Berlin wirbt mit einem Plakat für Mülltrennung
Bildrechte: IMAGO

Abfallstudie Wie kommt der Kunststoff in den Biomüll?

Wir Deutsche gelten als Weltmeister der Mülltrennung. Offenbar haben wir aber trotzdem noch Nachholbedarf. Denn wie sonst kommen all die Kunststoffe in den Biomüll, die Forscher dort jetzt systematisch gefunden haben?

von Gerald Perschke

Berlin wirbt mit einem Plakat für Mülltrennung
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Kunststoffe im Biomüll? Wie kann das sein? Sind wir wirklich zu dumm zum Mülltrennen? Fragt man Ruth Freitag, Professorin für Bioprozesstechnik an der Universität Bayreuth, dann liegt das Problem nicht nur am Verbraucher vor der Biotonne. "Warum muss denn jede Kartoffeln noch extra verpackt werden?", fragt sich die Wissenschaftlerin. Das Ziel beim Verpackungsmüll müsse doch von Anfang an sein: "Vermeiden, vermeiden, vermeiden! Das macht alles viel einfacher."

Verschiedene Kunststoffteilchen
Kunststoffpartikel in Dünger aus organischen Abfällen: (A) Polystyrol-Partikel. (B und C) Polyethylen-Fragmente. (D) Polyamid-Partikel. (E) PET-Faser. (F) Polystyrol-Fragment. Bildrechte: Universität Bayreuth

Doch die Ergebnisse der Untersuchungen der Uni Bayreuth, die jetzt im Magazin Science Advances veröffentlicht wurden, zeigen deutlich: Im wertvollen Biomüll, der Ausgangsstoff für Biodünger oder Biogas ist, findet sich jede Menge Plastik. Das bedeutet: Mit dem Biodünger gelangen diese Mikroplastikpartikel auf den Acker, damit in die Pflanzen und wieder zurück in die Nahrung. Bei ihren Untersuchungen haben die Forscher allerdings sehr unterschiedliche Belastungen gefunden. Sie reichten von 7.000 Partikeln (1 bis 5 mm), was laut Freitag fast als sauber einzustufen ist, bis zu 440.000 Mikroplastikteilen pro Tonne.

Müllsieben wie beim Goldwaschen

Die Teams aus Wissenschaftlern und Studenten sind bei den Untersuchungen an bayrischen Biogas- und Biodünger-Anlagen sehr akribisch vorgegangen. Es war wie beim Goldwaschen, so Forscherin Freitag. Der Müll wurde kiloweise gewaschen, gesiebt und dann Stückchen für Stückchen sortiert.

Dabei mussten die Studierenden aufpassen, dass sie den Müll nicht verunreinigen, denn wir tragen alle ständig Kunststoffe mit uns, beispielsweise in der Kleidung.

Ruth Freitag
Bildrechte: Universität Bayreuth

Die Auswertung zeigte danach, dass wir Verbraucher aber auch Handel und Industrie großen Nachholbedarf beim Trennen haben.

In Anlagen, die Haushaltsbioabfall verarbeiten, fanden die Wissenschaftler hohe Konzentrationen von Kunststoffpartikeln, vor allem Teilchen aus Polystyrol oder aus Polyethylen, also aus Materialien, die häufig in Verpackungen von Lebensmitteln und anderen Konsumartikeln benutzt werden. Es waren die Reste von Tüten, Beuteln oder anderen Behältern. Werden sie in Biogasanlagen in Gas umgewandelt, bleiben in den Rückständen der Vergärung Kunststoffpartikel mit einem Durchmesser von wenigen Millimetern, die dann in den Dünger gelangen.

Bei Biogasanlagen, die ausschließlich organische Abfälle aus Industrie und Handel verwerten, fanden die Wissenschaftler auffallend hohe Anteile von Polyestern. Das sind Kunststoffe, die offenbar aus Behältern und Schutzmaterialien stammen, die bei der Verpackung und beim Transport großer Mengen von Früchten und Gemüse zum Einsatz kommen.

Dort, wo nachwachsende Rohstoffe in Biogasanlagen verwendet werden, sieht die Sachen jedoch anders aus. Hier haben die Bayreuther Forscher keine oder nur sehr wenige Kunststoffpartikel in den Gärresten entdecken können. Auch bei Anlagen, die Gülle aus der Landwirtschaft verwenden, waren kaum Kunststoffe zu finden.

Den Kreislauf erhalten

Eigentlich dürften die mit Kunststoff belasteten Abfälle gar nicht als Biomüll verwendet werden. In Bayern, so Bioprozesstechnikerin Freitag, gibt es Umweltdetektive, die stichprobenartig die Tonnen kontrollieren. "Die Verunreinigung wird dabei am Eisengehalt festgemacht, da sich das einfacher nachweisen lässt", so Freitag.  Und dieser Biomüll wird dann verbrannt. Was einer mittleren Katastrophe gleich kommt, sagt Freitag.

Denn dabei entsteht CO2 und das noch viel umweltschädlichere Methan. Das können wir uns einfach nicht leisten.

Dieses Thema im Programm: MDR Fernsehen "exakt - die story" | 07. März 2018 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. April 2018, 14:51 Uhr