Zugvögel Kraniche überwintern in Deutschland

Kraniche im Januar – das erlebt man eigentlich nur in Südfrankreich oder Spanien. Doch Vogelschützer haben festgestellt: Viele Kraniche überwintern inzwischen auch in Deutschland. Zum Beispiel im Vogelschutzgebiet am Helme-Stausee bei Kelbra. Dort hat MDR Wissen Reporter Johannes Schiller Vogelschützerin Helga Bauersfeld getroffen.

“Da sind sie! Sehen Sie, sie haben noch Glück.“ Helga Bauersfeld ist im Kranichfieber: Sie steht im Garten der Naturschutzstation Numburg am Nordrand des Kyffhäusers. Vorn ist der Helmestausee im dichten Nebel,  über ihr ein Dutzend Kraniche.  Die Nacht verbringen die Vögel im Wasser. Geschützt vor Fressfeinden wie dem Fuchs. Das macht den Stausee für die Kraniche so attraktiv. Am Tag geht es auf Futtersuche.

Helga Bauersfeld
Bildrechte: MDR/Johannes Schiller

Der Kranich fliegt ja von hier aus in ein Umfeld von bis zu 50 Kilometern. Das heißt: Die volle Bandbreite! Machen wir uns nichts vor, in den letzten Jahren wird Mais angebaut. Noch und nöcher. Da findet der Kranich genügend Futter.

Helga Bauersfeld

Im Herbst machen Zehntausende Kraniche am Stausee Rast. Im Moment sind nur noch 50 bis 60, die hier offenbar überwintern. Anderswo in Deutschland sind es weit mehr. Allein in Niedersachsen und Brandenburg überwintern nach Angaben des Kranichschutz Deutschland etwa 30.000 Vögel.

Kurze Zugwege in den Norden

Eine Entwicklung, die auch Prof. Dr. Hartwig Prange aus Halle beobachtet. Prange forscht seit 50 Jahren zum Kranich. Die Zugwege, sagt Prange, werden kürzer und verlagern sich nach Norden.

In Frankreich haben vor 40 Jahren vielleicht 5.000 überwintert, heute 100.000. In Deutschland in milden Wintern bis 20.000. Es liegt einfach daran, dass wir weniger Kälte, weniger Schnee haben und Futter vorhanden ist auf den Feldern.

Prof. Hartwig Prange

An fünf bis sechs Tagen pro Saison kommt es zu sogenannten Massenzügen. Dann fliegen zehntausende Vögel auf einmal Richtung Süden. Doch abseits dieser Reisegemeinschaften sind auch kleinere Gruppen unterwegs. Kranich-Forscher Prange vermutet, dass dann vor allem erfahrene Tiere entscheiden, ob die Gruppe an einem Ort wie dem Helmestausee bleibt – oder weiterfliegt. Die Faktoren sind vielfältig. Wissenschaftler sprechen dabei z.B. vom Mitnahmezug oder dem sozialen Zug.

Angenommen es stehen am Helmestausee noch etwa 40 Kraniche. Dann kommt eine Gruppe aus dem Osten, die sich ein paar Tage aufhält und weiterfliegt. Dann können die 40 mitfliegen. Das wäre der soziale Zugantrieb.

Prof. Hartwig Prange

Auf der westeuropäischen Zugroute der Kraniche bleibt Spanien das wichtigste Winterlager. Hier überwintern etwa 250.000 Vögel. Doch prinzipiell hat es für die Kraniche durchaus Vorteile, wenn ihr Winterquartier näher an der Heimat – also der Brut-Stätte – liegt. Prange erklärt: “Je näher sie an ihrem Revier sind, desto schneller sind sie im Januar, Anfang Februar wieder zu Hause. Und das ist wichtig, weil es genügend suchende Paare gibt, die ihnen ihr Revier wegnehmen könnten. Das ist ein Grund, weshalb Brut-Kraniche so kurz wie möglich fliegen.“

Stausee Kelbra Der Helmestausee (auch Stausee Kelbra/Talsperre Kelbra) liegt in der Goldenen Aue im Norden des Naturparks Kyffhäuser. Er ist max. 3,5 Meter tief und rund 600 ha groß. Bei Hochwasser kann sich die Fläche verdoppeln. Mitte der 1990er-Jahre zählte das Landesumweltamt gut 2.000 Kraniche, die dort auf dem Weg in die Winterquartiere rasteten. Im Jahr 2000 waren es bereits über 10.000. Heute gilt der Stausee als der bedeutendste Vogelrastplatz in Mitteldeutschland.

50.000 Tiere rasten gemeinsam

Orientierungstafel mit Überschrift "Achtung Kranichschutz"
Bildrechte: MDR/Johannes Schiller

Zurück am Helmestausee bei Vogelschützerin Helga Bauersfeld. Sie denkt schon jetzt an die große Kranichrast im Herbst. Wenn nicht 50, sondern bis zu 50.000 Vögel den Stausee bevölkern.

Doch das geht aus ihrer Sicht nur, wenn anders als im vergangenen Jahr ein Teil des Wassers abgelassen wird - als Lebensraum für die Kraniche.

Wir wollen ja nicht unbedingt, dass der See leer ist. Aber wenn er runtergefahren wird bis auf drei bis vier Millionen Kubik, dann hat der Kranich auch Platz. Aber wenn hier mehr als zwölf Millionen Kubik drin sind, dann hat der Kranich nicht eine Schlammfläche, wo er übernachten kann.

Helga Bauersfeld

Bleibt der Stausee zu voll, will sie notfalls sogar die EU-Kommission einschalten. Denn schließlich, so Bauersfeld, liegt der Helmestausee in einem Europäischen Vogelschutzgebiet. Und wenn es um den Kranich geht, macht die Vogelschützerin keine Kompromisse.

Der Kranich ist eigentlich immer ein Tier, was für Menschen in vielen Regionen das Frühjahr bedeutet hat. Das Frühjahr kommt, wir haben eine schlechte Zeit überstanden. Umsonst heißt er nicht 'Der Vogel des Glücks'. Wir sollten uns an der Schönheit dieses Tieres auch ein bisschen mehr erfreuen.

Helga Bauersfeld

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Radio | 15. Januar 2018 | 06:20 Uhr