Eine Hummel im Anflug auf eine Lupine
Bildrechte: MDR / Gerald Perschke

Biotope in der Großstadt Wie Kleingärtner mit Wildwuchs Arten schützen können

Die industrialisierte Landwirtschaft setzt der Artenvielfalt zu. In Monokulturen leben immer weniger Tier- und Pflanzenarten. Städte werden wichtige Rückzugsorte für Biodiversität. Was Kleingärtner für Artenschutz tun können.

von Clemens Haug

Eine Hummel im Anflug auf eine Lupine
Bildrechte: MDR / Gerald Perschke

Die Indizien sind alarmierend: Weil landwirtschaftliche Flächen an vielen Orten größer und gleichförmiger werden, weil Bauern mehr chemische Dünger und Schutzmittel einsetzen, finden viele Insektenarten und dadurch auch Vögel immer weniger Nahrung. "Das führt unter anderem dazu, dass wir bei verschiedenen Indizes – zum Beispiel für Schmetterlinge und für Vögel in der Agrarlandschaft – einen Rückgang sehen und den auch kontinuierlich", sagt Aletta Bonn, Professorin am Helmholtz Zentrum für Umweltforschung (UFZ) und am Deutschen Zentrum für integrierte Biodiversitätsforschung (iDiv) in Leipzig.

Zwar fehlen den Forschern noch viele Daten, um die Entwicklung genau zu verstehen. Doch schon jetzt ist klar: Die Natur in den Städten der Menschen wird ein immer wichtigerer Rückzugsort für viele Pflanzen und Tiere.

Städtische Grünflächen können, wenn sie reich strukturiert sind, sehr wichtige Lebensräume für wild lebende Pflanzen und Tiere bieten und wenn ein Nahrungsangebot da ist auch für sehr viele Insekten.

Aletta Bonn, UFZ und iDiv Leipzig

Gartenstadt Leipzig

Besonders gute Voraussetzungen haben Bonn und ihre Kollegen in Leipzig gefunden. Die Messestadt ist auch eine Gartenstadt: 30 Prozent aller Grünflächen sind Kleingärten, auf jeden Einwohner kommen 23 Quadratmeter. Wenn die Gärtner ihre Flächen schonend bewirtschaften – wenn sie also auf Chemie verzichten oder auch mal Wildwuchs zulassen, dann können sie wichtige Lebensräume für Schmetterlinge und Bienen schaffen.

Bonn und ihre Kollegen haben 30 Kleingärten in der Stadt miteinander verglichen. "Da kam klar heraus: Die Gärten, die nicht zu oft gemäht wurden, wo auch wilde Ecken gelassen wurden, mit Steinmauern, mit Gebüsch und wo heimische Pflanzen angebaut wurden, diese Gärten waren wesentlich reicher in der Biodiversität", sagt sie.

Brennnesseln locken Tagpfauenaugen an

Wenn ein Garten beispielsweise offene Sandstellen hat, können dort Sandbienen leben. Vögel finden in Hecken oder nicht zu stark beschnittenen Bäumen Nistmöglichkeiten. Kleine Teiche sind Lebensräume für Amphibien, Eidechsen leben in Trockenmauern. Und die Raupen der Schmetterlinge brauchen die Blätter von Brennnessel oder Diestel als Futter. Wer die oftmals verhassten Nesseln in oder im Umfeld seines Gartens toleriert, darf sich später zum Beispiel über den Besuch von Tagpfauenaugen freuen.

Damit Gärten also eine Heimstatt des Artenreichtums werden können, sollten Kleingärtner die Zügel etwas schleifen lassen. "Das hat unsere Untersuchung sehr stark gezeigt, dass die spontane Vegetation, dazu würden andere Unkraut sagen, dass die sehr sehr wichtig ist. Wenn man hier zum Beispiel sowas wie die wilde Möhre zulässt, dann sind das wichtige Futterpflanzen für Schmetterlinge", sagt Aletta Bonn.

Mit den Nachbarn verabreden

Wichtig ist auch, dass Gärtner vor allem Pflanzen anbauen, die heimisch sind. Denn auf die sind die heimischen Tierarten angewiesen. Blumen mit großen, gefüllten Blüten sehen zwar schön aus, bieten Insekten aber keine Nahrung, weil sie keine Staubblätter haben. Auch bei einer hübsch gelb blühenden Forsythie würden Bienen einfach verhungern: Sie produzieren keinen Nektar.

Ein Pfauenauge sitzt auf einem Geländer.
Bildrechte: Gerald Perschke

Bonns Kollege Guy Pe'er vom iDiv rät naturnahen Gärtnern auch, sich zusammenzuschließen. Wer besonders große Schmetterlingsarten erleben will, etwa den Schwalbenschwanz, muss den Tieren ausreichend Nahrung zur Verfügung stellen.

"So ein großer Schmetterling braucht eine größere Fläche, nicht nur eine oder zwei Pflanzen. Deshalb muss man mit den Nachbarn sprechen: 'Wir sollten beide Fenchel und Karotten anbauen, natürlich ohne Pestizide, damit sich die Raupen dort ernähren können'", sagte er.

Erlebnis naturnaher Garten

In Leipzig können Hobbygärtner unter anderem im Stadtgarten Connewitz erleben, was ein naturnaher Garten dem Gartenfreund bringt. Der Stadtgarten ist ein ehemaliges Schulgelände. Seit etwa 20 Jahren betreibt der Umweltbund Ökolöwe hier einen Garten, der auch Nutzbeete für den Gemüse- oder Kräuteranbau enthält. "Dort sind ganz viele verschiedene Insekten und Tiere, die man beobachten kann. Vögel, Amphibien und so weiter. Es gibt auch Artenvielfalt im Bereich der Pflanzen und Gehölze", sagt Christiane Heinichen, die beim Ökolöwen zuständig ist für den Bereich "Grüne Stadtgestaltung", zu dem auch der Garten gehört.

Wir haben dort Buntspechte, Grünspechte, den Zaunkönig – das ist ein ganz kleiner Vogel, der in den Hecken nistet – Amseln, Meisen, Kleiber, Fadenmolche im Teich, Zauneidechsen, verschiedene Frösche und Kröten, verschiedene Bienen und Hummelarten, die wir dort auch beobachten können, wir haben Igel. Das ist eine Botschaft, die wir auch immer wieder von anderen Leuten bekommen, die anfangen naturnah zu gärtnern. Dass man da eine ganz andere Sensibilität bekommt für Natur und Umwelt und ganz viel beobachten kann, in seinem eigenen Garten was man dann mit seinen Kindern teilen kann.

Christiane Heinichen, Umweltbund Ökolöwe

Die Tiere sind nicht nur schön anzusehen. Wer seinen Garten ökologisch gesund hält, etwa den Boden intakt, darf sich auch über viele Helfer freuen: Marienkäfer fressen schädlich Blattläuse, Regenwürmer lockern den Boden auf.

Viel machen müssen die Gärtner nicht: Statt eines teuren Insektenhotels sollten sie lieber in einer Hecke einen Haufen mit abgeschnittenen Ästen und Zweigen lassen oder Laubhaufen nicht zu schnell abräumen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Lexi TV | 21. März 2018 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. März 2018, 16:24 Uhr