Mellifera, der Biene, hat kein anderes Insekt so eine positive Identifikationsfigur wie die unverwüstliche TV-Biene Maja. Zum Beispiel die Marienkäferlarven. Kaum ein anderes Bild wird in Gartenforen so oft gepostet mit den Fragen : "Was ist das und sind die gefährlich?" Marienkäferlarven fressen bis zu 50 Blattläuse pro Tag, bis Ende dieses Stadiums bis zu 40.000. Außerdem mögen sie Kartoffelkäfer, Getreidehähnchen, Rapsglanzkläfer.

Marienkäfer - Larve und Schlupfmoment

Larve eines Marienkäfers mit Blattläusen auf einem Blatt
Bildrechte: imago images / blickwinkel
Larve eines Marienkäfers mit Blattläusen auf einem Blatt
Bildrechte: imago images / blickwinkel
Marienkäfer schlüpft aus Puppenhaut
Bildrechte: imago images / blickwinkel
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Insektenbefruchtung wirkt sich auf Geschmack und Haltbarkeit aus

Oder Florfliegenlarven: Die vertilgen immerhin 500 Blattläuse in drei Wochen. Schlupfwespen parasitieren Eier, Larven und ausgewachsene Insekten. Theoretisch hat jedes Schadinsekt zehn bis 15 natürliche Feinde, heißt es im Insektenatlas. Insgesamt gibt es demnach 90 Arten, die im biologischen Pflanzenschutz eingesetzt werden. Es geht teilweise auch schon ohne Insekten - Bestäubung von Hand erfolgt laut Atlas bereits in 20 Ländern, darunter China, Pakistan, Chile Neuseeland oder Italien. Der Preis dafür: Äpfel ohne Kerne enthalten weniger Calzium und faulen schneller, auch Erdbeeren brauchen Insektenbefruchtung, um besser zu schmecken und länger zu halten.

Was Kuhfladen verraten

Person mit Gummistiefel läuft in Kuhfladen
Statt mit Füßen treten - Lupe rausholen und mal genauer angucken Bildrechte: imago images / Westend61

Statt "Iih, ein Pferdeapfel", oder "Bah, ein Kuhfladen" sollten wir lieber mal richtig hinschauen: Was kreucht und fleucht da auf den tierischem Dung? Je mehr Käfer und Fliegen, um so intakter das Agrarsystem. Denn die Fladen haben es in sich, wie eine niederländische Vergleichsstudie von dreierlei landwirtschaftlichen Systemen laut Insektenatlas zeigt: Verglichen wurden jeweils zwölf Kuhfladen, zehn Tage alt, von Kühen aus acht konventionellen, sechs ökologischen Höfen und sechs aus Naturschutzgebieten.

Insekten pro Kuhfladen
Konventionelle Landwirtschaft Ökologische Landwirtschaft Landwirtschaft in Naturschutzgebiet
102 156 168

Koexistenz statt Kampf bis aufs Messer

Trotzdem sollten wir dringend lernen Insekten zu mögen. Oder uns wenigstens mit ihnen zu arrangieren. "Erst sprühen wir jahrzehntelang Gift auf die Äcker, und jetzt jammern wir, dass die Insekten weg sind", ätzt Kabarettist Hagen Rether auf der Bühne. Unrecht hat er nicht, wie diese Grafik des Insektenatlas 2020 deutlich aufzeigt: Ohne Insekten, also Bestäuber, weniger Obst, Getreide, Gemüse.

Grafik Nahrungsmittel
Bildrechte: MDR /Maik Schuntermann

Fazit: Insekten brauchen keine Menschen, wir aber die Insekten

Das Fazit des über 50-seitigen Insektenreports ist kurz und eindeutig: Insekten würden ohne uns Menschen auf der Erde sehr wohl überleben, Menschen ohne Insekten dagegen nicht. Nicht wirklich überraschend, wenn man in die Evolutionsgeschichte schaut: Vor etwa 370 Millionen Jahren hatten sich erste fliegende Insekten entwickelt. Die Menschen entwickelten den aufrechten Gang dagegen erst vor drei bis vier Millionen Jahren. 

Eine Libelle
Bildrechte: MDR/Andreas Metzmacher

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Sachsenspiegel | 08. Januar 2020 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Januar 2020, 12:09 Uhr

2 Kommentare

MDR-Team vor 1 Wochen

Hallo Menke,
die uns bekannten Studien zum Thema bestätigen Ihre Ausführungen nicht. Leider sind Ihre Quellenangaben sehr schwammig. Könnten Sie diese bitte konkretisieren, damit es uns möglich ist, die angesprochenen Studien zu evaluieren?
Freundliche Grüße aus der MDR-Wissen-Redaktion

menke vor 1 Wochen

Es hat schon seit 1990 Studien über dieses Thema gegeben, die aber ein vollkommen anderes Bild zeigen, als es in der Öffentlichkeit dargestellt wird. Die meisten stammen von Ländereien aus dem Münsterland, dem Tecklenburger Land oder dem Emsland. Im Ergebnis sieht es so aus: bis 1990 kein Rückgang. Danach bis 2000 ein Rückgang von 54 %. Danach bis 2008 ein Rückgang auf 6 % des Wertes von 1955! Dieser Wert ist seitdem unverändert. Dabei gibt es keine Unterschiede zwischen konventionellem oder Bioackerbau! 2016 wurde südlich von Münster (Amelsbüren) eine neue Studie durchgeführt. Ergebnis: auf Wiesen in Schutzgebieten im bioanbau ein Rückgang von 76% , im Wald ein Rückgang von 30%, im konventionellem Anbau kein Rückgang! Auf Bioflächen in Schutzgebieten , die Sonderkulturen anbauen, verläuft der Rückgang an Insekten ausrottungsähnlich ( steht wirklich so drin). Es gibt keine Hinweise auf das verursachende Mittel. Alle Gelege von Bodenbrütern wurden durch Prädatoren vernichtet.